Traditionelle japanische Tattoos und ihre symbolischen Bedeutungen

Yasemin Besir
Yasemin Besir

Irezumi sind traditionsträchtige Tätowierungen aus Japan, die heutzutage vor allem von der Yakuza getragen werden. Doch was bedeuten die verschiedenen Motive eigentlich? Wir erklären, welche Symbolik hinter Drache, Tiger, Phönix und Co. steckt und welche Mythen sich dahinter verbergen.

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Traditonelles Ganzkörper-Tattoo mit Drachen- und Blumenmotiven.
Traditonelles Ganzkörper-Tattoo mit Drachen- und Blumenmotiven. © Fortune Johnny / flickr CC BY 2.0

Die Tradition der japanischen Tattoo-Kunst irezumi (dt. „Tinte einbringen“) fand ihren Anfang bei Holzschnitt-Künstlern, die ihre Werkzeuge nicht mehr nur auf Holz, sondern bald schon auf der Haut anwandten: Meißel, Stichel und die einzigartige schwarze Nara-Tinte, die sich unter der Haut blau-grün färbt. Akademiker sind sich bis heute nicht einig, ob es die Arbeiterklasse war, die ursprünglich irezumi trug oder wohlhabende Händler. Es besteht zumindest kein Zweifel daran, dass die Feuerwehr stolze Tattoos trug, sowohl als spirituelle Unterstützung als auch als Schutzsymbole, die ihnen Macht über Wind und Wasser versprachen.

Zu Beginn der Meiji-Zeit 1869 bemühte sich die japanische Regierung, das Image des Landes zu bessern, um einen guten Eindruck auf den Westen zu machen, weshalb Tattoos jeglicher Form verboten wurden. Auch die Bestrafungsmethode (bokkei), bei der Kriminelle mit kennzeichnenden Tätowierungen regelrecht gebrandmarkt wurden um die Reintegration in die Gesellschaft zu erschweren, wurde aufgehoben. Zwar wurden 1948 Tattoos wieder legalisiert, doch konnten sie bis heute ihre Stigmatisierung nicht abwerfen. Die meisten öffentlichen Bäder, Onsens und Fitnessstudios erlauben auch jetzt noch Tattoo-Trägern keinen Zutritt. Besonders werden sie mit den kriminellen Yakuza assoziiert, die ironischerweise in den vergangenen Jahren vermehrt zur Entscheidung gegen irezumi neigen, um sich besser in die Gesellschaft integrieren zu können. Umgekehrt sind es heute vor allem junge Japaner, die sich ein Tattoo stechen lassen, sodass allmählich ein Wandel in der sozialen Wahrnehmung der Kunst zu vernehmen ist.

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Immer mehr junge Japaner lassen sich Tattoos stechen und gestalten die gesellschaftlichen Regeln neu. © ymcarussia on Pixabay

Heute gibt es nicht mehr als 300 irezumi-Künstler, die noch immer mit traditionellen Techniken und Geräten arbeiten. Die Fertigung der speziellen Tätowierungen ist ein langwieriger Prozess (je nach Größe bis zu fünf Jahre wöchentlicher Sitzungen), der mit großen Schmerzen verbunden ist.

ichi hatanoInterview mit Ichi Hatano: Tōkyōter Tattoo-Künstler, international gefragtEr hat sein Studio in Japan, ist aber auch in Deutschland, Amerika und England aktiv: Der Tattoo-Künstler ICHI HATANO. Was steckt hinter tra...05.02.2018

Wer schon immer mal ein japanisches Tattoo haben wollte, sollte sich vor allem Gedanken über das gewünschte Motiv machen und es sorgfältig recherchieren, da die Bilder größtenteils historische oder mythologische Symbole abbilden, die man nicht leichtsinnig auf seinem Körper tragen sollte, wenn man ihre Bedeutung nicht kennt. Wir zeigen Ihnen die beliebtesten irezumi-Motive und welche symbolischen Hintergründe in ihnen verborgen sind.

