Himiko von Yamatai – Die erste Herrscherin Japans

Maria-Laura Mitsuoka
Maria-Laura Mitsuoka

Frauen in Führungspositionen sind in Japan heutzutage relativ selten anzutreffen. Dabei gab es schon vor Jahrhunderten weibliche Herrscher und Kaiser, die über Stämme oder gar das ganze Land regierten. Um die erste dieser Herrscherinnen ranken sich viele Mythen: Himiko von Yamatai.

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© そらみみ / Wikimedia (CC-BY 4.0)

Hashimoto Seikos Ernennung zur Präsidentin für die Olympischen Spiele (hier ein informativer Artikel der Japan Times auf Englisch) im Februar 2021 entflammte in der japanischen Medienwelt eine Debatte, die unseren politischen Alltag bereits seit vielen Jahren bestimmt: Frauen in Führungspositionen. Momentan bekleiden nur wenige Politikerinnen führende Ämter in der japanischen Regierung und Für- sowie Gegensprecher liefern sich hitzige Diskussionen. Dabei hat niemand anderes als eine Frau die ersten Meilensteine der japanischen Politik gelegt: die Schamanenkönigin Himiko.

Himiko-Statue
Statue der sagenumwobenen Himiko beim Kanzaki-Bahnhof in der Präfektur Saga. © そらみみ / Wikimedia (CC-BY 4.0)

Der Staat „Wa“ und seine Herrscherin

Keine Persönlichkeit der japanischen Geschichte ist so geheimnisvoll wie die sagenumwobene Schamanenkönigin Himiko (卑弥呼, ca. 170-248 n. Chr.). Die archäologischen Hinterlassenschaften der Yayoi-Zeit, eine Epoche ohne japanische Schriftzeugnisse, geben uns nur wenig Auskunft über die Rolle, die sie für die damalige Bevölkerung spielte. Historiker können lediglich auf die wei zhi, die chinesischen Chroniken der Wei-Dynastie aus dem Jahr 297 n. Chr., zurückgreifen, in denen Himiko als Shingi Waō (親魏倭王, „Herrscherin von Wa, Freundin von Wei”) aufgeführt wird.

Die Berichte zeugen nicht nur von tributpflichtigen Beziehungen zwischen Himiko und dem Wei-Königreich, sondern auch von einem kleinen Staat namens „Wa“ („das kleine Volk“) im „barbarischen Osten“, welcher aus mehreren Stämmen bestand und deren jahrzehntelange kriegerische Auseinandersetzungen nur durch die politischen Errungenschaften einer Schamanenkönigin im Jahr 190 ein Ende nehmen konnten.

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Das japanische Kojiki (古事記, „Aufzeichnung alter Begebenheiten“, 712 n. Chr.) und das Nihonshoki (日本書紀, „Chroniken Japans“, alternativ Nihongi, 720 n. Chr.) nennen Himiko nicht und belegen stattdessen nur die Kaiserin Jingū, deren Regentschaft ca. 200-269 n. Chr. erfolgte. Allerdings stimmt die Lebensspanne dieser Herrscherin nicht genau mit Himikos Daten aus der chinesischen Chronologie überein, denn laut Wei-Berichten solle diese im Jahr 248 n. Chr. gestorben sein.

Schon seit der Edo-Zeit (1603-1868) diskutieren Gelehrte über die Identität Himikos und die Lage ihres Reiches namens Yamatai (邪馬台国, yamatai-koku). Regierte sie im nördlichen Kyūshū oder der traditionellen Yamato-Provinz in der heutigen Kinki-Region? Sind die Hinterlassenschaften des archäologischen Fundplatzes Yoshinogari-iseki (Präfektur Saga) Zeugen ihrer einstigen Herrschaft oder ist das Hashihaka-Kofun im heutigen Nara die letzte Ruhestätte dieser Herrscherin?

Yoshinogari-iseki
Das Freilichtmuseum Yoshinogari-iseki in der Präfektur Saga. Einige Historiker glauben, dass hier Himikos Reich Yamatai gelegen haben könnte. © ぼんくら (photo-ac).

Himiko als Tochter der Sonne?

Die Meinungen über Himiko und ihre wahre Identität gehen in der Forschung sehr weit auseinander. Einige Historiker spekulieren, dass die Erzählungen über ihre Person mit denen der japanischen Sonnengöttin Amaterasu verschmolzen sein könnten. Laut chinesischer Chroniken sei Himiko dazu in der Lage gewesen, ihre Mitmenschen durch paranormale Fähigkeiten zu manipulieren und mit dem Jenseits in Kontakt zu treten.

