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Japan bereisen vs. in Japan leben: Unterschiede und was man aus ihnen lernen kann

Matthias Reich
Matthias Reich

Die Touristen sind zurück: Vor allem an den meistbesuchten Orten mehren sich die Sorgen über “Overtourism”. Lebt man in Japan, hat man mit diesem Problem eigentlich kaum zu tun - was Reisende, die das echte Japan kennenlernen wollen, von den Langzeitbewohnern lernen können.

Tōkyō bei Nacht.
Tōkyō bei Nacht. © Photo AC / りんちゃんさん

Als ich neulich zum ersten Mal seit langem nach Kamakura fuhr, und dort unter anderem auf ausdrücklichen Wunsch vereinzelter Kinder mit selbigen die berühmte Fressmeile entlang flanierte, hatte ich ein starkes Déjà-vu – plötzlich kam ich mir selbst wieder wie ein Tourist vor. Das lag vor allem daran, dass mich die Verkäufer alle auf mein Japanisch ansprachen. Sie betrachteten mich ganz klar als einen von den zehntausenden Touristen, die dort tagtäglich durchziehen. Dabei fühle ich mich nun schon seit fast Jahrzehnten nicht als solcher, weil ich mich in der Regel nicht dort aufhalte, wo sich die meisten Touristen aufhalten.

Das ist leichter gesagt als getan. Bevor ich aufgrund diverser Umstände nach Japan übersiedelte, hatte ich das Land schon mehrfach vorher besucht und dort auch studiert. Die Hauptsehenswürdigkeiten hatte ich damit schon abgeklappert – zu einer Zeit, als Japan noch als reichlich exotisches Reiseziel galt, da es so ganz ohne Internet und dergleichen eine echte Herausforderung war. Hin und wieder fährt man jedoch dennoch in touristisch stark frequentierte Gegenden, sei es, weil man Besuch hat, oder aus nostalgischen Gründen. Doch selbst dann gibt es ein paar Methoden, die Dinge in aller Ruhe zu genießen.

Unterkunft

Sicher, Hotels sind praktisch – in Japan allerdings nicht selten auch ziemlich eng und auch mal laut, wenn es sich um Business Hotels oder Hostels handelt. Eine gute Alternative sind minpaku wie AirBnb – gern auch ein bisschen abseits vom Trubel. Von dort kann man dann in aller Ruhe in ausgedehnten Spaziergängen und vielleicht auch mal ein bisschen planlos die Umgebung erkunden, kleine Schreine und dergleichen entdecken und in weniger frequentierten Restaurants oder Bars einkehren. Das gilt vor allem für die großen Städte wie Tōkyō oder Ōsaka. Wer nur in Asakusa weilt, wird vom echten Leben nicht viel mitbekommen. Eine Unterkunft etwas außerhalb, zum Beispiel in Nakameguro, Adachi oder Setagaya kann helfen, ein breiteres Bild zu erhalten.

Timing

Sicher, die meisten Attraktionen möchte man allein aus fotografischen Gründen bei blauem Himmel sehen. Doch beim kleinsten Tropfen Regen bleiben fast alle Japaner:innen zu Hause, und auch viele Touristen machen lieber etwas anderes. Da kann ein bisschen Regen schnell für einmalige Erlebnisse in den bekanntesten Sehenswürdigkeiten mit nur sehr wenig bis gar keinen Touristen sorgen. Asakusa, die Wolkenkratzer von Tōkyō oder Gion in Kyōto können auch bei schlechtem Wetter interessant sein.

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Planung

Eine gute Reiseplanung sorgt dafür, Überraschungen zu vermeiden. Leider vermeidet man damit aber nicht nur die unangenehmen, sondern oft auch die angenehmen. Warum nicht ein bisschen von der Planung abweichen und zum Beispiel ein, zwei Stationen vor oder nach dem geplanten Halt aussteigen und den Rest einfach laufen? So trifft man oftmals auf viele interessante Dinge. Bei Fahrten mit dem Shinkansen ist das freilich weniger empfehlenswert – es sei denn, man hat sehr viel Zeit.

Ebisu Yokocho
Wer sich die Zeit nimmt, entdeckt auch die kleinsten wundersamen Ecken Tōkyōs - wie etwa die Ebisu Yokochō-Kneipenmeile.

Kommunikation

Bei Übernachtungen in Hotels ist das Personal Fragen nach guten Restaurants in der Nähe gewohnt. Normalerweise zücken sie dann umgehend eine bereits vorbereitete Karte der Umgebung. In dem Fall kann man auch gern mal nachbohren, gerade bei älteren Angestellten: “Danke für die Karte, aber können Sie persönlich vielleicht etwas empfehlen?”. Auf diese Weise können Sie bei Touristen beliebte Einrichtungen gegen intimere eintauschen, die Einheimische bevorzugen.

Reisezeit

Auch die Reisezeit entscheidet stark darüber, ob es eher ruhig oder hektisch zugehen wird. Eine schlechte Reisezeit per se gibt es eigentlich in Japan nicht, alle Jahreszeiten haben ihren individuellen Reiz. Und die typisch japanischen Hochsaisons wie die Goldene Woche (Ende April bis Anfang Mai), O-Bon (meistens die zweite Augustwoche) und Neujahr (29. Dezember bis 4. Januar) bedeuten zwar, dass die Züge und Flüge alle voll sind – dafür sind die großen Städte zwar nicht menschenleer, aber deutlich weniger überlaufen als üblich. Auch im Juni (die Regenzeit, wobei es nicht permanent regnet) oder im Februar sind spürbar weniger Reisende unterwegs.

Reiseziel

Während sich in den typischen Destinationen die Menschen übereinanderstapeln, sind weite Teile Japans so gut wie immer nahezu menschenleer. In manchen Gegenden kann man stundenlang laufen, bis man jemanden trifft. Es muss also nicht immer die beliebte Izu-Halbinsel in der Präfektur Shizuoka sein oder der Aso-Vulkan in Kumamoto – weniger frequentierte Landstriche wie zum Beispiel die Shimokita-Halbinsel (Präfektur Aomori) oder das vulkanreiche Yatsugatake-Bergmassiv (Präfektur Nagano und Yamanashi) stehen den bekannten Reisezielen in nichts nach.

Shimokita Halbinsel
Wer Japans Natur weit weg von Menschenmassen entdecken möchte, sollte sich vielleicht weiter hinauswagen - etwa zur Shimokita-Halbinsel im Norden.

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