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Rajio taisō: Radiogymnastik für alle

Constanze Thede
Constanze Thede

Rajio taisō („Radiogymnastik“) ist trotz ihrer schon über 90-jährigen Geschichte nach wie vor äußerst populär in Japan. Doch was macht ihren Reiz aus und weshalb war sie nach dem Krieg kurzzeitig verboten?

Schulkinder bei der Radiogymnastik
Schulkinder bei der Radiogymnastik

Im Hintergrund plätschert sanfte Klaviermusik, während eine Gruppe junger Frauen in blaugemusterten Balletanzügen einer Stimme aus dem Off folgend Gymnastikübungen ausführt und dabei leicht mit den Füßen wippt. Das bekommt der Zuschauer geboten, wenn er das tägliche Gymnastikprogramm des öffentlichen japanischen Senders NHK einschaltet. Da das Workout ursprünglich fürs Radio konzipiert wurde, ist es auch heute noch unter dem Namen rajio taisō („Radiogymnastik“) bekannt, auch wenn die Fernsehsendung offiziell den Titel terebi taisō („Fernsehgymnastik“) trägt.

Das können Sie auch!

Die Übungen sind einfach: In aufrechter Haltung, die Füße leicht gespreizt, beginnt man mit der Bewegung der Arme, die man zunächst in die Höhe und anschließend zu beiden Seiten ausstreckt. Im Laufe der Zeit werden die Bewegungen ausladender, später lässt man die Arme kreisen und es kommen auch die Beine dazu. Dabei bewegt man sich möglichst anmutig im Rhythmus der Musik und lässt sich von seinem Atem leiten. Die Übungen machen wach und regen die Blutzirkulation an. Alternativ lassen sie sich auch im Sitzen ausführen. Außerdem gibt es mit minna no taisō („Gymnastik für alle“) eine langsamere Variante, die auch für ältere und körperlich eingeschränkte Menschen geeignet ist:

Eine über 90-jährige Geschichte

Dass die Übungen so einfach sind, hat natürlich einen Grund: Die Radiogymnastik wurde ursprünglich 1928 von der Lebensversicherung des Ministeriums für Verkehr und Postwesen ins Leben gerufen und hieß damals noch kokumin kenkō taisō, also „Volksgesundheitsgymnastik“. Der Name ist selbsterklärend – als „Gymnastik für das Volk“ sollten die Übungen für jeden leicht umsetzbar sein. Die Idee stammte aus den USA: In den 1920er Jahren wurden dort 15-minütige Gymnastikprogramme im Radio ausgestrahlt, die von der Metropolitan Life Insurance Company gesponsert wurden. Vertreter der japanischen Lebensversicherung brachten das Konzept nach einem USA-Besuch nach Japan.

Da die Übungen in den 1930er und 40er Jahren vor allem der Gesundheit der Soldaten dienten und insgesamt als zu militärisch galten, wurde ihre Verbreitung im Fernsehen und Radio 1946 zunächst verboten. NHK konzipierte daraufhin ein neues Fitnessprogramm, das jedoch auf geringes Interesse stieß und daher 1947 wieder abgesetzt wurde. Schließlich wurde die ursprüngliche Variante der rajio taisō mithilfe des Erziehungs- und Gesundheitsministeriums, des Japanischen Sportverbandes und des Verbandes für Erholung und Freizeit gründlich überarbeitet und 1951 reetabliert.

Gruppe von Kindern und Erwachsenen bei der Radiogymnastik (Zweiter Weltkrieg)
Radiogymnastik während des Zweiten Weltkriegs im Stadtteil Miyakojima in Ōsaka (Foto: 善源寺町 中山様 © City of Osaka)

Itsudemo, dokodemo, daredemo

Trotz ihres inzwischen etwas eingestaubten Images ist rajio taisō immer noch sehr beliebt bei Jung und Alt. Grundschulkinder stehen selbst in den Sommerferien früh auf, um an der Gruppengymnastik teilzunehmen, weil sie dadurch Stempel von NHK sammeln können. Ist die Stempelkarte am Ende der Sommerferien voll, gibt es eine kleine Belohnung.

Das Motto ist nach dem Handbuch der japanischen Lebensversicherung itsudemo, dokodemo, daredemo, d.h. die Radiogymnastik kann “jeder jederzeit und überall” ausführen. Entsprechend beteiligen sich nicht nur Schulkinder an diesem Volkssport, auch in vielen Firmen steht er auf dem Programm, um die Mitarbeiter körperlich fit zu halten. In diesem Video können Sie beobachten, wie das aussehen kann:

Auch Rentner versammeln sich gerne im Park für eine gemeinsame Runde rajio taisō, teilweise auch zusammen mit ihren Enkelkindern im Grundschulalter. In einigen Schulen und Kindergärten gehört rajio taisō ohnehin zum festen Programm und für Kinder gibt es auch speziell konzipierte Übungen, die noch mehr Spaß machen, wie z.B. diese lustige kaeru no taisō („Froschgymnastik“):

Lust bekommen?

Falls Sie jetzt Lust bekommen haben, rajio taisō selbst einmal zu Hause auszuprobieren: Auf YouTube finden sich unter dem Stichwort ラジオ体操 noch viel mehr Videos. Auch ohne Japanischkenntnisse lassen sich die Übungen leicht nachahmen und Sie werden bestimmt mindestens so viel Spaß dabei haben, wie die Mädchen in dem lustigen Froschvideo. Wer doch lieber Erklärungen in englischer Sprache hört, kann mit diesem Video anfangen:

Material zum Download

Detaillierte Übersichten zu den einzelnen Bewegungsabläufen mit Fotos und Erklärungen (leider nur auf Japanisch) können Sie sich hier kostenlos herunterladen:

Rajio taisō Dai 1 + Dai 2 (Radiogymnastik 1 + 2): https://www.nhk.or.jp/program/radio-taisou/pdf/radio.pdf

Minna no taisō (Radiogymnastik für alle): https://www.nhk.or.jp/program/radio-taisou/pdf/minna.pdf

Suwatte rajio taisō (Radiogymnastik im Sitzen): https://www.nhk.or.jp/program/radio-taisou/pdf/suwatte.pdf

Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Ausprobieren und bleiben Sie gesund!

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