Ihr Schamanismus wurde als guidao (jap. kido), eine Art daoistische Volksreligion, beschrieben, welche oft mit schwarzer Magie oder der Dämonenbeschwörung assoziiert wurde. Sie sei nie verheiratet gewesen, habe sich nicht in der Öffentlichkeit gezeigt, in einer gut bewachten Anlage residiert und ihren jüngeren Bruder als politische Berater hinzugezogen. Zudem solle sie eintausend weibliche Dienerinnen gehabt haben.

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Auch ihren Namen wollen einige Forscher mit Amaterasu in Verbindung bringen. Ihre Bezeichnung wird auf die chinesischen Zeichen 卑彌呼 (vereinfacht: 卑弥呼) zurückgeführt, welche im modernen Japanisch als himiko oder hibiko und im modernen Standardchinesisch als bēimíhū oder bìmíhū gelesen werden. Allerdings unterscheiden sich die zeitgenössischen Lesarten erheblich von der Aussprache des 3. Jahrhunderts.

Im Sinne der historischen japanischen Phonologie würde die akzeptierte moderne Lesart himiko dem altjapanischen pimeko entsprechen. Der Begriff hime (Prinzessin) habe sich laut dem Linguisten Roy Andrew Miller etymologisch aus hi (日, „Sonne“) und me (女, „Frau“) entwickelt, das ko (子) stehe für „Kind“. Andere etymologische Vorschläge für den japanischen Namen Himiko beinhalten hi und miko (覡 oder 巫女, „Schamanin; Schreinmädchen; Priesterin“).

Ihr Tod markiert den Beginn einer neuen Ära

Himiko lebte im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr., also in der späten Yayoi-Zeit (ca. 300 v. Chr. bis 300 n. Chr.). Mit ihrer Bestattung, welche von vielen Archäologen auf das Hashihaka-Hügelgrab (die erste Anlage dieser Art in Japan) zurückgeführt und durch die chinesischen Chroniken bezeugt wird, beginnt die frühe Kofun-Zeit, bekannt durch ihre riesigen, schlüssellochförmigen Grabanlagen.

Ausgrabungen solcher Hügel trugen zahlreiche Bronzespiegel aus China ans Licht, die von einigen Forschern mit den schriftlich dokumentierten Geschenken des Wei-Kaisers Cao Rui an die Herrscherin Himiko in Verbindung gebracht werden. Diese sind rund geformt und mit fantastischen, teilweise geometrischen und gezackten Linien verziert, welche viele Archäologen dazu veranlassen, an einen in Japan praktizierten Sonnenkult zu glauben.    

Allerdings bleiben sowohl archäologische Funde als auch historische Schriftzeugnisse über Himiko und ihre Yamatai-Politik ein Rätsel. Ihr Bild ist unklar wie ein Rorschach-Test, sodass im Laufe der Jahrhunderte viele unterschiedliche Interpretationen ihrer Person erfolgten. Heutzutage stellt die Schamanenkönigin Himiko für einige Historiker den Beweis für Kommunalismus in vorgeschichtlichen Gesellschaften dar, andere sehen sie als Indiz für die Verehrung weiblicher Herrscherinnen in der Yayoi-Zeit an.

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Bronzespiegel aus China
Ein bronzener Spiegel aus China (1.-2. Jh.). Beginnend mit der Bestattung Himikos wurden solche Grabbeigaben zuhauf im Bestattungskontext freigelegt. © The Metropolitan Museum of Art

Weise Schamanin oder herrschsüchtige Tyrannin?

Da Himiko in der Übergangszeit zwischen der Yayoi- und der Kofun-Epoche regierte, wird sie oft mit Kleidungsstücken aus verschiedenen historischen Phasen dargestellt, welche teilweise männliche Attribute verkörpern. Rituelle Gegenstände wie die oben genannten Bronzespiegel, Bronzeglocken oder aber auch schamanistischer Schmuck wie Magatama-Perlen werden sehr oft mit ihr in Verbindung gebracht. 

Trotz ihrer mystischen Herkunft ist Himiko eine der bekanntesten Frauen in der japanischen Geschichte. Jedes Grundschulkind weiß um ihren Namen und ihre Bemühungen, die sich bekriegenden Stämme zu vereinen. In der Popkultur wird die Herrscherin auf unterschiedlichste Weise dargestellt. Man trifft sie als eine alte, weise Schamanin, herrschsüchtige Tyrannin oder verführerische Zauberin an. Ob in Videospielen, Manga oder Anime, den Darstellungsweisen Himikos sind keine Grenzen gesetzt.

Bis heute ist Himiko tief in der japanischen Kultur verankert – nun muss sich nur noch die moderne Politik an die einst so mächtige Herrscherin erinnern.


Bildquelle Himiko-Statue in Kanzaki:

© そらみみ  / Wikimedia Commons, “Statue of Queen Himiko in front of Kanzaki Station”

Verwendete Creative Commons-Lizenz: CC BY 4.0

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