Drache (ryū)

Stärke, Weisheit, Güte, Wind und Wasser

Im Westen ist der Drache traditionsgemäß ein Symbol für Kraft, Reichtum und wilde Grausamkeit. Man kennt ihn als zerstörerisches, habsüchtiges Wesen, das in Höhlen lebt, Feuer speit und voller Raffgier seinen Hort vor Eindringlingen bewacht. In Asien hat man ein vollkommen gegenteiliges Bild von Drachen. Zwar symbolisieren sie auch hier außergewöhnliche Stärke, nutzen diese jedoch um den Menschen zu beschützen und ihm Gutes zu tun, indem sie die Gewalten des Universums beeinflussen. Nicht mit Feuer, sondern mit Wasser und dem Regen bringt man sie in Zusammenhang, weshalb sie sowohl in der Luft als auch im Gewässer heimisch sind. Sie sind großzügige, gütige Wesen, denen man Weisheit, Erfahrung und Mut zuschreibt.

Diese positiven Assoziationen haben den Drachen, den man schon seit Jahrhunderten aus der buddhistischen und shintōistischen Kunst und Folklore kennt, zu dem beliebtesten Motiv in der traditionellen irezumi-Kunst gemacht. Seine Kraft, Wildheit und Tapferkeit wecken im Menschen den Wunsch, diese positiven Qualitäten anzustreben. Um diesen Anspruch und diese Sehnsucht nicht aus den Augen zu verlieren, entscheiden sich viele dazu, den Drachen unter der Haut zu tragen und sich so an seine Tugenden zu erinnern.

drachen tattoo
Das beliebteste Motiv im irezumi: der bedrohliche Drache. © Mike / flickr CC BY-ND 2.0

Oft werden sie als Wassertiere umgeben von Wellen illustriert und drücken anhand verschiedener Farben unterschiedliche Werte und Tugenden aus. So werden grüne Drachen etwa mit der Natur assoziiert, während blaue Drachen sanftmütig und nachsichtig sind. Gelbe Drachen stehen für noble Gefährten, goldene Drachen repräsentieren Kostbarkeit. Weitere charakteristische Unterscheidungen liegen beispielsweise in der Darstellung des japanischen Drachen mit drei Zehen und des chinesischen mit fünf, oft mit einem Schmuckstück zwischen den Klauen. Beliebt ist auch eine Gegenüberstellung von Drachen und Tigern, die aufgrund ihrer gegensätzlichen Natur im Konflikt stehen und ein besonders stolzes Tattoo versprechen.

Da man sagt, dass der asiatische Drache nicht etwa das Gesicht einer einzigen Kreatur hat, sondern bei seiner Begegnung mit verschiedenen Wesen verschiedene Merkmale annimmt, kann er die Augen eines Hasen, die Ohren einer Kuh, den Hals einer Schlange, das Geweih eines Hirsches, die Klauen eines Adlers und die Schuppen eines Koi haben. Wer sich bei der Wahl für sein Tattoo für einen Drachen entscheidet, will in der Regel seine Bestrebung und seinen Anspruch auf Güte, Weisheit, Kraft, Mut und Ganzheit zur Schau stellen.

blauer und grüner drache
In kräftigem Blau und Grün abgebildet, erstrecken sich diese beiden Drachen über den gesamten Rücken. © Greg James / Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0

Wächterlöwen (komainu)

Schutz, Glück, Heldenmut

Ein weiteres Abbild aus der traditionellen japanischen Folklore stellt der mythologische Wächterlöwe dar, den man häufig als Statue vor Tempeln, Schreinen und Palästen vorfindet und die oft auch als komainu, (Kara)shishi oder Fu-Hunde bezeichnet werden. Vor allem seiner vielseitigen Gestalt verdankt er diese unentschlossene Namensgebung: Er ähnelt in seiner Form sowohl einem Löwen als auch – dank seiner spitzen Ohren und der eher gebändigten Lockenmähne – einem Hund und steht für Schutz, Stärke und Mut. Darüber hinaus entspringt diese begriffliche Verwirrung der gemeinsamen Geschichte mit China und Korea (komainu bedeutet wörtlich „Koreanischer Hund“), wo sie ebenfalls umfangreich in Skulpturen und Gemälden zu finden sind. Außerhalb von Tempeleingängen findet man sie in Paaren, wo sie Gefahren fernhalten und böse Geister fortjagen.

