tokyo kanji
Die Kanji für Tōkyō - 東 für Osten, 京 für Hauptstadt.

Kanji-FAQ: Häufige Fragen zu den japanischen Schriftzeichen

Matthias Reich

Vor allem die vielen Schriftzeichen machen Japanisch zu einer schwer zu erlernenden Sprache. Japan Digest geht häufig gestellten Fragen nach: Welche Bedeutung haben japanische Schriftzeichen? Wie verwendet man die Schriftzeichen in Japan? Welche Schriftsysteme nutzt das Japanische?

Wieviele Schriftzeichen gibt es?
Das umfassendste Kompendium enthält über 50.000 Schriftzeichen. In Ostasien sind aber „nur“ noch etwa 10.000 davon in Gebrauch. In Japan sind es etwa 6000, wovon etwa 3000 regelmäßig verwendet werden.

Wieviele Schriftzeichen müssen Japaner kennen?
Das japanische Kultusministerium stellt eine Liste mit Schriftzeichen zusammen, die für Behörden, Schulen und Medien verbindlich sind. Diese heißen Jōyō-Kanji 常用漢字, Kanji des täglichen Gebrauchs. Bis 2010 waren das 1945, seitdem 2136 Zeichen. Verwenden Zeitungen komplexe Kanji, die nicht in dieser Liste vorkommen, werden diese mit einer Lesehilfe in Hiragana versehen, sodass ihre Lesung und damit auch ihre Bedeutung klar wird.

Ein paar Anmerkungen zu den Jōyō-Kanji: Nicht alle dieser Schriftzeichen sind wichtig. Es gibt sehr wichtige (ca. 900, die lernt man in der Grundschule), dann nicht allzu Wichtige sowie einige eigentlich völlig Unwichtige:

  • (monme) – ein altes japanisches Gewicht (3.75 g). Und eine Geldeinheit während der Edo-Zeit (1603-1868). Benutzt heute niemand mehr!
  • (chin) – ein Wort für „ich“, das nur der Kaiser benutzen darf – aber jeder in der Schule lernt.

Das Problem ist, dass viele Schriftzeichen, wie eingangs erwähnt, mehrere Lesungen haben: die sinojapanische, maximal zweisilbige on-Lesung 音読み und die oft längere kun-Lesung 訓読み, zum Beispiel für Verben. Die meisten Jōyō-Zeichen haben beide Lesarten, manche nur eine davon und noch andere mehr als zwei. Beispiel:

下  hat 12 verschiedene Lesungen (on-Lesung: ka, ge; kun-Lesung: shita, shimo, moto, sa-geru, sa-garu, kuda-ru, kuda-su, kuda-saru, o-rosu und o-riru). Die Jōyō-Kanji haben insgesamt über 4000 Lesungen, die alle gelernt werden wollen.

Hat jedes Schriftzeichen eine Bedeutung?
In fast allen Fällen ja. Das bedeutet aber nicht, dass man das Zeichen allein benutzen kann. Substantive (meishi 名詞) bestehen meistens aus zwei Zeichen – zum Beispiel Kanji 漢字, Schriftzeichen. kan 漢 ist das Zeichen für die (Han-) Chinesen. ji 字 bedeutet Zeichen. Oder kotoba 言葉: koto 言 bedeutet Sprache, ba 葉 ist das Blatt. Die Kanji bedeuten also „Blätter der Sprache“ – die beide Kanji bedeuten zusammen „das Wort“.

Verben hingegen bestehen meistens aus einem Kanji oder einem Substantiv plus suru する = machen.

Die sehen doch alle gleich aus! Wie kann man die lernen?
Jedes Schriftzeichen ist einzigartig. Und lässt sich in Elemente (genannt Radikale) zerlegen. Insgesamt gibt es 214 Radikale, die wiederum jeweils eine Kategorie mit Bedeutung darstellen. So gibt es das Element sanzui, Wasser 氵.

Ca. 500 der heute benutzten 10.000 Zeichen beinhalten dieses Radikal für Wasser. Und haben meistens etwas mit Wasser zu tun:

Welle – 波 nami // Träne – 涙 namida // Meer – 海 umi // Hafen – 港 minato // schwimmen – 泳ぐ oyogu // fließen – 流れる nagareru usw.

Jedes, aber auch wirklich jedes Zeichen lässt sich restlos in Radikale zerlegen. Aber nur ein Radikal ist sinngebend! Hier eine Liste der 117 Radikale – von rechts nach links mit aufsteigender Strichmenge.

kanjiRadikale und die jeweiligen Kanji, in denen sie vorkommen.

