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Ordnung und Sauberkeit auf Japanisch

Constanze Thede
Constanze Thede

Japaner lernen schon von klein auf, dass Ordnung und Sauberkeit zum Alltag gehören: Der Putzdienst in der Schule ist sehr streng. Doch steckt hinter diesem Konzept vielleicht mehr als reiner Pragmatismus?

Japanerin beim Saubermachen

Japanbesuchern aus Deutschland fällt meist sogleich auf, wie sauber die japanischen Innenstädte sind. Der Reinigungsdienst in Japan ist äußerst effizient: Plattgetretene Kaugummis und Zigarettenstummel auf den Bahnsteigen sowie überquellende Mülleimer wären hier undenkbar.

Strenger Putzdienst in der Schule

Die Sauberkeitserziehung fängt schon in der Schule an: Anders als in Deutschland reicht es nicht, einmal schnell das Klassenzimmer durchzufegen, sondern auch die Toiletten, die Turnhalle und die Gänge sowie alle weiteren Unterrichtsräume werden von den Schülern selbst gereinigt. Viele tun dies selbstverständlich nur widerwillig, es bleibt ihnen jedoch nichts anderes übrig. Teilweise mag diese Erziehung zur Sauberkeit eine bleibende Wirkung zeigen, doch dies ist durchaus nicht immer der Fall. Der erzwungene Putzdienst kann auch den gegenteiligen Effekt haben und eine Trotzreaktion auslösen, sodass man im späteren Leben erst recht keine Lust mehr hat, seinen Dreck selbst wegzumachen.

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Ōsōji: Großputz zum Jahreswechsel

Andererseits hat das regelmäßige Reinemachen in Japan sogar Tradition. Besonders gern in den Mund genommen wird das Wort ōsōji, was im Deutschen soviel wie „Großputz“ bedeutet. Ähnlich wie man sich bei uns an den Frühjahrsputz macht, wenn die ersten Knospen sprießen, wird in Japan am Ende des Jahres eine große Putzaktion gestartet, um das neue Jahr frisch und von Altlasten befreit zu beginnen. Dies beschränkt sich nicht auf Privathaushalte: In Schulen und am Arbeitsplatz werden meist kurz vor dem Jahreswechsel die Ärmel hochgekrempelt und alles bis in den letzten Winkel gründlich gesäubert.

Dieser Brauch stammt noch aus der Edo-Zeit (1603-1868), als die meisten Menschen noch Holzkohleöfen verwendeten und das Haus am Jahresende häufig sehr verschmutzt war. Außerdem hatte das Großreinemachen einen spirituellen Hintergrund: Man sah es als ein reinigendes Ritual als Teil der Vorbereitung auf den Shintō-Gott Toshigami (年神, „Jahresgott“) an. Dieser wurde als Neujahrsgott verehrt und man glaubte, dass er zu Beginn des neuen Jahres jedem Haus einen Besuch abstattete.

Auch der japanische Neujahrsgruß Akemashite omedetō gozaimasu („Alles Gute zum neuen Jahr“) soll ursprünglich eine Willkommensformel für den Neujahrsgott gewesen sein. Da das neue Jahr neues Leben bringt, wurde ihm in Japan so viel Gewicht beigemessen wie bei uns dem Frühling – dies erklärt auch, weshalb das Putzritual am Jahresende stattfindet. Entsprechend enthält der Ausdruck geishun (迎春, „Ein glückliches neues Jahr“) das Zeichen für „Frühling“ (春) und das neue Jahr selbst wird auch als shinshun (新春, „neuer Frühling“) bezeichnet.

Neujahrsdekoration
Auf Neujahrsdekorationen wie dieser findet sich oft der Ausdruck "geishun" (迎春) für „ein glückliches neues Jahr“.

Eine saubere Gemeinschaft

Ein weiterer Grund, weshalb dem Putzen und Aufräumen in Japan so eine große Bedeutung beigemessen wird, ist sicherlich, dass man in dem vielbevölkerten Inselstaat immer schön darauf achtet, sich gegenseitig nicht zur Last zu fallen. In Japan gibt es kaum öffentliche Mülleimer – und trotzdem liegt kaum Müll auf den Straßen, weil die meisten ihren Abfall brav in einer Plastiktüte mit nach Hause nehmen. Man kann sich nur schwer vorstellen, dass dies auch in Deutschland möglich wäre. In Japan jedoch spielt die Gemeinschaft eine große Rolle im Alltag und Harmonie sowie Rücksichtnahme sind oberstes Gebot. Ein Begriff, der in diesem Zusammenhang häufig fällt, ist go-meiwaku (ご迷惑), was in etwa mit „zur Last fallen“ übersetzt werden könnte. Dies sollte man nach allgemeiner Auffassung tunlichst vermeiden.

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So finden sich auf Hinweisschildern meist neben der Bitte um gutes Benehmen mahnende Worte, die einen daran erinnern sollen, dass sich das eigene Verhalten auch auf die Mitmenschen auswirkt. Auf dem unten zu sehenden Schild beispielsweise, das dazu auffordert, das große Geschäft seines Hundes in jedem Fall einzusammeln, findet sich der Zusatz: Minna ga komaru “hanashi kai”. Dies soll heißen, dass das Freilaufenlassen von Hunden bzw. der Mangel an Erziehung dieser (Laisser-faire) allen Schwierigkeiten bereitet. Hier wird also direkt an das schlechte Gewissen des Hundebesitzers appelliert.

Hinweisschild: Hundedreck mitnehmen
Dieses Schild weist darauf hin, dass man Hundedreck bitte einsammeln soll. © Constanze Thede

Ordnung macht kreativ

Auch auf eine ordentliche Mülltrennung wird in Japan großen Wert gelegt – und die Mülltonnen (wenn es denn welche gibt) sind stets entsprechend gekennzeichnet. Dies kann auch durchaus kreative Formen annehmen – wie diese selbstgebastelte Box für benutze Esstäbchen und Holzspieße in der Form des Sanrio-Maskottchens Cinnamonroll auf einem Festival. Sie sehen also, dass Ordnung auch großen Spaß machen kann, wenn man nur die richtigen Ideen hat. Vielleicht nehmen Sie sich ja ein Beispiel an den Japanern und schließen das Jahr mit einem erfrischenden Großputz ab – um das neue Jahr dann in neuem Glanz begrüßen zu dürfen!

Box für benutze Stäbchen/Spieße
Mit Maskottchen Cinnamonroll macht Mülltrennung noch mehr Spaß. © Constanze Thede

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