Im Auge des Betrachters: Japan als Tourist vs. Japan als Wahlheimat

Matthias Reich
Matthias Reich

Wie ändert sich eigentlich das eigene Japanbild und die Sicht auf die japanische Gesellschaft, wenn man zuerst als Tourist ins Land kommt und später langfristig dort bleibt? Unser Autor berichtet von seinen persönlichen Erfahrungen.

Ein Land zu bereisen ist, egal wohin man fährt, etwas völlig anderes, als in jenem Land wirklich zu leben. Als Tourist nimmt man viele Sachen stärker wahr, aber man blendet auch vieles aus. Lebt man erst einmal dort, ändert sich die Sichtweise – langsam zwar, aber unaufhaltsam. Wie sieht das nun aber im Falle Japans aus?

Überfüllte Bahn in Tokyo
Tōkyōs überfüllte Bahnen sind nicht nur bei Japanreisenden bekannt.

Erste Erfahrungen als Tourist in Japan

Meine erste Reise nach Japan erfolgte 1996, und das unter interessanten, wenn auch damals nicht ganz untypischen Bedingungen: Zum einen war Japan nicht die erste Station – vorher verbrachte ich einige Zeit in Indien, was, so viel kann man vorwegnehmen, den ersten Eindruck von Japan ziemlich stark beeinflusste. Da mitten im Studium, stand die Reise auch im Zeichen chronischer Sorgen über die Reisekasse. Hinzu kam noch, dass ich von Japanischkenntnissen weitgehend unbelastet war. In den 90ern bedeutete dies: enorme Kommunikationsschwierigkeiten, denn die Englischkenntnisse auf dem Archipel waren damals spürbar schlechter. Handliche Sprachführer, ganz zu schweigen von “Apps” oder “Internet” und dergleichen gab es noch nicht (gut, das Internet gab es, aber nur selten und nicht mobil).

Der Kulturschock war freilich groß: Chaos, Schmutz und Lärm am Flughafen von Mumbai; leise sprechende Türen und kein Körnchen Schmutz am Flughafen von Narita. Alles hatte irgendwie seine Ordnung, war furchtbar sauber, und die Angestellten waren durch die Bank weg so freundlich, wie man es sich gerade als (Rand)berliner nicht in den kühnsten Träumen ausdenken kann. Den Gesamteindruck konnte ich nur mit positiven Worten beschreiben: Gesittet. Kultiviert. Gepflegt. Erst nach ein, zwei Wochen wurde das Bild etwas differenzierter. Wahrscheinlich nach der 50. Fragerunde in brüchigem Englisch („Woher kommst Du? Was machst Du hier? Hast Du eine Freundin?“ usw.) gesellten sich Attribute wie “oberflächlich” hinzu. Nach einem Monat in Japan war ich jedoch, wie viele andere Japanbesucher auch, “infiziert” – ich wollte wieder zurück nach Japan reisen, wenn möglich. Und es wurde möglich.

Volle Bahn in Tokyo

Leben in Japan: Wie ändert sich die Sichtweise?

Die Aufenthalte wurden häufiger und länger, so dass sich das Bild allmählich wandelte – zumal die Sprachkenntnisse sich rapide weiterentwickelten. Es kamen neue, positive Eindrücke hinzu – zum Beispiel das hohe Maß an Kreativität, die Liebe der Japaner zu den kleinsten Details, die Vernarrtheit in gutes Essen (eine Eigenschaft, mit der ich schon lange vor der ersten Japantour belastet war), um nur einige zu nennen. Doch hinter den touristischen Vorhängen lauerten auch weniger bekannte und nicht immer erfreuliche Dinge: ein außerordentlich latenter Nationalismus zum Beispiel oder die strengen Hierarchien, die Art und Weise wie Frauen in der Gesellschaft behandelt werden oder das Fehlen eines engmaschigen sozialen Netzes.

Nicht alle in Japan “Gestrandeten” kommen auf Dauer mit Japan klar. Nicht wenige kehren nach ein paar Jahren Japan verzweifelt den Rücken zu – wegen der Enge zum Beispiel, oder wegen der Arbeitsverhältnisse. Oder aber auch, weil man die Kinder in Japan nicht großziehen möchte – in einem Bildungssystem, das so viel Leistungsdruck auf die Kinder ausübt, dass einige daran zerbrechen. Anders gesagt: Die rosarote Japanbrille legen wohl die meisten nach ungefähr 5 Jahren ab. Wer jedoch gern isst und gern reist, setzt sie sich gelegentlich auch mal wieder auf. Und es ist ja auch nicht so, dass man in Deutschland nichts zu meckern hätte.

Haus in Ikebukuro

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