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Yasuke: Der legendäre „schwarze Samurai“

Zehra Sagra
Zehra Sagra

Vom Sklaven zum ersten Samurai afrikanischer Abstammung: Das Leben des Yasuke ist eine faszinierende Geschichte, die zeigt, wie er die konventionelle Vorstellung eines Samurai herausfordern konnte.

Diese Zeichnung von 1605 zeigt zwei Sumo-Ringer, einer von ihnen mit schwarzer Haut. Es wird vermutet, dass sowohl Oda Nobunaga (im grünen Gewandt) als auch Yasuke abgebildet sind. © Public Domain

Das altbekannte Sprichwort „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ verspricht, dass mit viel harter Arbeit jeder dazu in der Lage ist, sein Schicksal selbst zu bestimmen. Die Geschichte von Yasuke und wie er vom Sklaven zum Soldaten, vom Soldaten zum persönlichen Waffenträger des größten Fürsten seiner Zeit und anschließend zum ersten nicht-japanischen Samurai wurde, ist womöglich die japanische Version des „American Dream“.

Wer war Yasuke?

Als Yasuke im Jahre 1579 in Japan ankam, sollen sich Massen an Menschen am Hafen zusammengedrängt haben, um einen Blick vom ausländischen Riesen mit schwarzer Haut zu erhaschen. Durch das Gerangel wurden Menschen zerquetscht und Tritte flogen umher, sogar Todesfälle soll es gegeben haben. An einigen Straßen sollen selbst Gebäude unter dem Gewicht der Menschenmenge eingestürzt sein. Denn so eine „Gestalt“ haben die schaulustigen Japaner:innen noch nie gesehen. Mit seinen ca. 188 cm war Yasuke nämlich viel größer als die durchschnittliche japanische Bevölkerung, sein Körperbau wirkte geradezu einschüchternd. Er wurde weniger als Mensch, sondern als Biest beschrieben.

Es ist nicht viel über Yasuke vor seiner Ankunft in Japan bekannt und in Aufzeichnungen (z. B. Tagebucheinträgen hochrangiger Generäle) kommt er nur fragmentarisch vor. Er soll von 1555 bis 1590 gelebt haben und stammt ursprünglich entweder aus Mosambik, Äthiopien oder dem Sudan. Den Namen „Yasuke“ bekam er erst in Japan, weshalb einige Historiker die Vermutung aufstellen, dass „Yasuke“ von „Yasufe“ abgeleitet wurde, ein damals gängiger Name der Bevölkerungsgruppe der Makhuwa-Ethnie im Norden Mosambiks und Tansanias.

Als Opfer von Menschen- sowie Sklavenhandel, wurde er aus seiner Heimat nach Indien verschleppt, wo er wahrscheinlich zum Kindersoldaten in der portugiesischen Kolonie Goa ausgebildet wurde – das größte Zentrum des afrikanischen Sklavenhandels. Dort fand der italienische Jesuit Alessandro Valignano Gefallen an Yasuke und machte ihn zu seinem Diener und Leibwächter. Valignano war für seine Jesuitenmissionen in Asien bekannt und war auf dem Weg, das Christentum in Japan zu verbreiten. Für Yasuke bedeutete diese Reise eine schicksalhafte Wendung.

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Ankunft in Japan

Das turbulente 16. Jahrhundert stand im Zeichen von Kriegen um die Vorherrschaft Japans, weshalb man es auch als Sengoku-Zeit (Zeit der „streitenden Reiche“, 1467-1603) bezeichnet. Zahlreiche Clans und Fürstentümer beteiligten sich an regionalen Scharmützeln, an dessen Ende sich ab 1573 drei Kriegsherren hervortaten. Einer von denen war der berühmte Samurai Oda Nobunaga – der erste der drei Reichseiniger Japans. Oda Nobunaga war bekannt für seine Neugier an ihm fremden Dingen und scheute sich auch nicht vor dem Einsatz westlicher Technologien in seinen Feldzügen.

Als Yasuke in der Kaiserstadt Kyōto auf einem Pferd angeritten kam, versammelten sich tausende Menschen, um ihn nicht nur treffen zu können, sondern auch um ihn zu verehren. Seine Hautfarbe assoziierten Gläubige mit dem Buddha, der ebenfalls oft mit schwarzer Haut dargestellt wurde. Um dem Mob zu entkommen, floh er in eine Jesuitenkirche, doch selbst dort brachen sie die Türen auf. Oda Nobunaga, der gerade einen Tempel in der Nähe besuchte, empfand den Lärm als störend und ging der Ursache auf den Grund.

Yasuke wird zum Krieger

Yasuke, der unter anderem für seine Intelligenz und das schnelle Erlernen der japanischen Sprache gepriesen wurde, traf erstmals auf den Kriegsherren. Dieser war fasziniert von der schwarzen Haut des Mannes, zweifelte jedoch an seiner Echtheit. Aus diesem Grund befahl er, den „dreckigen Körper“ des Mannes sauber schrubben zu lassen, nur um bestätigt zu bekommen, dass dies tatsächlich keine Tinte war. Voller Begeisterung von Yasukes Größe, Kampffähigkeiten und Stärke, die als die von 10 Männern beschrieben wurde, veranlasste Nobunaga eine Feier und nahm ihn in seine Dienste auf. Er gab ihm den Namen „Yasuke“ und machte ihn zu seinem Waffenträger – eine vertrauensvolle Position mit viel Verantwortung.

