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Kofun-Gräber: Eine etwas andere Form der Bestattung

Maria-Laura Mitsuoka
Maria-Laura Mitsuoka

In Japan sind je nach Epoche die unterschiedlichsten Bestattungsformen zu finden. Dazu gehören auch Grabanlagen, die aus der Luft gesehen wie Schlüssellöcher aussehen: Kofun-Gräber, gewaltige Hügelgräber, in denen die Verstorbenen zur Ruhe gebettet wurden.

Luftansicht des Richūtennō-ryō in Sakai, Ōsaka.
Luftansicht des Richūtennō-ryō in Sakai, Ōsaka. Es gehört zu den berühmtesten Kofun-Gräbern Japans. © Inushita (photo-ac)

Aus historischer Sicht leitet die Kofun-Zeit den Beginn einer frühen Entwicklung des japanischen Yamato-Staates ein.
Kriegerische Auseinandersetzungen und Allianzen mit den koreanischen Königreichen Koguryŏ im Norden, Paekche im Südwesten und Silla im Südosten beeinflussten die Kultur, Glaubenswelt und Politik der damaligen Menschen. Zwar sind uns keine japanischen Schriftzeugnisse aus dieser Zeit bekannt, allerdings konnten Historiker durch Briefe und Chroniken aus Korea die politischen Beziehungen der Reiche nachvollziehen. Aus diesem Grund wird die Kofun-Zeit als eine „protohistorische Epoche“ bezeichnet, die den ersten Meilenstein für den Beginn der japanischen Geschichte legte.

Für Archäologen zeichnet sich diese Zeit vor allem durch die beeindruckenden Kofun-Gräber aus. Dabei handelt es sich um große Grabanlagen, die der Kofun-Ära ihren Namen verliehen haben. Die ersten Grabhügel wurden bereits ca. im Jahr 250 n. Chr., kurz nach dem Tod der Königin Himiko, in der Yayoi-Zeit (ca. 3. Jhd. v. Chr.-3. Jhd. n. Chr.) errichtet. Erst mit dem Auftreten von schlüssellochförmigen Kofun-Gräbern (auf Japanisch zenpō-kōen-fun, 前方後円墳) im 3. Jahrhundert n. Chr. beginnt für die Forscher die Kofun-Zeit. Wann diese endet, ist nicht eindeutig zu bestimmen. Einige Historiker sind der Meinung, dass die Einführung des Buddhismus im Jahr 552 den Übergang in die Asuka-Zeit (ca. 592-710 n. Chr.) einleitete. Andere dagegen sehen die Versetzung der Hauptstadt nach Heijō-kyō (im Gebiet des heutigen Nara) im Jahr 710 als das Ende der Kofun-Zeit an.

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Goshiki Hügelgrab in Kobe
Der steinbedeckte Grabhügel des Goshiki-Hügelgrabes in Kōbe. © kimtoru (photo-ac)

Von rund bis eckig, alles ist dabei

Die ersten Kofun-Gräber waren quadratisch (hōfun, 方墳)  und wurden in der Yayoi-Zeit nach chinesischem Vorbild auf hügeligem Gelände errichtet. Daraus entwickelten sich zu Beginn der Kofun-Epoche runde Hügelgräber (enpun, 円墳), die immer größere Ausmaße annahmen. Im Laufe der Jahrzehnte stieg die Vielfalt der Grabformen stark an. Es existieren achteckige, zwölfeckige oder gar eigenartige Mischformen aus einer quadratischen Basis und einer runden Spitze.

Die Schlüssellochform war ausschließlich der Kaiserfamilie vorbehalten und lässt sich in die frühe Kofun-Zeit datieren. Im Vergleich zu anderen Grabanlagen sind die Ausmaße dieser Exemplare mit einer Länge von mehr als 400 Metern gewaltig. Diese exotische Form wird als Besonderheit Japans angesehen und ist in benachbarten Ländern kaum vertreten. Allerdings wurden in den letzten Jahrzehnten auch koreanische Schlüssellochgräber entdeckt. Diese Funde verursachten unter Wissenschaftlern hitzige Debatten, die die Frage aufwarfen, ob die Wurzeln der Kaiserfamilie möglicherweise in Korea liegen.

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Grabkammer Ishibydaikofun in Nara
Grabkammer des Ishibudai-Kofun in Asuka (Präfektur Nara). © ブルーレモネード (photo-ac)
Asuka Bijin
„Asuka-Bijin” oder "Die Schönheit von Asuka": Motiv einer Wandmalerei im Takamatsuzuka-Grab in Asuka (Präfektur Nara).

