Eine kurze Geschichte des Weihnachtsfests in Japan

Matthias Reich
Matthias Reich

Diverse Häuser sind mit Lichterketten behängt, Konbinis machen Werbung für Erdbeer-Sahne-Torten, und die Pärchen machen sich ausgehfertig für ein Abendessen bei KFC: Richtig - es ist Weihnachten in Japan. Doch wie wurde die japanische Weihnacht das, was sie heute ist?

Weihnachtsdekoration in Japan
Weihnachtliche Beleuchtung in Japan

Es ist allgemein bekannt, dass Japaner im Umgang mit Religionen recht freizügig sind. Ebenso kann man guten Gewissens behaupten, dass die meisten Japaner große Fans von Festen und Ritualen sind. Dementsprechend ist es nicht weiter verwunderlich, dass man Weihnachten von der Religion entkoppelt und auf eine ganz eigene Art und Weise zelebriert. Offensichtlich macht man das allerdings erst seit 115 Jahren. Bis zum Ende der Edo-Zeit, also der Mitte des 19. Jahrhunderts, wurden Christen in Japan hartnäckig und äußerst brutal verfolgt. Der “Religionstest” war so einfach wie verheerend: Wer sich weigerte, ein christliches Heiligenbild mit seinen Füssen zu treten, wurde nicht selten auf sehr perfide Art und Weise gefoltert und getötet. Nur wenige Christen schafften es, sich über die Jahrhunderte hinweg zu verstecken, ohne den Glauben aufzugeben. An das Zelebrieren von Festen wie Weihnachten war da kaum zu denken.

Wachsendes Interesse an ausländischen Bräuchen

Mit der erzwungenen Landesöffnung Mitte des 19. Jahrhunderts kamen jedoch immer mehr Ausländer nach Japan, und im Zuge der Modernisierung und der allgemeinen Annäherung an westliche Gewohnheiten wuchs das Interesse an fremden Bräuchen. Doch erst nach dem Ende des Russisch-Japanischen Krieges, im Jahr 1906, tauchten erstmals Berichte über Weihnachten in den Zeitungen auf. Damals benutzte man noch chinesische Schriftzeichen für Weihnachten: 降誕祭 (kōtansai) wurde es genannt, bestehend aus den Schriftzeichen für “Herabsteigen”, “Geburt” und “Fest”. Zu jener Zeit begann auch die Gestalt des Weihnachtsmannes in den Zeitschriften und Geschäftsauslagen Einzug zu halten. Gut 20 Jahre später, im Jahr 1928, hielt die Asahi Shinbun genannte Tageszeitung fest, dass „[…] Weihnachten nunmehr fester Bestandteil der japanischen Rituale geworden sei“. Während allerdings der Weihnachtsmann heute aufgrund des amerikanischen Einflusses Santa Claus genannt wird, hieß er damals noch Santa-jiisan – “Onkel Santa”. Selbst der 2. Weltkrieg, während dessen nahezu alle westlichen Staaten zu Erzfeinden erklärt wurden, konnte an der Liebe zu Weihnachten nichts ändern: In einem Film über die Kato hayabusa sento-tai, einer Angriffsfliegerstaffel, ist in einer Szene deutlich ein Weihnachtsbaum zu sehen – im Kommandozentrum nahe der Front, im Jahr 1944.

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Kein offizieller Feiertag

Trotzdem reichte es nicht, um Weihnachten zum offiziellen Feiertag zu erklären. Bis 1948 war das kein Problem, denn der 25. Dezember war ein nationaler Feiertag, da an diesem Tag im Jahr 1926 der Taishō Tennō verstorben war. Der Feiertag wurde später jedoch abgeschafft. Erst mit der Thronbesteigung des Heisei Tennō im Jahr 1989 wurde es wieder etwas weihnachtlicher, denn der Geburtstag des neuen Kaisers lag auf dem 23. Dezember – und dieser Tag wurde nun bis zum Ende seiner Regentschaft zum Feiertag. Seit 2019 sieht es wieder etwas schlechter aus: Rund um Weihnachten gibt es keinen Feiertag mehr.

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Festtagsstimmung Fehlanzeige?

Da man Weihnachten von seinem religiösen Kern abgekoppelt hat, bedeutet das Fest für die meisten heute nunmehr: Spezielles Essen, und Geschenke, nicht mehr und nicht weniger. Interessant beziehungsweise kurios ist dazu die alljährliche Liste der Reisewebseite “Skyscanner” zum Thema “Die besten Orte der Welt, um Weihnachten zu entkommen”. Die sehr subjektive Liste setzte im Jahr 2014 Japan auf Platz 1 – noch vor Saudi-Arabien, Nepal oder Nordkorea. Erwähnt werden zwar gelegentliche Weihnachtsmänner in Tōkyō, doch es wird positiv hervorgehoben, dass “Kyōto, Nara und Co. weitestgehend unbelastet sind von Frost und Rentieren”. In der Tat: Da Weihnachten kein offizieller Feiertag ist, ändert sich wirklich nicht viel. Die meisten Menschen gehen ganz normal ihrem Tagesgeschäft nach, und wenn sie an ein Fest denken, dann weniger an Weihnachten, sondern eher an Neujahr, und das will mit einem gründlichen Neujahrsputz gut vorbereitet sein.

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