Innerhalb weniger Monate belohnte Nobunaga ihn mit einem Anwesen in der Burg Azuchi, aber vor allem überreichte er ihm ein Katana-Schwert als Dank für seine harte Arbeit. Ein Katana diente nicht nur ein Mittel zur Verteidigung, sondern hatte auch eine tiefe symbolische Bedeutung in der japanischen Kultur. Es war ein Symbol der moralischen Integrität des Kriegers und repräsentierte seine Ehre, Tugend und steht für Gerechtigkeit. Somit war Yasuke der erste Samurai afrikanischer Herkunft, wenn nicht sogar der erste nicht-japanische Samurai der japanischen Geschichte.

suzuri bako Ende des 16. Jh.
Schreibkasten (suzuri-bako) aus den 1590er Jahren. Der Mann mit der dunklen Haut und den Schwertern auf der linken Seite könnte Yasuke sein. © Public Domain

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Kriegsteilhabe und Loyalität zum Herrn

Schnell stellte Yasuke sein Können in einigen Kriegen an der Seite Nobunagas unter Beweis, darunter auch die Schlacht von Nagashino 1575. Dieser Kampf des Oda-Clans gegen deren Erzfeind, den Takeda-Clan, markiert die wichtigste militärische Konfrontation der Sengoku-Zeit. Bekannt ist diese offene Feldschlacht für den Einsatz von Feuerwaffen seitens der Oda-Truppen und endete mit der Niederlage der Takeda. Es ist nicht bekannt, ob und inwiefern Yasuke an diesem Ereignis beteiligt war. Ein Grund dafür ist, dass vorhandene Informationen nicht vollständig bestätigt werden können und viele Geschichten sich oft auf einem schmalen Grat zwischen Legende und Realität bewegen.

Als es im Jahr 1582 zum erbitternden Kampf zwischen dem Oda-Clan und dem Mori-Clan kam, ritt Nobunaga mit seinen verlässlichsten Kriegern voraus. Sie legten am Honnō-ji-Tempel in der Nähe von Kyōto eine Pause ein. Am Morgen wurden sie jedoch von einer 13.000 Mann starken Armee überfallen, angeführt von Akechi Mitsuhide – ein enger Vertrauter Nobunagas, der ihn verraten hatte. Der Tempel wurde in Brand gesetzt und das Feuer verbreitete sich schnell. In dieser ausweglosen Situation entschied sich Nobunaga für den rituellen Selbstmord seppuku. Es wird gesagt, dass sein letzter Wunsch an Yasuke gerichtet war: Er solle verhindern, dass sein Kopf in die Hände des Feindes fiel.

Yasuke entkam den feindlichen Truppen und begab sich auf die Suche nach Nobunagas Sohn, Oda Nobutada. Allerdings wurde auch dieser auch bald von Akechis Armee umzingelt und zum Selbstmord gezwungen. Als Akechi Yasuke schließlich stellte, verschonte er sein Leben und schickte ihn zurück zu den Jesuiten. Grund dafür könnten rassistische Motive gewesen sein, denn Akechi war der Ansicht, dass Yasuke aufgrund seiner ausländischen Herkunft keinen ehrenhaften Tod durch das Schwert verdiene.

Das Ende der Reise

Mit dem Tod Nobunagas endeten auch die Aufzeichnungen über Yasukes Leben. Es ist nicht bekannt, ob er Japan lebend verlassen konnte. Doch war  der schwarze Samurai ein außergewöhnlicher Mann, der seinem Herren für die kurze Zeit seines Dienstes loyal blieb und ihm die letzte Ehre erwies. Yasukes Heldentaten sollen bis ins 17. Jahrhundert gefeiert worden sein, bis er schließlich in Vergessenheit geriet. Heutzutage wird seine Geschichte immer wieder in der Populärkultur aufgegriffen, so zum Beispiel in der im Jahr 2021 veröffentlichten Netflix-Serie „Yasuke“.

Yasuke Netflixserie Poste
© Netflix (2021)

Yasuke war nicht der einzige Ausländer, der in die Ränge der japanischen Kriegerklasse aufgenommen wurde. Auch der Engländer William Adams machte sich als “blauäugiger Samurai” einen Namen:

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Weiterführende Literatur:

  • Lockley, Thomas & Girard Geoffrey (2019): African Samurai: The True Story of Yasuke, a Legendary Black Warrior in Feudal Japan, Herausgeber: Hanover Square Press
  • Tsujiuchi, Makoto (1998): Historical Context of Black Studies in Japan, in: Hitotsubashi Journal of Social Studies, 30, No. 2, pp. 95-100
  • Wright, David (1998): The use of Race and Racial Perceptions among Asians and Blacks: The case of the Japanese and African Americans, in: Hitotsubashi Journal of Social Studies, Vol. 30, No. 2

Originale Briefe der Jesuiten über Yasuke (Portugiesisch):

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