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Die Yayoi-Zeit: Wie Jäger zu Bauern wurden

Maria-Laura Mitsuoka
Maria-Laura Mitsuoka

Schamanismus, geheimnisvolle Bronzeartefakte und erste Kontakte mit der koreanischen Bevölkerung sind das, woran die Japaner heute zuerst denken, wenn sie den Begriff “Yayoi-Zeit” hören. In Wahrheit beinhaltet diese Epoche jedoch viel mehr. Sie schuf unter anderem den Nährboden für Japans wichtigstes Nahrungsmittel: Reis.

Yoshinogari-Iseki
Rekonstruktion einer Yayoi-zeitlichen Siedlung im Freilichtmuseum Yoshinogari-Iseki (Präfektur Saga) . © RERE0204 (photo-ac)

Der Nassreisanbau veränderte nicht nur die Ernährungsgewohnheiten der Jōmon-Bevölkerung erheblich, sondern leitete auch große soziale Umbrüche ein. Siedlungen wuchsen zu komplexeren Dorfgemeinschaften heran und die ersten Anführer hoben sich aus einer immer stärker auseinanderstrebenden Gesellschaft heraus. Was löste diesen Wandel aus und wie entwickelte sich die japanische Kultur im Laufe dieser Zeit?

Der Beginn einer neuen Epoche

Die Yayoi-Zeit (弥生時代, yayoi jidai) markiert den Beginn einer neuen kulturellen Epoche, die sich durch modernere landwirtschaftliche Techniken, die Bronzeverarbeitung sowie die Entwicklung größerer Gemeinschaften auszeichnet. Bis heute sind sich Archäologen darüber uneinig, wann die Yayoi-Zeit genau begonnen haben könnte, da die mit dieser Epoche verbundenen technologischen Fortschritte große regionale Unterschiede aufweisen.

Datierungen auf Grundlage der Radiokarbonmethode zeigen, dass der Übergang zur Yayoi-Zeit auf Kyūshū bereits 900 v. Chr. begann, während die Kinki-Region (Region um Ōsaka) erst 600 v. Chr. und Tōhoku in Nordostjapan 400 v. Chr. in die Fußstapfen dieser Periode traten. Da der Nassreisanbau nicht nach Hokkaidō oder Okinawa gelangte, werden diese Landesteile anderen Kulturen zugeschrieben. Im Norden folgte auf die Jōmon-Zeit die Zokujōmon-Zeit, auf den Ryūkyū-Inseln die Zeit der Kaizukakōki-Kultur.  

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Reisanbau führt zu Dorfbildung

Während in der Jōmon-Zeit nur wenig Landwirtschaft betrieben wurde, da Jagen, Sammeln und Fischen die Existenzgrundlage der Menschen bildeten, gewann der Anbau der Reispflanze durch die Einwanderung koreanischer Flüchtlinge große Popularität. Die Immigranten, die durch Kriege in China dazu gezwungen gewesen waren, ihre Heimat zu verlassen, führten, neben der Metallbearbeitung und neuen landwirtschaftlichen Werkzeugen, das sogenannte shōkukakusuiden ein – eine Anbauform der Reispflanze, bei der kleine, flache Felder angelegt und regelmäßig durch Kanäle bewässert werden.

Die Bewirtschaftung solcher Felder war sehr zeitaufwändig und erforderte viele Arbeitskräfte. Dies veranlasste kleinere Siedlungen dazu, sich zusammenzuschließen und größere Dorfgemeinschaften zu bilden, deren Existenzgrundlage fast vollständig auf der Agrarwirtschaft beruhte.

Gose
Ein ehemaliges Nassreisanbaufeld in Gose (Präfektur Nara), das 2019 ausgegraben und archäologisch untersucht wurde. © Saigen Jirō / Wikipedia (CC 0 1.0 Universal Public Domain Dedication)

Höhlenbehausungen in Küstennähe

Allerdings wurden nicht alle Menschen der Yayoi-Zeit unmittelbar nach der landwirtschaftlichen Revolution zu Bauern. In küstennahen Höhlen legten Archäologen Harpunen- und Pfeilspitzen, Urnenscherben, durchlöcherte Muscheln und Wahrsageknochen frei, bei denen es sich um die in Feuer erhitzten Überreste eines Wildschweins oder Rehs handelte. Funde von Fischgräten, vornehmlich Lachs und Bonito-Fisch, deuten zudem darauf hin, dass Meerestiere in großen Mengen verzehrt wurden.

Erste politische Strukturen

Das Bevölkerungswachstum erforderte bald schon die Organisation größerer Gemeinschaften, sodass sich erste Oberhäupter herauskristallisierten, die in den historischen Quellen des chinesischen Wei-Reiches als Könige bezeichnet wurden. Archäologische Untersuchungen beweisen anhand materieller Güter, deren symbolischer Wert den Status eines Menschen definierte, eine sozialgesellschaftliche Entwicklung.

In immer größer werdenden Grabkomplexen und Siedlungen wurden Bronzedolche und -schwerter aus Korea, landwirtschaftliche Werkzeuge sowie Tonfiguren gefunden. Außerdem wurden z. B. in Fukuoka königliche Siegel freigelegt, die von den Bewohnern Japans unter der in Korea herrschenden Lelang-Kommandatur (108 v. Chr. – 313 n. Chr.) übernommen wurden.