Wie wurde ein Kofun-Grab errichtet?

Der Bau eines Kofun-Grabes war mit sehr viel Arbeit verbunden und nahm mehrere Jahre in Anspruch. Sobald die Form feststand, wurden vorerst kleinere Modelle angefertigt, um die Ausmaße der Anlage und das benötigte Material auszurechnen. Anschließend begann das Aufbetten des Hügels.

Um Erosion durch Wind und Wetter vorzubeugen, wurde die Oberfläche bei einigen Anlagen mit weißen Steinen bedeckt. Sobald die äußere Form stand, errichteten die Arbeiter im Zentrum oder auf der Spitze des Hügels die Grabkammer. Diese bestand aus Megalithen und wies eine Vorder- und Hauptkammer auf. Der Steinsarg mit dem Leichnam wurde in die Hauptkammer gebracht und reich beschenkt.

In der frühen und mittleren Kofun-Zeit befanden sich die Grabkammern auf der Spitze des Hügels. Zum Ende der Epoche wurden sie jedoch ins Zentrum verlegt. Um diese zu betreten, legten die Erbauer kleine Gänge an, die als Yokoana-Kammern (横穴, „seitliches Loch“) bezeichnet werden. Einige Grabkammern waren von innen sogar bemalt. Die bekanntesten Wandmalereien stammen aus dem Takamatsuzuka-Grab in der Präfektur Nara, welches in das 7. Jahrhundert datiert wird.

Reiche Grabbeigaben

Das Grabinventar war sehr vielseitig und wertvoll. In der frühen Kofun-Zeit wurden den Bestatteten hauptsächlich Bronzespiegel und Perlen, denen die damaligen Menschen eine magische Wirkung zuschrieben, ins Grab gelegt. Ab der mittleren Kofun-Zeit nahm die Zahl an Waffen und Reitutensilien stark zu und im 5. Jahrhundert fand auch „Sue”-Keramik koreanischen Ursprungs ihren Weg in die Grabkammer.

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Zudem enthüllten Ausgrabungen sog. haniwa, Lehmfiguren, die ursprünglich um den Grabhügel herum oder auf ihm errichtet worden waren. Die Bedeutung, der Zweck und die Herkunft der haniwa konnten noch nicht ermittelt werden, worüber Wissenschaftler bis heute rätseln. Die gängigste Interpretation lautet, dass die Nutzung der haniwa mit rituellen Bestattungsformen oder dem Jenseitsglauben zusammenhängt. Die ältesten Exemplare sind groß und zylindrisch geformt. Haniwa, die Menschen, Tiere, Gebäude, Waffen und andere Motive darstellen, erfreuten sich überall großer Beliebtheit, doch konnten sie vermehrt in Ostjapan nachgewiesen werden. Ihre Anzahl variiert zwischen einigen wenigen bis zu tausenden auf einer einzigen Grabanlage.

Shinjukyo-Bronzespiegel
Ein Shinjūkyō-Bronzespiegel aus dem 4. oder 5. Jahrhundert, der Dekorationen aus der Mythologie der chinesischen Han-Dynastie zeigt. © The Metropolitan Museum of Arts

Bedeutung der Kofun-Gräber

Die Kofun-Gräber liegen oft dicht beieinander. Dies wird damit begründet, dass sie von mächtigen Clans errichtet wurden, die politisch-wirtschaftliche Macht auf die Region ausübten. Die Entwicklung dieser Clans ist auf die Einwanderungsströme koreanischer Flüchtlinge in der Yayoi-Zeit zurückzuführen. Kriegerische Auseinandersetzungen in China und Korea zwangen sie dazu, nach Japan auszuwandern und dort ein neues Leben zu beginnen. Dabei brachten sie Metalle, neue Technologien und den Nassreisanbau mit ins Land. Letzteres sollte für Japan die größte Veränderung bringen: Die Bewässerung großer Reisfelder erforderte die Mobilisierung und Systematisierung vieler Siedlungen, die sich in bestimmten Bereichen ansammelten. Diese Entwicklung führte letztendlich zur Bildung eines japanischen Staates, dessen Regierungsform nicht nur im politischen Alltag, sondern auch im Bestattungswesen präsent sein sollte. Welche religiösen und kulturellen Aufgaben den Kofun-Gräbern zugeschrieben wurden, ist uns bis heute allerdings nicht bekannt. 

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