Japans alte Onsendörfer und die Schönheit der Vergänglichkeit

Josko Kozic
Josko Kozic

Wer an Japan denkt, hat häufig bestimmte, klassische Bilder von Kirschblüten oder dem Fuji vor Augen. Dass das echte Landschafts- und Kulturbild Japans auch von urigen Kur- und Badeorten geprägt ist, überrascht viele. Den besonderen Charme dieser wollen wir euch in diesem Beitrag einmal genauer vorstellen.

Yumura Onsen im Abendrot
Das Dorf Yumura Onsen in der Präfektur Hyōgo. © Josko Kozic

Japan verfügt über unzählige Thermalquellen und spätestens dann, wenn man Japan selbst bereist, wird man bemerken, wie essenziell und tief verwurzelt das öffentliche Baden in der japanischen Kultur ist. Das japanische Bad, ob in Form einer natürlichen Thermalquelle (onsen) oder als öffentliches Badehaus (sentō), gehört genauso zu Japans Straßenbild wie die lokale Post oder der Convenience Store um die Ecke. Neben dem rein praktischen oder therapeutischen und entspannungsbringenden Nutzen als Heilbad (tōjiba), hat das Baden in Japan häufig auch einen rituellen Aspekt und soll zu spiritueller Reinheit führen.

Zuletzt stehen Onsen vor allem für eines: das gesellschaftliche Zusammenkommen. So trafen in den Bädern bereits seit dem Mittelalter alle verschiedenen Gesellschaftsschichten aufeinander, angefangen vom Samurai-Krieger bis zum einfachen Bauern oder Kleriker. Dieser in Japan bis dato selbstverständliche, alltägliche Brauch setzte sich bis weit in die Nachkriegszeit fort, bevor der regelmäßige Gang ins Onsen oder Sentō aufgrund neuer sanierter und mit Badezimmern ausgestatteter Wohnungen immer mehr abnahm.

Morgenbad in Yunotsu, grüne Bäume im Hintergrund, die sich im klaren Wasser des rechteckigen Beckens spiegeln
Morgenbad in Yunotsu, Präfektur Shimane. © Josko Kozic

Eine Zeitreise für die Sinne – Baden an Japans entlegenen Orten

Dennoch bleibt das öffentliche Bad auch heute noch ein fester Bestandteil Japans. Dies trifft vor allem auf ländliche Regionen zu, in denen die Bevölkerung meist älter ist und zudem über kein eigenes Bad verfügt. Manchmal ist es aber auch einfach entspannender und angenehmer, sich mit anderen Gästen gesellig zu stimmen und gemeinsam ein Bad zu nehmen.

Häufig befinden sich die besonders alten und sehr urigen Onsen und Sentō in Dörfern und Kleinstädten in den ländlicheren Gegenden Japans. So findet man besonders in den Präfekturen Tochigi (Tengu no yu), Gunma (Takaragawa und Kusatsu Onsen) und Fukushima (Futamata Onsen) wunderschöne und verträumte Ortschaften. Aber auch im Südwesten Japans finden sich äußerst empfehlenswerte Onsendörfer. So zum Beispiel der Ort Misasa in der Präfektur Tottori oder das Yunotsu Onsen [1] in der Präfektur Shimane.

Solche Dörfer und Ortschaften verfügen meist über einen Altstadtkern mit einer Poststation (shukubamachi) und dienten besonders während der Edo-Zeit als wichtige Knotenpunkte für Reisende aus dem ganzen Land. Dort werden noch heute die Badehäuser bereits zur frühen Morgenstunde geöffnet und verlangen zudem günstigere Eintrittspreise.

Onsen 'Yakushi no yu' in Yunotsu, Shimane, erleuchtet im Abenddunkel
Das berühmte Onsen 'Yakushi no yu' mit seinem Haus aus der Taishō-Zeit (Yunotsu, Präfektur Shimane).

Hinabita und hitō – Der mystische Zauber von Japans Geheimquellen

Thermalquellen und Bäder, die versteckt in der Natur oder fernab von Wohngebieten liegen, bezeichnet man auf Japanisch als hitō („geheime heiße Quelle“). Egal ob draußen oder drinnen, verfügen diese meist spärlich ausgestatteten Orte über eine einzigartige Szenerie und unvergleichbare Atmosphäre. Sie sind Zeugen der Zeit und vermitteln einen Eindruck von dem, wie ein Großteil Japans noch vor seinem Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg ausgesehen hat.

