Edo-Zeit (1603-1868): Feudalismus und bürgerliche Kultur

Hannah Janz
Hannah Janz

Die Edo-Zeit, oder auch Tokugawa-Zeit, beschreibt Japans letzte traditionelle Epoche. Es herrschte Frieden und Beständigkeit. Wo Wirtschaft und Kulturformen, wie Kabuki und Sumō, zu großer Blüte kamen und japanische Waren erstmals das Land verließen. Vom Wachstum bis zum Niedergang.

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Tokugawa Ieyasu
Tokugawa Ieyasu einte Japan mit seinem eigenen politischen System (Kanō Tan'yū, um 1650).

Grundlage dieser stabilen Phase der japanischen Geschichte war die Reichseinigung durch die drei Feldherren Oda Nobunaga, Toyotomi Hideyoshi und Tokugawa Ieyasu. Zuvor hatten zahlreiche Clans um die Vormachtstellung in Japan gekämpft. Diese Phase von 1467 bis 1568 wird deshalb „Zeit der streitenden Reiche“ (sengoku jidai) genannt.

Tokugawa Ieyasu machte sich mit dem Titel Shōgun zum obersten Feldherren dieses Landes, das nun bereits in weiten Zügen dem vereinten Japan glich, von dem wir heute als Nationalstaat sprechen. Nur Ryūkyū, heute Okinawa und das Gebiet der Ainu, heute Hokkaidō, gehörten noch nicht dazu. Tokugawa konsolidierte seinen militärischen Erfolg, indem er zwei neue politische und gesellschaftliche Systeme einsetzte: eine zentrale Regierung und ein strenges Ständesystem.

Edo: Neues politisches und kulturelles Zentrum

Der Machtanspruch des Shōguns resultierte aus seiner Stellvertreterfunktion für den Kaiser. Der Regierungsapparat (bakufu) wurde aber in die frisch aufgebaute Hauptstadt Edo, heute Tōkyō, verlegt, um jeglichen politischen Einfluss des Kaiserhauses in Kyōto zu unterbinden. Der Shōgun kontrollierte unter anderem die Bewegungsfreiheit der Bevölkerung, das Geldwesen, die Landvermessung sowie die Eichung von Gewichten und Maßen. Er erhob Wegzoll und regulierte so den Handel.

Holzschnittkünstler Hiroshige zeigt1833/34 das Treiben an der Nihonbashi-Brücke in Edo.

Japan selbst wurde unterteilt in Lehensgebiete. Der Shōgun ließ diese von Lehensfürsten (daimyō) verwalten. Familien, die dem Tokugawa-Clan gegenüber loyal waren, wurden näher an der Hauptstadt platziert, ehemalige Feinde an den Peripherien des Reiches. Um die daimyō zu kontrollieren, mussten diese dem Shōgun regelmäßig kostspielige Aufwartungen (sankin kōtai) in der Hauptstadt machen . Zudem lebten die Familien der daimyō als Geiseln in Edo.

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Zentrales Element der Außenpolitik wurde Japans Abschottung (sakoku): Ab 1642 herrschte Ein- und Ausreiseverbot. Ausländisches Gedankengut, darunter das Christentum der Portugiesen und Spanier, wurde so von der Bevölkerung ferngehalten. Das Shogunat selbst blieb stets auf dem neuesten Stand globaler Ereignisse. Vor allem holländische und chinesische Händler ohne Missionierungsbestrebungen durften in speziellen Häfen wie jenem der künstlichen Insel Dejima vor Nagasaki anlegen und versorgten die politische Elite mit Informationen. Auch brachten die Händler japanische Waren wie Seide oder Porzellan bis nach Europa.

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Chōnin-Kultur: Der kulturelle und politische Aufstieg der Bürger

Japans Gesellschaft der Edo-Zeit war in ein Ständesystem unterteilt. Über den vier Gruppen Samurai, Bauern, Handwerkern und Händlern (shi-nō-kō-shō 士農工商) stand der Adel, darunter die eta, deren Berufe mit dem Tod zu tun hatten und als unrein galten. Die Samurai wurden in diesem System von Kriegern zu Beamten. Den Bauern kam hohe gesellschaftliche Anerkennung zu, da sie das Grundnahrungsmittel Reis erzeugten und als Steuern an die Samurai abführten. Auch die Handwerker genossen hohes Ansehen. Die Händler standen wiederum unten im System, da sie selbst nichts produzierten.

