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Taira no Kiyomori: Der Krieger, der Japan für immer veränderte

Maria-Laura Mitsuoka
Maria-Laura Mitsuoka

Spaziergänge im Mondschein, anspruchsvolle Literatur aus den Händen talentierter Hofdamen – die Heian-Zeit ist die Epoche der Anmut und Eleganz. Doch wie jede schöne Geschichte fand auch diese vom Adel beherrschte Ära ein turbulentes Ende, denn zwei Clans, die Taira und die Minamoto, kämpften um die Vorherrschaft Japans.

Statue von Taira no Kiyomori in Hiroshima.
In Hiroshima schaut die Statue von Taira no Kiyomori zukunftsweisend in die Ferne. © 銅像works (photo-ac)

Kein historisches Werk liefert so viele Informationen über Taira no Kiyomori wie das Heike Monogatari, ein Kriegerepos, in dem die Ereignisse des 12. Jahrhunderts nacherzählt werden. In diesem Schriftstück wird Kiyomori, der Anführer des mächtigen Taira-Clans, als gerissener Mann beschrieben, der mit seiner übermenschlichen Größe und seinem geheimnisvollen Wesen eher die Rolle eines Antagonisten verkörpert als die eines Helden. Doch welche Bedeutung hatte er wirklich für die Geschichte Japans und inwieweit beeinflusste er die damalige Gesellschaft?

Aufstieg in jungen Jahren

Kiyomori wurde 1118 in Ubushina (heutige Präfektur Mie) geboren. Bereits in jungen Jahren erhielt er zahlreiche Ränge am Kaiserhof und soll Kontakte zu prominenten Persönlichkeiten wie Fujiwara no Ienari, einem der beliebtesten Verwalter des zurückgetretenen Kaisers Toba, unterhalten haben. Im Jahr 1137 wurde Kiyomori zum Gouverneur der Provinz Higo (heutige Präfektur Kumamoto) ernannt. Auch im weiteren Verlauf seiner Karriere erzielte er große Erfolge, indem er zum Gouverneur der Provinz Aki (dem heutigen westlichen Teil der Präfektur Hiroshima) aufstieg und die Seeherrschaft über das Seto-Binnenmeer erlangte. Dies ermöglichte es dem Taira-Clan, das Herrschaftsgebiet auf den gesamten Westen Japans auszudehnen, bevor Kiyomori im Alter von 35 Jahren, im Jahr 1153, in die Fußstapfen seines Vaters Tadamori als Oberhaupt seines Clans trat.

Eine emaki-Bildrolle aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, das den nächtlichen Angriff durch Minamoto no Yoshitomo auf den Sanjō-Palast während der Heiji-Unruhen zeigt.

Die politische Stabilität zerfällt

Die Heian-Zeit (794-1185) war nicht nur eine Ära der blühenden Künste, sondern auch der zunehmenden Rivalitäten zwischen dem einflussreichen Fujiwara-Clan und der kaiserlichen Familie. Insbesondere das insei-Herrschaftsmodell, bei dem der insei (abgedankte Kaiser) offiziell auf seine Pflichten verzichtete, allerdings im Hintergrund weiterhin regierte, verschärfte die Nachfolgestreitigkeiten über die Führung im Land. Diese Konflikte kulminierten erstmals 1156 in Form der Hōgen-Rebellion.

Nach dem Tod des insei Toba entbrannte zwischen dessen beiden Söhnen, Sutoku und dem zum damaligen Zeitpunkt amtierenden Go-Shirakawa, ein Streit um die Herrschaft. Viele Mitglieder der Fujiwara-Familie stellten sich auf die Seite Sutokus, während Kiyomori und sein künftiger Feind Minamoto no Yoshitomo, das Oberhaupt des ebenfalls mächtigen Minamoto-Clans, Go-Shirakawa militärisch zur Seite standen. Mit deren Unterstützung gewann Go-Shirakawa schließlich die Oberhand, wodurch der Konflikt zwischen den kaiserlichen Brüdern beigelegt war. Allerdings brodelten bereits die Spannungen zwischen den Familien Taira und Minamoto, die beide nun um die militärische Vorherrschaft konkurrierten.

Nur wenige Jahre später sollte sich die Frage der kriegerischen Vormachtstellung während der Heiji-Unruhen 1160 erneut entzünden. Die Auslöser für den Kampf waren der nächtliche Angriff auf den Sanjō-Palast durch Minamoto no Yoshitomo und die Entführung des inzwischen abgedankten Kaisers Go-Shirakawa und seines Sohnes und Nachfolgers Nijō. Es kam zu einem Gefecht zwischen den beiden Kriegerclans, aus dem die Taira als Sieger hervorgehen sollten. Yoshitomo und seine Unterstützer wurden getötet, wodurch der Minamoto-Clan bis auf Yoshitomos Söhne Yoritomo und dessen jüngeren Bruder Yoshitsune ausgelöscht wurde.