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Für wie so viele schwer zu beschreibende Begriffe, die das Sinnliche umfassen, verfügt die japanische Sprache über ein Wort, mit welchem sich die urig-heruntergekommene Atmosphäre eines Onsendorfes am ehesten beschreiben lässt: hinabita. Den Begriff (zu Deutsch etwa „rustikal“) könnte man als einen von mehreren Termini vorstellen, der ein in Japan weit verbreitetes Gefühl vermittelt: die Nostalgie (kyōshū). Auch heute findet dieser Gemütszustand und sein entsprechendes Adjektiv (natsukashii) großen Anklang bei vielen Japaner*innen, selbst wenn sie zur jüngeren Generation gehören.

Alte Häuser in typischer, rostbrauner Farbe vor rötlichem Himmel in Aoya
Alte Häuser in typischer, rostbrauner Farbe (Aoya, Präfektur Tottori). © Josko Kozic

Nostalgie und Ruhe im Mittelpunkt

Dass die meisten Menschen ein besonderes Gefühl mit alt und antik wirkenden Szenerien verbinden, liegt nicht selten daran, dass es jenseits von Japans Ballungszentren immer noch viele Orte gibt, die eben genauso aussehen und an denen zumindest äußerlich betrachtet das große japanische Wirtschaftswunder vorbeigegangen zu sein scheint. Oft werden ländliche und abgelegene Gegenden somit als „ursprüngliches Japan“ romantisiert und in den örtlichen Kampagnen für Stadterneuerung als Kraftorte (Power Spots) samt heilbringenden Thermalquellen beworben.

Yumura Onsen, Leuchtreklame in altem japanischen Stil vor blauem Abendhimmel
Yumura Onsen (Präfektur Hyōgo) © Josko Kozic

Nicht zuletzt beschwört man für solche Gegenden auch die Vorstellung einer „ursprünglichen, japanischen Heimat“ (furusato), welche man als losgelöst von der „verwestlichen“ Großstadtwelt verstanden haben möchte. Japan erlebt in den letzten Jahren eine starke Überalterung seiner Gesellschaft. Dies wirkte sich bisweilen vor allem auf die ländlichen Gegenden aus, wo es zu Landflucht und der Entstehung von fast leeren „Geisterstädten“ kam.

Doch seit der Corona-Pandemie lässt sich eine Veränderung erkennen. So zieht es mittlerweile viele Bewohner aufs Land, wo sie sich ein ruhiges Leben fernab von Hektik und Stress versprechen. Für viele zählt dabei auch, dass es auf dem Land noch eine ganz „ursprüngliche“ Atmosphäre zu finden gibt und dies unterstreicht noch einmal Japans Image als „verträumtes Inselreich der Nostalgie“.

Uriger Winter im Städtchen Aoya, Präfektur Tottori
Uriger Winter im Städtchen Aoya, Präfektur Tottori. © Josko Kozic

Passend dazu lässt sich der seit den 1960ern publizierende Zeichner Tsuge Yoshiharu erwähnen. Dieser wird als Wegbereiter des japanischen Graphic Novel (gekiga) verstanden und lässt in vielen seiner damals fast avantgardistisch erscheinenden Werke [2] sein „Ich“ als umherwandernden Vagabunden in die surreal wirkenden Gewässer von Japans alten Bädern eintauchen. Er ruft in seinen Werken meist eine ganz eigene Ästhetik hervor, inmitten der dem Zerfall ausgesetzten Bade- und Kurorte. Heute kann man Tsuges Reisen und die letztendlichen Ziele seiner eigentlich ziellosen Protagonisten als letzte Zeugen einer Zeit bezeichnen, die es so nicht mehr zu geben scheint.

"Rote Blüten" von Yoshiharu Tsuge (Buchcover)
Cover der Graphic Novel "Rote Blüten". © Yoshiharu Tsuge / Reprodukt

Tsuges Kult um abgelegene Onsendörfer geht so weit, dass es sogar eigene, veröffentlichte Reisetagebücher von passionierten Fans gibt, die sich entlang abgelegener Pfade auf eigene Expedition begeben. Doch gerade die Tatsache, dass viele solcher Orte noch heute in ihrer alten Form inklusive ihres besonderen Charmes existieren, spricht für die Aktualität und die nach wie vor existente emotionale Bindung der Öffentlichkeit an die japanischen Onsen-Dörfer.

Diese stellen meist eine bunte Mischung aus Restauration und offensichtlichem Zerfall dar und sind nicht zuletzt ein wichtiger Tourismusfaktor. Nichtsdestotrotz gibt es nach wie vor genügend Orte, die noch darauf warten entdeckt zu werden und Japan gerade deshalb zum perfekten Reiseziel für viele Nostalgiker und Romantiker machen.


[1] In diesem LIVE TALK spreche ich kurz über das Yunotsu Onsen (ca. ab Minute 36:20).

[2] Als stellvertretendes Werk lässt sich Tsuge Yoshiharus Sammlung Rote Blüten aufzählen, auf Deutsch beim Reprodukt Verlag erschienen: https://www.reprodukt.com/Produkt/manga/rote-blueten/

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