Heutzutage finden vor allem Kunst und Kultur der städtischen Händler der Edo-Zeit Beachtung, während die der Samurai in den Hintergrund treten. Anders als in Europa hatte die Krieger-Elite ihren kulturellen Ausdruck nicht im Prunk, sondern in der ästhetischen Reduktion gesucht. Dies wird beispielsweise in der Teezeremonie deutlich.

Kunisada zeigt 1857 in der Reihe "100 schöne Frauen aus Edo" hier eine prächtig gekleidete Dame in Kasumigaseki.
Teezeremonie
Die Teezeremonie entwickelte sich unter den Samurai der Edo-Zeit weiter.
edo-tanabata
Edo feiert Tanabata, das Sternenfest - bis heute sehr ähnlich (Hiroshige, 1857).

Die Bürger in den Städten (chōnin) schufen eigene Kulturformen: Das Kabuki-Theater kam zu großer Blüte. Ein großes Zeitschriftenwesen, das Texte verschiedener literarischer Genres mit Holzschnittbildern kombinierte, etablierte sich vor allem in Edo. Sumō wurde populär. Diese Unterhaltungsformate wurden allerdings stark durch das bakufu kontrolliert und reglementiert.

Es ist davon auszugehen, dass Edo noch vor London oder Paris 1721 als erste Stadt die Millionen-Einwohner-Marke überschritt. Neben Edo gewann auch Ōsaka als Stadt der Händler an großer Bedeutung. Hier entstand 1697 die Dōjima-Reis-Börse, die als erste weltweit mit den zu erwartenden, also noch nicht existenten, Reis-Erträgen der Bauern spekulierte und handelte.

Drei Phasen: Wachstum, Stagnation und Niedergang

Jene Faktoren, die ab 1603 zur Etablierung der Tokugawa-Herrschaft beigetragen hatte, wurden ab Ende des 18. Jahrhundert zu ihren größten Schwachstellen. Das Ständesystem shi-nō-kō-shō hatte zunächst die Samurai als politisch herrschende Klasse verankert. Nach etwa 150 Jahren aber erlangten die Händler die finanzielle Vormacht, viele Samurai verschuldeten sich bei ihnen. Das Ständesystem mit seinem Mangel an sozialer Mobilität spiegelte die eigentlichen Machtverhältnisse nicht mehr wider, sodass das Potenzial innerer Umwälzungen stieg.

Ab Beginn des 19. Jahrhunderts waren auch die technologischen Entwicklungsmöglichkeiten Japans ausgeschöpft. Zunächst hatte die Abschließung des Landes innere Stabilität bewirkt, nun behinderte der Mangel an Einflüssen von außen Innovationen. Vor allem die Landwirtschaft hatte bei ihren Erträgen ein Plateau erreicht, sodass auch die Bevölkerungszahl bei etwa 30 Millionen stagnierte.

1853Yokohama_01
Lithografie von 1853 zur Landung der schwarzen Schiffe vor Yokohama.

Die Verbannung unliebsamer daimyō-Familien in die äußersten Lehen Japans schließlich führte dazu, dass sich diese trotz ihrer finanziellen Einschränkungen konspirativ zusammentaten und gegen das bakufu aufbegehrten. Diese Niedergangsphase der Edo-Zeit wird bakumatsu, Ende des bakufus, genannt und zumeist auf das Eintreffen der Schwarzen Schiffe der US-Marine 1853 datiert, die die Öffnung Japans nach 210 Jahren Abschottung erzwangen. Tatsächlich kündigte sich das Ende der Tokugawa-Herrschaft aber bereits mehrere Jahrzehnte zuvor an. Begründet lag ihr Niedergang im zunächst erfolgreichen feudalistischen System, das dann aber zu unflexibel war, sich an politische und gesellschaftliche Veränderungen anzupassen oder diese zu initiieren.

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