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Die mythologischen Wächter beschützen nicht nur Tempel und Paläste. Auch als Tattoo bieten sie ihrem Träger Schutz und halten böse Geister fern. © merdanata on Pixabay

Oft auch als „Löwe des Buddha“ oder „König der Bestien“ bezeichnet, stellt er eines der beliebtesten Tattoo-Motive in Japan dar, auch unter Mitgliedern der Yakuza. Da Wächterlöwen paarweise auftreten, ist es nicht unüblich, sie durchaus auch in Paaren zu tätowieren. So bieten sie ihrem Träger Schutz vor Unheil und Gefahren und weisen auf seine heldenhafte Natur hin. Abgebildet werden sie meistens in einer bedrohlichen Form den Arm auf- oder abwärts kriechend, in Kombination mit Pfingstrosen oder – wie auch bei Drachen – mit runden Schmuckstücken unter der Tatze oder einer Sutra Gebetsrolle im Mund. Der jeweils geöffnete und geschlossene Mund der beiden Wächter symbolisiert die Silben „Ah“ und „Un“, der jeweils erste und letzte Laut des japanischen Alphabets. Zusammen drücken diese beiden Silben das „Aun“ aus, eine Abwandlung des heiligen Klangs „Om“ – der Anfang und das Ende von allem.

Wer einen Wächterlöwen als Tattoo trägt, ist bereit, seine Würde, sein Eigentum und seine Rechte zu beschützen und will diese Bereitschaft und sein heldenhaftes Bestreben und seinen Mut an den Tag legen.

Tiger (tora)

Stärke, Mut, Schutz vor Unglück und bösen Geistern, Krankheiten, Wind

In der japanischen irezumi-Kultur symbolisiert der Tiger Schutz vor Dämonen und bösen Geistern, Krankheiten und Unglück. Die japanische Folklore lehrt, dass er für den Norden und den Herbst steht und die Winde kontrollieren kann. Als einer der vier heiligen Tiere der asiatischen Symbolik und religiösen Überzeugung (Drache, Vogel, Tiger, Schildkröte), ist der Tiger auch ein Sinnbild für langes Leben.

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Tiger werden oft in einer angreifenden Haltung mit geöffnetem Mund und bedrohlichen scharfen Zähnen abgebildet. Bambus und Wolken (als bildhafter Wind) begleiten häufig das Motiv des Tigers. Wie bereits erwähnt, sind Paarungen mit Drachen, aber auch Schlangen nicht unüblich.

Der Tiger beschwört das Bild eines einzelgängerischen und unerschrockenen Kriegers, weshalb er als Tattoo-Motiv besonders für Personen geeignet ist, die ihre individuelle Stärke und Fähigkeit zur Geltung bringen wollen. Er repräsentiert die Schlachten, die man während seines Lebens kämpft und an denen man wächst.

Schlange (hebi)

Schutz, Weisheit, Glück, Stärke, Wandel

Im Westen assoziiert man Schlangen meist mit negativen Bezügen und stereotypiert sie als Unheil bringende Wesen. Im asiatischen Raum sieht man die Schlange mit anderen Augen: Hier gilt sie als ein Symbol für Glück, Weisheit und Wandel zum Besseren. Auch schreibt man ihr heilende Fähigkeiten zu und glaubt, dass sie den Menschen vor Unglück und Krankheiten beschützt. Als ein Objekt der Verehrung erzählt die japanische Folklore auch, dass Schlangen den Menschen vor den Folgen seiner falschen Entscheidungen bewahren. Durch ihre Fähigkeit, sich zu häuten, steht die Schlange seit jeher für Wiedergeburt und stetige Erneuerung des Lebens. Die Häutung ist in diesem Sinne ein Symbol für Heilung und Wiederbelebung.