Dieses System hilft beim Erlernen der Zeichen! Streng genommen sind die Schriftzeichen sehr logisch. Allerdings braucht man lange, um die Logik dahinter zu verstehen. Deshalb sagt man auch, dass das Erlernen der ersten ca. 800 Schriftzeichen am schwersten ist. Danach wird es einfacher!

Neben dem sinngebenden Radikal gibt es häufig auch ein anderes, das die Lesung definiert.令・冷・鈴・零・齢: Alle diese Jōyō-Kanji enthalten das gleiche Element 令und werden deshalb alle gleich gelesen, nämlich rei. Wer sich die Liste der Jōyō-Kanji aufmerksam ansieht, wird etliche solcher Gruppen finden (da sie nach der Lesung geordnet sind). Dumm nur, dass es auch hier freilich viele Ausnahmen gibt. Da hilft nur auswendig lernen!

領: Dieses Zeichen wird zwar auch rei gelesen, typischer und häufiger ist aber die Lesung ryō.

Das Problem ist, dass so viele Zeichen die gleiche on-Lesung (siehe oben) haben:

士・子・支・止・氏・仕・史・司・四・市・矢・旨・死・糸・至・伺・志・私・使・刺・始・姉・枝・祉・肢・姿・思・指・施・師・紙・脂・視・紫・詞・歯・嗣・試・詩・資・飼・誌・雌・賜・諮
Alle diese Kanji werden hauptsächlich shi gelesen!

Wichtig bei Kanji ist es nicht nur, die Lesung zu lernen, sondern auch die Strichfolge, denn dafür gibt es feste Regeln (oben vor unten, links vor rechts usw.). Die Strichreihenfolge ist vor allem in der Kalligraphie von hoher Bedeutung – und hilft auch dabei, Hand- oder Pinselgeschriebenes beim Lesen besser entziffern zu können.

Dauert das nicht zu lange, all diese Schriftzeichen zu „malen“?
Ganz im Gegenteil. Wer mit den Schriftzeichen vertraut ist, malt nicht, sondern schreibt fließend. Oft ist man auch viel schneller, wenn man mit Schriftzeichen schreibt: Das Wort Bahnhof zum Beispiel erfordert im Deutschen das Schreiben von 7 Buchstaben. Im Japanischen ist es nur 1 Schriftzeichen, und das ist schnell geschrieben. Zumal es auch im Japanischen Handschriften (und somit auch Sauklauen) gibt. Hält man sich dabei nicht an die Strichfolge, sind die Kanji unleserlich. Einfach abpinseln ist also nicht. Kanji bestehen aus 1 bis 64 Strichen, der Durchschnitt liegt bei etwa 11. Handschriften können ganz verschieden aussehen. Und so gibt es auch verschiedene Fonts:

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kanji2Verschiedene Schriftarten lassen die Kanji jeweils ganz anders aussehen.

Sind die Schriftzeichen überall gleich in Asien?
Nein. Nur in Taiwan, Korea (dort nur sehr begrenzt!) und in Hongkong werden die alten, ursprünglichen und oft sehr komplizierten Originalzeichen benutzt. Japan hat fast 2000 Zeichen vereinfacht – der Ursprung ist meist aber noch nachvollziehbar. In der CR China hingegen hat man über 2000 Zeichen sehr stark vereinfacht. Auch mit Japanischkenntnissen kann man so nicht ohne größere Vorbereitung eine chinesische Zeitung lesen.

Schreibt man von oben nach unten? Oder von links nach rechts?
Ursprünglich von oben nach unten. Man beginnt dabei auf der rechten Seite des Blattes. Bücher und Zeitungen sind entsprechend „verkehrtherum“ – was bei uns die Rückseite ist, ist in Japan die Titelseite. In E-Mails, wissenschaftlichen Publikationen mit vielen Abbildungen, Webseiten oder fremdsprachigen Wörterbüchern schreibt man jedoch wie bei uns – von links nach rechts. Auf alten Gebäuden, an Fahrzeugen usw. findet man noch eine dritte Variante: Auch horizontal, aber von rechts nach links wie im Arabischen.

Der Artikel von Matthias Reich erschien auf dem Blog Tabibito. Für die Online-Ausgabe nachbearbeitet wurde er von Hannah Janz.

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