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Morioka: Stadt der Nudeln & Handwerkskunst

Diana Casanova
Diana Casanova

Nicht viele ausländische Touristen zieht es in die nördliche Tōhoku-Region. Erst als die New York Times sie Anfang 2023 in ihre „52 Places to Go“-Liste aufnahm, erfuhr die Stadt Morioka in der Präfektur Iwate einen größeren Reiseboom. Was gibt es dort alles zu entdecken?

Backsteingebäude der Bank of Iwate
Das ikonische Backsteingebäude der Bank of Iwate gehört zu Moriokas bekanntesten Sehenswürdigkeiten. © iStock.com/PixHound

Mit knapp 284.000 Einwohnern ist Morioka eine typische japanische Großstadt. Die Hauptstadt der Präfektur Iwate liegt im hohen Norden Japans, über 180 km nördlich von der Millionenstadt Sendai entfernt. Das Stadtbild ist geprägt von den umliegenden Gebirgen, allen voran der über 2.000 m hohe Berg Iwate, welcher auch ein aktiver Vulkan ist.

Obwohl sie eine der größten Städte der Region ist, hat sich Morioka den historischen Charme des feudalen Japans erhalten. Einst als Nanbu-Domäne bekannt, verbündeten sich die Anführer des Nanbu-Clans 1590 mit dem Kriegsherren Toyotomi Hideyoshi, der sie wiederum zu den Feudalherren (daimyō) der Region erklärte. Nach der Schlacht von Sekigahara 1600, aus dem Tokugawa Ieyasu siegreich hervorging und damit die über 200 Jahre andauernde Herrschaft seiner Familie begründete, wurde die nun in Morioka umbenannte Domäne Teil des Tokugawa-Shōgunats. Mit dem Beginn der Meiji-Zeit 1868 und der Gründung der uns heute bekannten Präfekturen, wurde 1870 die Morioka-Domäne zunächst in die Präfektur Morioka umgewandelt und zwei Jahre später in einen Teil der Präfektur Iwate.

Panorama Moriokas mit dem Iwate-Berg im Hintergrund.
Panorama Moriokas mit dem Iwate-Berg im Hintergrund. © iStock.com/nattya3714

Bisher vergleichsweise selten von ausländischen Touristen besucht, erfuhr Morioka Anfang 2023 große Aufmerksamkeit, als die renommierte US-Zeitung New York Times sie in ihre „52 Places to Go“-Liste aufnahm. Der Artikel hob besonders die historischen Gebäude aus der Taishō-Zeit (1912-1926) mit ihrer Mischung aus japanischer und westlicher Architektur sowie die authentischen Cafés und Manufakturen der Stadt hervor. Ein guter Anlass also, um sich genauer mit Moriokas Sehenswürdigkeiten und Vorzügen zu befassen!

Morioka, eine Nudelstadt

Auf kulinarischer Ebene ist die Stadt allen voran für die „Morioka sandaimen“ landesweit berühmt – die „Drei großen Nudeln Moriokas“. Dabei handelt es sich um drei in Morioka entstandene – an sich jedoch typisch japanische – Nudelsorten bzw. -gerichte, die sich durch ihr Geschmacksprofil und ihre Zubereitungsart abheben.  

Morioka Reimen ist ein kaltes Nudelgericht, welches auf dem koreanischen Naengmyeon basiert. Die Nudeln bestehen aus Kartoffelstärke, Weizen- und Buchweizenmehl, was ihnen eine zähere Textur verleiht. Serviert werden sie in einer klaren Brühe u. a. mit Gemüse, einem hartgekochten Ei und Kimchi. Besonders in den 1980ern wurden sie im Rahmen eines Gourmet-Booms landesweit bekannt und erfreuen sich seither als lokale Delikatesse großer Beliebtheit.

