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Japans Maßnahmen gegen Lebensmittelverschwendung

Shoko Bethke
Shoko Bethke

Weltweit werden genug Lebensmittel produziert, um die gesamte Menschheit ernähren zu können. Trotzdem hungern Millionen von Menschen weiter, während jedes dritte Lebensmittel weggeworfen wird. Japans Versuche, der Verschwendung ein Ende zu setzen.

Affe
Wergwerfkultur: Weltweit werden jährlich 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel verschwendet. © Radoslaw Prekurat/Unsplash

Wer kennt es nicht? Einmal groß einkaufen gewesen, werden die anderen genießbaren Lebensmittel in die hinterste Ecke des Kühlschranks gestopft und schon sind sie vergessen. Irgendwann findet man sie schimmelig wieder, sodass nur noch der „Walk of Shame“ zum Biomülleimer übrigbleibt. Das Problem an der ganzen Sache ist, dass dies kein Einzelfall ist.

Wir leben heute in einer Zeit von billiger Produktion und Überfluss an Gütern. Laut globalen Hilfswerken werden jedes Jahr 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel verschwendet. [1, 2] Das bedeutet, dass jedes dritte produzierte Lebensmittel weggeworfen wird. [3]

In Deutschland liegt die Lebensmittelverschwendung jährlich bei circa 11 Millionen Tonnen, davon machen normale Haushalte mit 61 % den größten Teil aus. 17 % fallen auf die Industrie inklusive Landwirtschaft, 5 % auf den Handel. [4] In Japan hingegen werden trotz der höheren Einwohnerzahl 4,88 Millionen Tonnen weniger Lebensmittel verschwendet als in Deutschland. Auch hier fällt mit 2,84 Millionen Tonnen der größte Teil in privaten Haushalten an. [5]

Der Mensch und sein Perfektionismus

In beiden Ländern stellt der Haushalt das wesentliche Problem dar. Die Hauptquellen im Bioabfall sind Speisereste, unberührte Lebensmittel (direkte Entsorgung) und übermäßiges Schälen (übermäßige Entfernung). [6]

Insbesondere die Unwissenheit über das Mindesthaltbarkeitsdatum stellt ein großes Problem dar (nicht zu verwechseln mit dem Verfallsdatum). Das Mindesthaltbarkeitsdatum zeigt nämlich lediglich den Zeitpunkt an, bis zu dem die Ware bestimmte Eigenschaften wie Geschmack behält. Es bedeutet aber nicht, dass sie nach Ablauf des Datums verdorben ist. Im Gegenteil: Häufig sind Produkte lange nach Ablauf des Datums noch genießbar. [7] Bei vielen Produkten wie Eiern beispielsweise genügt es vollkommen, den Ei-Haltbarkeitstest durchzuführen. [8] Auch bei anderen Lebensmitteln kann sich der Mensch durchaus auf seinen Geruchs- und Geschmackssinn verlassen, denn wir ekeln uns nicht ohne Grund vor modrigen Gerüchen. Trotzdem verlassen sich viele Menschen lieber auf das gedruckte Datum. Eine Studie über Verbraucherverhalten in Japan aus dem Jahr 2017 stellte fest, dass über 20 % der Befragten angaben, ihre Lebensmittel zu entsorgen, selbst wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum noch nicht erreicht wurde. [9]

Die hohe Wegwerfquote spiegelt auch das anspruchsvolle Konsumverhalten vieler Menschen wider, wie zum Beispiel, dass es kaum noch Ganztierverwertungen gibt. [10] In Japan stellten Menschen aus der Landwirtschaft fest, dass ihr Obst und Gemüse perfekt geformt und die optimale Farbe haben muss, damit es sich verkaufen lässt. [11] Leider hat ein solcher Anspruch nach Makellosigkeit aufgrund der massiven Ressourcenverschwendung große Auswirkungen auf die Umwelt. [12]

Obst und Gemüse
Ab in die Tonne: Anspruchsvolles Konsumverhalten macht sich bemerkbar. © freepik

Die Ein-Drittel-Regel der japanischen Lebensmittelbranche

Das Konsumverhalten der Bevölkerung stellt allerdings nicht die einzige Ursache für Lebensmittelverschwendung dar. In Japan beispielsweise löst die „Ein-Drittel-Regel“ sehr viel Kritik und Debatte bei Lebensmittelschützer*innen aus.

