kintsugi
Mit Goldlack reparierte Keramik erhält ein zweites Leben. (c) geekphysical / flickr CC BY 2.0

Kintsugi: Wenn Zerbrochenem neues Leben eingehaucht wird

Sina Arauner

Japanische Keramik ist weltweit hoch angesehen. Kintsugi, die traditionelle Art, gesprungene Keramik zu reparieren, zeugt nicht nur von viel Kunstfertigkeit. Sie ermöglicht auch einen tiefen Einblick in die japanische Wabi-Sabi-Ästhetik und die Wertschätzung der Dinge in Japan.

Kintsugi ist eine von langer Tradition geprägte japanische Methode, zerbrochene Keramik zu reparieren. Das Besondere: Kintsugi versucht nicht, die augenscheinlichen Makel der Reparatur zu verbergen, vielmehr stellt es diese durch die Verwendung von Gold- oder Silberpigmenten im Lack in den Vordergrund – und schafft so eine völlig neue Schönheit und Wertschätzung des ursprünglichen Objekts.

Was genau ist Kintsugi?

Man sagt, dass Kintsugi auf Ashikaga Yoshimasa, einen Shōgun des 15. Jahrhunderts, zurückzuführen ist. Nachdem er eine seiner chinesischen Teeschalen aus Versehen zerbrach, schickte er diese zur Reparatur nach China – und wurde von dem endgültigen Ergebnis schwer enttäuscht. Daraufhin legte er japanischen Kunsthandwerkern ans Herz, eine ästhetisch ansprechendere Methode zu entwickeln, um seine Lieblingsschale wieder ansehnlich zu machen. Das Ergebnis war Kintsugi.

In einem vielstufigen und lang andauernden Prozess werden auseinandergebrochene oder gesprungene Keramiken repariert. Dazu wird der japanische Lack urushi in mehreren Schichten aufgetragen, wahlweise mit goldenen oder silbernen Pigmenten bestäubt und anschließend poliert.

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Die einst gebrochenen Stücke werden glatt und geschmeidig zusammengefügt und ergänzen sich zu einem neuen Ganzen, das in den meisten Fällen, der Schönheit des Originals in nichts nachsteht. Das Wichtigste an Kintsugi jedoch, ist laut Muneaki Shimode, einem Kintsugi-Meister aus Kyōto, nicht die physische Erscheinung des eigentlichen Objekts. Wichtig sind die Schönheit und die Bedeutung, die der Betrachter durch das Objekt erfährt.

[Video] Sehen Sie hier Muneaki Shimode bei einem Kintsugi-Workshop in London.

Wabi-Sabi oder die Schönheit im Makel

Die Ästhetik, die hinter Kintsugi steckt, ist Wabi-Sabi. Sie bedeutet so viel wie die Schönheit im Vergänglichen, Alten oder Fehlerhaften zu verstehen. Eine einst zerbrochene Teeschale ist nicht minder Wert, als eine makellose, neue Schale. Vielmehr erlangt die Schale, durch die aufwendige Restauration, einen einzigartigen Status, dessen Wert kaum einzuschätzen ist.

Kintsugi, Wabi-Sabi und Nachhaltigkeit

Was der Ingenieur Reiner Pilz 1994 in einem Zeitschriftenartikel als “Upcycling” bezeichnete, ist vielleicht die europäische Antwort auf die japanische Wabi-Sabi-Philosophie. Er schreibt über die damalige Recycling-Situation in Deutschland: “Recycling, ich nenne das Downcycling. […] Was wir brauchen, ist Upcycling, das alten Dingen mehr Wert, nicht weniger, zuspricht.”

Zwar ist der Gedanke hinter Upcycling mehr der Nachhaltigkeit zuzusprechen, als dem ästhetischen Wert eines Objekts. Doch neben DIY-Reparaturen und Vintage-Modetrends, nimmt die Beliebtheit an Alternativen zum Wegwerfen kaputter und alter Dinge zu.

Basierend auf einem Thesenpapier der Interaktionsdesignerinnen Vasiliki Tsaknaki und Ylva Fernaeus, das Wabi-Sabi-Design in Mensch-Computer-Interaktionen anspricht, organisierte eine Bloggerin von Meaningful Devices im Mai 2017 einen Workshop im FabCafe Tokyo. Das Thema des Workshops: Elektronisches Kintsugi, das beispielsweise durch menschliche Berührung ein Licht zum Leuchten bringt, oder einen Ton erzeugt.

[Video] Traditionelles Handwerk trifft im FabCafe Tokyo auf Elektronik.

Der Workshop zeigte: Selbst alte Traditionen, wie Kintsugi sind nicht immer Relikte vergangener Zeiten. Auch in Fehlerhaftem einen Wert zu sehen und Zerbrochenem neues Leben einzuhauchen sind Qualitäten, die heute wie damals wichtig erscheinen.

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