Morioka Reimen
Morioka Reimen werden mit unterschiedlichen Toppings kalt serviert. © Photo AC / cocona251

Ebenfalls basierend auf einem ausländischen Gericht (Zhajiangmian aus China), bestehen Morioka Jajamen aus flachen Udon-Nudeln, die mit Frühlingszwiebeln, Gurken sowie einer dunklen Miso-Paste, in die Sojasauce, Hackfleisch, Zwiebeln, Shiitake, Knoblauch und weitere aromatische Zutaten eingekocht wurden, serviert werden. Die Paste wird vor dem Verzehr mit den Nudeln vermischt. Wer möchte, kann seine Morioka Jajamen in sogenannte Chitantan umwandeln: Kurz bevor man alles aufgegessen hat, wird ein rohes Ei und kochendes Wasser mit den restlichen Nudeln vermischt. Das ergibt eine Art Nudelsuppe mit Eierstich.

Morioka Jajamen
Morioka Jajamen. © Photo AC / Juncon

Zu guter Letzt ist Morioka für Wanko Soba berühmt. Diese Spezialität besteht aus einer kleinen Portion einfachen Buchweizennudeln, die nach dem Essen sofort wieder aufgefüllt wird. Das geht so lange, bis der Gast seine Schüssel mit einem Deckel schließt. In der Regel schaffen Gäste mehrere Dutzend Portionen, bevor sie satt sind. Der Name wanko stammt aus dem regionalen Iwate-Dialekt, was so viel wie „kleine, hölzerne Schüssel“ bedeutet.

Wanko Soba
Weniger ein spezielles Gericht, als eine Art zu essen: Beim Wanko Soba wird gegessen bis zum Abwinken. © Photo AC / kilmyway

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Traditionelle Nanbu-Eisenwaren

Vornehmlich hergestellt in den Städten Morioka und Ōshū, sollen die sogenannten Nanbu-Eisenwaren ihren Ursprung im späten 17. Jahrhundert haben, als der herrschende Nanbu-Clan talentierte Handwerkskünstler aus Kyōto einlud, um Teekessel und andere Behälter für die Teezeremonie herzustellen. Die Eisenwaren, insbesondere die Teekessel, sind äußerst rostbeständig, langlebig und sorgen für eine gleichmäßige Wärmeverteilung, was wiederum den Geschmack des Tees positiv beeinflusst. Die für Nanbu-Eisenwaren typischen kreisförmigen Unebenheiten dienen zur Vergrößerung der Oberfläche.

Ein Teekessel nach Nanbu-Art
Ein Teekessel nach Nanbu-Art. © Photo AC / 丸岡ジョー

In Morioka und Ōshū befinden sich heutzutage zahlreiche zertifizierte Manufakturen, in denen die Handwerkskünstler nach traditionellen Methoden unterschiedliche Eisenwaren für den alltäglichen Gebrauch herstellen. Mittlerweile kann man diese aber auch in anderen Städten Japans sowie online erwerben.

Lokale Sehenswürdigkeiten

Burg Morioka & Iwate-Park

Während der Edo-Zeit (1603-1868) die Residenz des Nanbu-Clans, begann der Bau der Burg Morioka im Jahre 1598 und wurde erst 1633 fertiggestellt. Ihre Wälle bestanden aus Granit, das aus den Steinbrüchen der Region stammte. Die Burg galt als politisches und wirtschaftliches Zentrum der Domäne, bis sie im Zuge der Meiji-Restauration und Modernisierung Japans an Bedeutung verlor. 1874 wurden alle Gebäude abgetragen oder zerstört, sodass heute nur noch die Wallanlagen existieren.

Erst 1906 wurde das bis dahin ungenutzte Gelände vom Landschaftsarchitekten Nagaoka Yasuhei in einen weitläufigen Park umgestaltet. Der zentral gelegene Iwate-Park ist heute ein beliebter Ort für Spaziergänge in der Natur und zur Besichtigung der Burgruinen. Besonders zur Kirschblütenzeit zieht es Besucher:innen in den Park, welcher sogar Gegenstand berühmter Werke der japanischen Schriftsteller Nitobe Inazō, Ishikawa Takuboku und Miyazawa Kenji ist. 