Hierbei handelt es sich um eine Geschäftspraxis, die zwischen Lebensmittelhersteller*innen und dem Einzelhandel wie Supermärkten besteht. Laut dieser Regel muss ein Produkt, das beispielsweise ein Mindesthaltbarkeitsdatum von sechs Monaten hat, vom Großhandel zum Einzelhandel geliefert werden, bevor das Mindesthaltbarkeitsdatum weniger als zwei Monate beträgt. Wenn das Produkt zwei Monate vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum nicht mehr im Einzelhandel verkauft werden kann, wird es vom Großhandel zur Hersteller*in zurückversandt. Solche zurückgegebenen Produkte werden in Discountern zu günstigeren Preisen verkauft, doch falls die Ware auch hier zurückbleibt, wird sie entsorgt. Leider beträgt die Rate solcher weggeworfenen Produkte 74 %.

Die Problematik an dieser Regel ist, dass sie keine offizielle gesetzliche Vorschrift ist. Stattdessen ist sie eine veraltete Geschäftspraxis, die in den 1990er Jahren zwischen Einzelhandel und der Lebensmittelherstellung entstanden ist. Insbesondere der Einzelhandel ist an der Aufhebung der Regel nicht besonders interessiert, da Kund*innen dazu tendieren, Produkte zu meiden, die sich dem Mindesthaltbarkeitsdatum nähern. [13]

Frankreich spendet, Japan recycelt

Einige Länder haben das globale Verschwendungsproblem erkannt und versuchen, mit Gesetzen zur Lösung beizutragen. Während Deutschland nach wie vor Praktiken wie das „Containern“ und somit das Retten von Lebensmitteln verbietet [14], erließ Frankreich im Februar 2016 ein Gesetz, das Supermärkte mit einer Ladenfläche ab 400 qm² dazu verpflichtet, unverkaufte Lebensmittel an ehrenamtliche Organisationen wie Tafeln zu spenden. Frankreich war mit diesem Gesetz der erste Staat, der das Wegwerfen von Lebensmitteln unter Strafe stellte. [15]

Die chinesische Regierung rief im August 2020 die „Operation Leeres Teller“ ins Leben, um mit Postern und Online-Kampagnen zur sparsamen Bestellung und Aufessen von Lebensmitteln aufzurufen. Diese Maßnahme wurde aufgrund von wirtschaftlichen Gründen eingeführt, da China versucht, ihre Abhängigkeit vom Lebensmittelimport zu reduzieren. [16]

Japanische Maßnahmen

Auch die japanische Regierung macht die Lebensmittelverschwendung seit längerem zum Thema. Mit dem Begriff shokuhin rosu oder fūdo rosu (vom Englischen „food loss“) versucht das Umweltministerium, ein Bewusstsein für Lebensmittelverschwendung zu schaffen. Um die Verantwortung aber nicht allein den Verbraucher*innen zu überlassen, schuf die Regierung zwei Gesetze, mit denen sie versucht, die Verschwendung von genießbaren Lebensmitteln zu bekämpfen. [17]

Das Erste ist das sogenannte Lebensmittel-Recycling-Gesetz, das bereits im Jahr 2001 erlassen und 2007 überarbeitet wurde. Das Gesetz sieht vor, die Zahl von Lebensmittelabfällen mithilfe von Wiederverwertung zu reduzieren. Es gilt ausschließlich für lebensmittelverarbeitende Betriebe, die dazu verpflichtet sind, ihren Abfall in Rohstoffe umzusetzen, wie zum Beispiel Futtermittel für Tiere oder Dünger. [18, 19]