Himiko von Yamatai, Japans erste Kaiserin

Die berühmteste historische Figur der Yayoi-Zeit ist Königin Himiko von Yamatai, die als erste offizielle Kaiserin Japans gilt. Ihr wird zugeschrieben, viele kleinere Gemeinschaften, die sich im Krieg miteinander befanden, geeint und friedliche Außenbeziehungen zum chinesischen Wei-Königreich hergestellt zu haben. Nach Verhandlungen am chinesischen Hof soll das Wei-Königreich ihr als Zeichen der Wertschätzung 100 Bronzespiegel geschenkt haben, die ihr als Grabbeigaben mit auf den Weg ins Jenseits gegeben wurden.

Solche chinesischen dōkyō (Bronzespiegel), die teilweise mit Kanji (chinesischen Schriftzeichen) verziert sind, wurden sowohl in der Yayoi-Zeit als auch in der anschließenden Kofun-Zeit in zahlreichen Gräbern entdeckt. In der Archäologie werden sie als kultische Gegenstände interpretiert, die möglicherweise Darstellungen der Sonne nachahmen und mit der Sonnengöttin Amaterasu in Verbindung gebracht werden können.

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Bromzespiegel
Ein Kofun-zeitlicher Bronzespiegel, der auf dem Design Han-dynastischer Vorbilder aus China basiert. In der Yayoi-Zeit fanden solche Spiegel zum ersten Mal ihren Weg nach Japan. © The Metropolitan Museum of Art, New York / The Harry G. C. Packard Collection of Asian Art, Gift of Harry G. C. Packard, and Purchase, Fletcher, Rogers, Harris Brisbane Dick, and Louis V. Bell Funds, Joseph Pulitzer Bequest, and The Annenberg Fund Inc. Gift, 1975

Die Geburt erster Dörfer

Mit dem wachsenden Bedarf an Arbeitskräften, um den Nassreisanbau langfristig aufrechtzuerhalten, entstanden in der Yayoi-Zeit die ersten größeren Siedlungen. Sie setzten sich in der Regel aus einer Reihe von quadratischen Grubenhäusern mit bis zum Boden reichenden Strohdächern zusammen, in deren Mitte eine Feuerstelle eingelassen war. Um den geernteten Reis vor Ungeziefer zu schützen, wurden die ersten Pfahlbauten errichtet, die als Vorläufer der Shintō-Schreinarchitektur gelten.

Reis war damals eine wichtige Währung, die den Reichtum eines Individuums definierte und die Bildung sozialer Schichten vorantrieb. Diejenigen, die in der Lage waren, die Ressourcen der Yayoi-Gesellschaft zu kontrollieren, wurden zu Angehörigen einer elitären Klasse, welche die Führungsrolle in der Gemeinschaft übernahm. Die Wohlhabenden behaupteten ihre Position und demonstrierten ihren Status durch den Erwerb von prestigeträchtigen Zeremonialgütern wie Bronzespiegeln und -waffen, deren metallische Rohstoffe schwer zu beschaffen waren und nur vom Festland bezogen werden konnten.    

Yoshinogari-Iseki
Rekonstruktion eines Yayoi-zeitlichen Gebäudes im Freilichtmuseum Yoshinogari-Iseki (Präfektur Saga). © RERE0204 (photo-ac)

Der Weg ins Jenseits

Grabstätten und die darin enthaltenen Beigaben verraten viel über die Glaubensvorstellungen vergangener Kulturen und deren gesellschaftlichen Wandel. Während es in der Jōmon-Zeit üblich war, die Verstorbenen in kaizuka (Muschelhaufen) zur Ruhe zu betten oder sie in Embryonalstellung in Gruben zu beerdigen, verbreiteten sich ab der frühen Yayoi-Zeit viele verschiedene Formen der Bestattung. Holz- und Steinsärge, die durch den koreanischen Einfluss Einzug in den japanischen Kulturkreis erhielten, zahlreiche Urnengräber, bootsförmige Sargbestattungen und in seltenen Fällen auch Megalithgräber zeigen die Vielfalt der Gesellschaften, die sich auf der japanischen Insel angesiedelt hatten. 

Über die Yayoi-zeitlichen Bestattungsriten und einen Jenseitsglauben ist nicht viel bekannt, aber Berichten aus der Wei-Dynastie zufolge trauerten die Yayoi-Japaner zehn Tage und Nächte lang, wenn sie einen Verlust erlitten hatten.

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Freilichtmuseum Yoshinogari-Iseki
Nachstellung einer Yayoi-zeitlichen Bestattung im Freilichtmuseum Yoshinogari-Iseki (Präfektur Saga). Ⓒ watanos (photo-ac)

Ende der Yayoi-Zeit

Das Ende der Yayoi-Zeit wurde mit dem Tod der Kaiserin Himiko 248 n. Chr. eingeleitet und legte den Grundstein für die komplexen Herrschaftsstrukturen der Kofun-Zeit, einer Epoche, die nach den riesigen Grabhügeln benannt ist, deren Ausmaße die politische Macht eines Herrschers demonstrierten.

Im heutigen Japan wird die Yayoi-Zeit vor allem mit Schamanismus und Magie, Sonnenkulten und animistischen Glaubenssätzen in Verbindung gebracht. Sie ist eine fantastische Welt, deren Spuren heute lediglich in den schintoistischen Glaubensvorstellungen und Praktiken noch zu erahnen sind. Jahr für Jahr enthüllen die Fortschritte archäologischer Studien immer mehr Puzzlestücke dieses historischen Zeitalters – wer weiß, welche Erkenntnisse in Zukunft zu erwarten sind. 


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