© Photo AC / NR1000

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Bank of Iwate

Erbaut im Jahre 1911, diente dieses elegante Backsteingebäude einst als Hauptquartier der regionalen Morioka Bank, bevor diese 1933 ihren Betrieb einstellte und von der Iwate Shokusan Bank (ab 1960 Bank of Iwate) übernommen wurde. Das Gebäude wurde vom Architekten Tatsuno Kingo entworfen, aus dessen Feder auch das Hauptquartier der Bank of Japan in Tōkyō stammt. Es ist ein beeindruckendes Beispiel der Architektur der Meiji-Zeit (1868-1912), die stark von westlichen Einflüssen geprägt war. Seit 2016 dient die Bank of Iwate, welche von der Regierung zum “Wichtigen Kulturgut” ernannt wurde, als Museum und ist für die Öffentlichkeit zugänglich. Sie befindet sich unweit des Iwate-Parks, ca. 25 Gehminuten von der JR Station Morioka entfernt. 

Das Backsteingebäude der Bank of Iwate
Das Backsteingebäude der Bank of Iwate. © Photo AC / T-matty

Morioka Tezukuri Village

Im “Morioka Handwerker-Dorf” ist der Name Programm: Dort werden hochwertige Waren lokaler bzw. traditioneller Manufakturen verkauft und Workshops angeboten. Besonders beliebt ist die Herstellung von Nanbu-Senbei, japanische Reiscracker, deren Teig (dem Erdnüsse oder andere Zutaten beigemischt wird) in gusseiserne Formen gefüllt und über heißen Kohlen gebacken wird. Weiterhin werden Indigo-Färberei, Holzverarbeitung, Strick- und Kochkurse angeboten. 

Nanbu-Senbei.
Nanbu-Senbei. © Photo AC / miiinaamiii

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Traditionelle Festivals 

Während in der ganzen Präfektur Iwate viele traditionelle Volksfeste stattfinden, stechen diese beiden besonders hervor: Das Chagu Chagu Umakko-Festival findet jährlich am zweiten Samstag im Juni statt und feiert Iwates tiefe Verbundenheit zu Pferden. Seit der Antike ist die Region für die Pferdezucht bekannt, die Menschen lebten sogar unter einem Dach mit den Tieren. Es heißt, dass der Ursprung dieses Festes vor ca. 200 Jahren liegt, als die Bauern in Schreinen für ihre geliebten Pferde beteten, deren Arbeitskraft auf den Feldern unabdingbar war. Eine Parade von etwa 100 Pferden, die in farbenfrohen Stoffen und bis zu 700 Glocken gekleidet werden, wandert die 13 km lange Route vom Onikoshi Souzen-Schrein in Takizawa bis zum Hachiman-Schrein in Morioka. Der Begriff “Chagu Chagu” stammt angeblich vom charakteristischen Klang der Glocken, der während der Parade ertönt. 

Ein dekoriertes Pferd im Rahmen des Chagu Chagu Umakko-Festes.
Ein dekoriertes Pferd im Rahmen des Chagu Chagu Umakko-Festes. © Photo AC / ゆずきんぐ

Deutlich ausgelassener geht es beim Morioka Sansa Odori zu. Es ist das größte Festival der Präfektur (und einer der “Fünf großen Festivals der Tōhoku-Region”) und findet jährlich vom 1. bis zum 4. August statt. In abendlichen Paraden ziehen die großen Menschengruppen durch Moriokas Stadtzentrum und führen, begleitet von Taiko-Trommeln und Flötenmusik, traditionelle Tänze auf. In der letzten halben Stunde der ersten drei Nächte und in der letzten Nacht eine ganze Stunde lang, darf das Publikum sogar aktiv in den Paraden mittanzen.

Tänzerinnen und Tänzer während des Morioka Sansa Odori-Festivals
Tänzerinnen und Tänzer während des Morioka Sansa Odori-Festivals. © iStock.com/CHENG FENG CHIANG

Anfahrt

Von Tōkyō aus erreichen Sie Morioka mit dem Shinkansen (Akita- oder Tōhoku-Shinkansen), die Fahrt dauert ca. 2 Stunden und 15 Minuten. Von Sendai sind es mit dem Shinkansen ca. 40 Minuten.

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