In ihrer Abbildung erscheinen sie häufig als scharfzahnige Wächter, die Reichtümer und Schätze behüten. Wie andere geschuppte Tiere in der japanischen Symbolik, sind sie Wasserkreaturen und drücken je nach Farbe unterschiedliche Eigenschaften aus, entsprechend dem Charakter des Trägers. Als irezumi-Motiv sieht man sie häufig in elegant fließenden Bewegungen sich um einen kugelförmigen Schatz winden. Auch ist es üblich, Schlangen im Kampf mit Tigern oder Samurai-Kriegern darzustellen.

Träger eines Schlangen-Tattoos im japanischen Stil möchten vor allem die regenerative Kraft und den Wandel in ihrem Leben sichtbar machen. Wie Schlangen sich häuten, so sind auch Menschen fähig, sich ihrer alten, negativen Erfahrungen und Erinnerungen zu entledigen und von vorne zu beginnen.

Phönix (hō‘ō)

Wiedergeburt, Triumph, Feuer

Der Phönix ist ein mythischer Vogel, der am Ende seines Lebens verbrennt und aus seiner Asche wieder aufersteht. Nach Japan kam der Mythos, wie so viele Aspekte der japanischen Kultur, aus dem chinesischen Raum und symbolisiert ähnlich dem europäischen Vorbild auch hier Wiedergeburt, Triumph und Beständigkeit. Anders als der mächtige Drache, beginnt der Phönix sein Leben als einfacher Vogel und verwandelt sich erst bei seiner Wiedergeburt aus seiner Asche in ein höheres Wesen. Zudem repräsentiert er Treue, Gerechtigkeit, Gehorsam, sowie die Sonne und Feuer.

Mit seiner unübertroffenen Pracht und seiner Unsterblichkeit ist er vermutlich der wichtigste mythologische Vogel, ungeachtet des geographischen Ursprungs der Erzählung. Der dramatische Aufstieg von einfachem Vogel zum unsterblichen Phönix dient als besondere Inspiration und Motivation für Menschen, die gerne in Tätowierungen bekundet wird, häufig auch bei der Yakuza. Wie im Mythos, sollen Phönix-Tattoos Sieg und Wiederaufbau des Lebens symbolisieren. Da der Phönix am Ende seines Lebenszyklus verschiedene Stadien durchläuft, wird er nicht ausschließlich in Flammen abgebildet. Irezumi-Künstler stellen ihn oft mit einer deutlich vogelartigen Physiologie mit einem besonders langen Hals, schlangenartigen Schuppen und den Schwanzfedern eines Pfaus dar. Das Federkleid ist in strahlenden Farben gehalten, stets mit sichtbaren Rottönen.

Durch seine Assoziation mit dem Feuer wird der Phönix oft mit seinem Gegenspieler, dem Drachen, kombiniert, dessen Element das Wasser ist. Ein stolzer, siegreicher Mensch wird sich den Phönix stechen lassen, um sich an die Symbolik der unsterblichen Seele und Auferstehung sowie der eigenen Beständigkeit im Unglück zu erinnern. Wer Hürden überwunden und aus seinen Niederlagen wieder auferstanden ist, drückt dies gerne mit diesem mystischen Vogel aus.

Koi

Entschlossenheit, Stärke, Mut, Verlangen nach Erfolg, Selbstbesserung, Wasser

Der japanische Koi ist ein weiteres beliebtes Motiv in der irezumi-Kunst. Der speziell gezüchtete Karpfen ist mehr als nur ein hübscher, bunter Fisch. Als Objekt zahlreicher Mythen, Märchen und Legenden hat sich der Koi eine Vielzahl symbolischer Qualitäten angeeignet, die ihn als Tattoo-Design besonders attraktiv machen.

Seinen Ursprung hat er in China, stellt aber einen umjubelten Teil der japanischen Kultur dar. Die Symbolik, die den Koi umgibt, ist das Resultat seiner vielen Sagen: So heißt es, er schwimme stromaufwärts den Gelben Fluss in China hinauf. Schafft er es über tosende Wasserfälle hinweg das Drachentor zu überwinden, wird seine Zielstrebigkeit belohnt und er verwandelt sich in einen stolzen Drachen, der nach seinen Bemühungen in den Himmel hinaufsteigt. Somit symbolisiert er Entschlossenheit und Ehrgeiz, seine Träume zu verwirklichen und sich zu bessern. Seine unübertroffene Ausdauer und Beharrlichkeit hilft ihm, die Hürden des Lebens zu bezwingen und stets zu wachsen. Er repräsentiert Mut, Kontrolle und die Fähigkeit, die Widrigkeiten, die einem begegnen, mit Beständigkeit zu  bewältigen. Angesichts seiner außergewöhnlich hohen Lebenserwartung (bis zu 60 Jahre) steht er außerdem für Langlebigkeit.