Das zweite Gesetz lässt sich grob mit „Gesetz zur Förderung der Verringerung von Lebensmittelverlusten“ übersetzen. Es trat am 01. Oktober 2019 in Kraft und beinhaltet sechs verschiedene Ansatzpunkte: u.a. Aufklärung, Bildung und Bereitstellung von Informationen sowohl für Verbraucher*innen als auch für Unternehmen, Auszeichnungen für herausragende Leistungen bei der Reduzierung von Lebensmittelverlusten, Untersuchung und Erforschung von Lösungsmethoden, aber auch Unterstützung von Tafeln und anderen Hilfsorganisationen. [20]

Immerhin sind diese Gesetze besser als nichts. Da insbesondere der größte Teil in privaten Haushalten weggeworfen wird, sind Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung und Bewusstseinsschaffung von großer Bedeutung.

Schweine
Unverkaufte Lebensmittel werden in Japan zu Tierfutter verarbeitet. © Sophie Mikat/Unsplash

Apps und Hilfsorganisationen

Zuletzt gibt es zivile Gruppen, die den Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung angekündigt haben. Durch die zunehmende Nutzung von Smartphones sind Apps wie TABETE oder Reduce Go entstanden, mit denen Japaner*innen die Rettung von genießbaren Produkten selbst in die Hand nehmen können. [21]

Zudem existieren seit dem Jahr 2000 sogenannte Lebensmittelbanken (fūdobanku). Eine Lebensmittelbank ist, ähnlich wie die Tafel, eine Organisation, die Lebensmittel als Spende annimmt und an bedürftige Einrichtungen oder Haushalte weitergibt. Produkte, die dort angenommen werden, können unbedenklich verzehrt werden, da sie lediglich aufgrund von beschädigten Verpackungen, Überbeständen, Druckfehlern oder anderen Gründen nicht in den Handel gebracht werden. [22]

Letztendlich bleibt es aber dabei, dass der private Haushalt der größte Verschwender von genießbaren Lebensmitteln ist. Sowohl in Japan als auch in Deutschland besteht daher die dringende Notwendigkeit, kontinuierlich auf dieses Problem aufmerksam zu machen und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, damit Menschen wieder lernen, ihr Essen wertzuschätzen.


Quellen:

  1. https://en.reset.org/knowledge/global-food-waste-and-its-environmental-impact-09122018
  2. https://www.welthungerhilfe.de/aktuelles/blog/lebensmittelverschwendung/
  3. https://www.tenpo.biz/tentsu/entry/2018/03/30/150000
  4. https://www.agrarheute.com/politik/meisten-lebensmittel-verschwendet-551940
  5. http://www.env.go.jp/recycle/foodloss/general.html#EN1
  6. https://www.gov-online.go.jp/useful/article/201303/4.html
  7. https://www.lebensmittelklarheit.de/informationen/das-mindesthaltbarkeitsdatum-ist-kein-verfallsdatum
  8. https://utopia.de/ratgeber/eier-test-so-findest-du-heraus-wann-ein-ei-noch-gut-ist/
  9. https://www.kankyo.metro.tokyo.lg.jp/basic/conference/resource/cat.files/new_syokurosu3_sankou4.pdf
  10. https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-01/fleischatlas-fleichkonsum-deutschland-2018
  11. https://agri.mynavi.jp/2020_08_19_128272/
  12. https://reset.org/knowledge/lebensmittelverschwendung
  13. https://magazine.aruhi-corp.co.jp/0000-3277/
  14. https://www.dw.com/de/kommentar-containern-verboten-die-perverse-logik-der-wegwerfgesellschaft/a-54611658
  15. https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/lebensmittel-verschwendung-containern-1.4331886
  16. https://www.tagesschau.de/ausland/china-lebensmitteverschwendung-101.html
  17. http://www.env.go.jp/recycle/foodloss/general.html#EN1
  18. https://gooddo.jp/magazine/sustainable-consumption-production/food_loss/
  19. https://www.sfinter.com/topics/post-701/
  20. https://www.2h-okinawa.org/pdf/198hou8siryou.pdf
  21. https://www.tenpo.biz/tentsu/entry/2018/03/30/150000?page=2
  22. https://www.fb-kyougikai.net/foodbank

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