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Das goldene Taira-Zeitalter

Mit der Niederschlagung des Minamoto-Clans standen Kiyomori die Tore zur Politik weit offen. Er wurde nicht nur der Vormund des Kaisers Nijō, der aufgrund seiner mangelnden Erfahrung nicht in der Lage war zu regieren, sondern bekleidete auch das Amt des bettō (ein hochrangiger Beamter), das es ihm ermöglichte, ein solides politisches System zu etablieren. 1164 ließ er in Kyōto den Rengeo-in-Tempel errichten, um Go-Shirakawa, der als insei noch immer für seinen Sohn regierte, in dessen wirtschaftlicher Position zu stärken. Nach einer glänzenden Karriere beschloss Kiyomori schließlich im Mai 1167, sich aus der Politik zurückzuziehen, seinem Sohn Shigemori das Feld zu überlassen und sich der Religion zu widmen. Er finanzierte den Bau des Itsukushima-Schreins auf der Insel Miyajima (heutige Präfektur Hiroshima) und intensivierte den Handel mit der chinesischen Sung-Dynastie, wodurch er wirtschaftlichen Wohlstand erreichte.

Schreintor Miyajima
Das Schreintor des Itsukushima-Schreins, das in den glänzenden Gewässern um Miyajima badet, ist eines der bekanntesten Fotomotive Japans. © ぴーうさ (photo-ac)

Die Anti-Taira-Bewegung

Obgleich Kiyomori bemüht war, einen guten Draht zu Go-Shirakawa aufrechtzuerhalten, wurde er diesem aufgrund seiner wachsenden Macht ein Dorn im Auge. Als Go-Shirakawa sich nach dem Tod von Kiyomoris Sohn Shigemori ohne Absprache dessen Ländereien aneignete, kam es 1179 schließlich zum endgültigen Bruch. Kiyomori entließ alle 39 Hofadeligen und kaiserlichen Vasallen, die sich gegen die Taira ausgesprochen hatten. Wenngleich Go-Shirakawa sich für sein Vergehen entschuldigte, wurde ihm nicht verziehen – stattdessen wurde er im Dezember in den Toba-dono-Palast (heutige Präfektur Kyōto) verbannt, wodurch sein Einfluss als insei ein Ende nahm.

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Go-Shirakawas Inhaftierung sollte nur der Anfang der Anti-Taira-Bewegung sein, denn auch sein dritter Sohn, Prinz Mochihito, plante, Kiyomoris Herrschaft ein Ende zu setzen, um die politische Macht wieder vollständig in kaiserliche Hände zu bringen. Im Frühling 1180 rief Mochihito alle Feinde der Taira auf, die Waffen zu erheben und in den Krieg zu ziehen. Dies war für den verbannten Minamoto no Yoritomo die Gelegenheit, um Rache zu nehmen.

Infolge dieser Ereignisse kam es ab 1180 zu zahlreichen Schlachten, die als die Genpei-Kriege (1180-1185) in die Geschichte eingegangen sind. Kiyomori sollte den Untergang seines Clans jedoch nicht mehr erleben, denn er starb 1181 an einer Krankheit, deren Symptome auf Malaria hindeuten könnten.

Statue Minamoto no Yoritomo
Heute sitzt das Abbild Minamoto no Yoritomos im Genjiyama-Park in Kamakura. Er zerschlug den Taira-Clan im Jahr 1185. © けいご keigo (photo-ac)

Tyrann oder wohlwollender Regent?

Obwohl Kiyomori aufgrund seiner Darstellung im Heike Monogatari als grausam, unmenschlich und kaltherzig wahrgenommen wird, glauben einige Historiker, dass er eigentlich ein freundlicher und mitfühlender Mensch war. Diese Umdeutung Kiyomoris stützt sich auf eine Passage aus der Gukansho-Chronologie, die ca. 1220 verfasst wurde. In diesem historischen Werk wird er als ein Mann beschrieben, der „sehr bescheiden war, seine Aufgaben angemessen ausführte und seine Mitmenschen rücksichtsvoll behandelte”.

Möglicherweise gab sich Kiyomori als grausamer Regent, um seine Machtposition nicht zu verlieren und an dem rivalisierenden Minamoto-Clan ein Exempel zu statuieren. Unabhängig von seiner Persönlichkeit hat er ohne Zweifel einen großen Beitrag zur japanischen Kultur geleistet. Nicht nur, weil seine Herrschaft sowie der Untergang seines Clans den Beginn einer neuen Ära einleitete, sondern auch, weil seine Errungenschaften, wie der Bau des Itsukushima-Schreins (heute UNESCO-Weltkulturerbe), nach wie vor zahlreiche Tourist:innen aus aller Welt anziehen.

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