Als heimische Fische in Japan bilden Kois schon lange einen bedeutenden Teil der japanischen Kunst und Kultur. Auch in der Tattoo-Kunst Japans ist der Koi hoch favorisiert. Wie schon der Drache wird der Koi als Wesen des Wassers und der Luft betrachtet. In der Bilderwelt des irezumi wird er daher oft in Kombination mit fließendem Wasser abgebildet.

 

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Nicht nur Yakuza-Mitglieder nutzen das Motiv des Kois, um ihren Erfolg zu kennzeichnen, den sie durch harte Arbeit erzielt haben. Menschen, die etwa von schweren Krankheiten geschwächt wurden und wieder zu Kräften gekommen sind, tendieren oft zum Koi-Tattoo. Wie viele traditionelle Motive werden sie in verschiedenen Farben erstellt, die jeweils unterschiedliche Bedeutungen haben. So steht der schwarze Koi für Ausdauer und Entschlossenheit, während rote Kois typischerweise eine starke, brüderliche Liebe repräsentieren, so auch bei Mitgliedern der Yakuza. Blaue Kois symbolisieren Fortpflanzung und werden als besonders maskulin betrachtet. Überhaupt sind Kois Symbole der absoluten Männlichkeit, heißt es doch, dass ein gefangener Koi reglos auf dem Schneidebrett liegt und ohne ein Zucken das Messer und seinen Tod erwartet, ähnlich dem tapferen Krieger, der dem Schwert des Feindes entgegentritt.

Da Kois flussaufwärts schwimmen, werden sie häufig zum Kopf hin gerichtet. Ein Koi, der stromabwärts (und vom Kopf weg) schwimmt, könnte beispielsweise implizieren, dass man gewisse Hindernisse noch nicht bewältigt hat. Außerdem ist es üblich, Kois in Kombination mit Kirsch- oder Lotusblüten zu tätowieren. Entscheidet man sich für einen Koi-Drachen, wird der Kopf der eines Drachen und der Körper ein Koi, da dieses Motiv am häufigsten den Moment darstellt, in dem der Fisch aus dem Wasser springt und sich in einen Drachen verwandelt, bevor er in den Himmel steigt. In dieser Form steht der Koi für Erfolg, Belohnung und Wandel.

Totenkopf (zugaikotsu)

Leben und Tod, Wandel, Ehrfurcht vor dem Tod, Respekt vor Ahnen

Aus dem Westen kennen wir die negativen Konnotationen, die Totenköpfe haben: Tod, Gefahr und Unglück. Besonders konservative Gemüter sehen in ihnen ein schlechtes Omen. Diese eher finstere Symbolik trifft jedoch nicht auf die Darstellung von Totenschädeln in der japanischen Tattoo-Kunst zu. Dort repräsentieren sie vor allem das Leben, den natürlichen Lebenszyklus oder das Konzept des Yin und Yang. Aber auch Veränderung symbolisieren sie, ist der Tod doch die größte Veränderung, die der Mensch erleben kann. In gewisser Weise erinnert diese Bildlichkeit an das Vanitas-Motiv und den Sinnspruch „Memento Mori“ (lat. „Gedenke des Todes“ / „Sei dir der Sterblichkeit bewusst“) aus dem Mittelalter, die in der Kunst und Literatur der Renaissance eine Wiederkehr feierten. Auch hier ist der Grundgedanke die Vergänglichkeit allen Lebens auf der Erde und dass der Mensch keine Gewalt über dieses Schicksal hat. Der japanische Totenschädel ist jedoch deutlich positiver konnotiert. Der Fokus in der Tattoo-Symbolik liegt vor allem auf dem Aspekt des Lebens selbst, weniger auf dem Tod.

Ein Totenschädel-Tattoo wird sowohl den Träger als auch den Betrachter stets an die Kostbarkeit des Lebens erinnern, ihn ermutigen, ein erfülltes Leben zu gestalten und ihn lehren, die Unvermeidlichkeit des Todes zu akzeptieren. Zudem können sie verstorbene Ahnen repräsentieren, denen man Respekt entgegenbringen möchte. Wer sein Leben und seine Sterblichkeit in sich vereinigt, seine verstorbenen Angehörigen ehrt und sich über den Wandel im Leben freut, für den ist dieses Tattoo besonders geeignet.

Dämon (oni)

Gut und Böse, Schutz, Teufel, Dämonen

Bei dem oni handelt es sich wörtlich übersetzt vielmehr um einen Oger oder Troll als einen Dämon, der im Japanischen nämlich als yōkai bezeichnet wird. Oni sind in der traditionellen japanischen Folklore plündernde Ungeheuer, die Dörfer terrorisieren und die Bewohner schikanieren. Es gibt jedoch auch die Tradition, dass alten Erzählungen nach oni nicht ausschließlich als böse gelten, sondern auch gutmütige Beschützer sein können, beispielsweise im Fall eines Mönches, der nach seinem Tod ein oni wurde um seinen Tempel zu beschützen. Die Assoziation von onis mit Dämonen in der japanischen irezumi-Kunst ist prinzipiell darauf zurückzuführen, dass oni mit sämtlichen anderen übernatürlichen Kreaturen in einer Gruppe zusammengefasst wurden

oni tattoo
Noch nicht fertiggestelltes Oni-Masken-Tattoo. © Steve Watkins / flickr CC BY 2.0

Als Tattoo werden streng genommen nicht oni selbst sondern oni-Masken abgebildet. Dabei handelt es sich um ein sehr häufiges Motiv, vor allem bei der Yakuza. Es bezieht sich auf den Glauben des Trägers an ein Geisterreich, in der Dämonen Ungerechtigkeit und Sünden bestrafen, und Krankheiten verbreiten. Sie gelten als die Teufel der japanischen Kunst und Kultur und werden typischerweise mit Klauen, Stoßzähnen, Hörnern, weißem Haar und bunter Haut in kräftig leuchtendem Rot oder Blau abgebildet. Oft schwingen sie Schwerter oder Keulen und sind die Vorboten von Katastrophen und anderen Plagen der Menschheit.

Demnach repräsentiert das oni-Tattoo die Vollstreckung eines Verhaltenskodex oder die Verhängung von Strafen. Oni sind bekannt für ihr terrorisierendes Wesen, werden oft als Reinkarnationen von besonders boshaften Personen betrachtet und können sozialen Verfall bewirken. All diese Aspekte entsprechen dem Lebensstil der Yakuza, weshalb das Motiv in den Reihen der Organisation weit verbreitet ist. Geht man vor allem davon aus, dass nicht alle oni schlecht sind sondern oft nur Pflichten erfüllen, die ihnen von mächtigen Göttern aufgetragen wurden, ist gewissermaßen eine Gemeinsamkeit zwischen der manchmal missverstandenen Yakuza und den Dämonen zu entdecken.

Story Time

Weitere beliebte Motive sind Wasser und Wellen, die den Fluss und Wandel des Lebens symbolisieren, Schildkröten als Symbole für Langlebigkeit und Glück, die Geisha, die für Fruchtbarkeit und Tradition steht oder etwa Samurai-Krieger, die Ehre und einen moralischen Kodex repräsentieren. Auch florale Motive aus der Natur wie beispielsweise Kirschblüten, Pfingstrosen oder Orchideen haben eine vielseitige Bedeutungswelt, die es als irezumi-Enthusiast zu ergründen gilt, besonders vor der endgültigen Entscheidung zu einem Tattoo.

Vor allem entstehen jedoch mit jeder neuen Kombination jedes Motivs individuelle Bedeutungen, die nicht nur die Persönlichkeit, Bestrebungen oder spirituellen Bedürfnisse des Trägers charakterisieren, sondern auch seine Lebensgeschichte erzählen.

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