Japanische Märchen: Faszination bis in die Gegenwart

Constanze Thede
Constanze Thede

Die japanische Kultur ist reich an alten Volksmärchen und Sagen. So manche Erzählungen aus dem „Nihon shoki“ („Chroniken Japans“, 720) sind bis heute bekannt. Lassen Sie sich in die Märchenwelt Japans entführen und lernen Sie einige der populärsten Geschichten kennen, die mitunter geradezu legendär sind.

Herbstlaub in einem japanischen Tempel
Geheimnisvolle Landschaften inspirieren schon seit jeher zu faszinierenden Geschichten. © Constanze Thede

Es ist immer spannend, neben den im eigenen Land bekannten Märchen Geschichten aus anderen Ländern kennenzulernen. Die Erzählkunst hat in Japan eine sehr lange Tradition und manche Märchen sind bereits über 1000 Jahre alt. Im Folgenden stellen wir Ihnen einige der bekanntesten vor. Sie werden überrascht sein, dass auch in japanischen Märchen nicht selten starke Helden und Prinzessinnen eine Rolle spielen – allerdings nicht immer!

Momotarō

Momotarō („Der Pfirsichjunge“) ist eines der bekanntesten Märchen in Japan und handelt von einem Ehepaar, das sich sehr danach sehnt, Kinder zu haben. Eines Tages entdeckt die Frau einen schönen, großen Pfirsich, der im Fluss treibt. Sie nimmt ihn mit nach Hause, wo sie und ihr Mann die Frucht in zwei Hälften teilen. In dem Moment hüpft ein kleiner Junge daraus hervor. Fortan kümmern sie sich gut um ihn und Momotarō wächst zu einem klugen jungen Mann heran. Eines Tages hat er einen eindrucksvollen Traum, in dem er zu einer nahegelegenen Insel fährt, die sagenhafte Schätze beherbergen soll, welche aber von finsteren oni (Dämonen) bewacht werden. Er beschließt, dem Traum zu folgen. Als er sein Vorhaben in die Tat umsetzt, kommen ihm wie im Traum angekündigt ein Affe, ein Fasan und ein Hund beim Kampf gegen die Dämonen zu Hilfe und Momotarō kehrt mit zahlreichen Schätzen von der Insel zurück. Die Tiere aber bleiben seine Freunde und der Fasan bringt ihm eines Tages die frohe Botschaft, dass eine Prinzessin ihn zum Gemahl nehmen möchte, woraufhin er diese heiratet. Auch seine Eltern sind frohen Mutes und leben noch ein langes, glückliches Leben. Momotarō wird in der Präfektur Okayama so sehr geschätzt, dass der lokale Fußballverein Fagiano Okayama nach dem im Märchen vorkommenden Fasan (ital. fagiano) benannt wurde.

Illustration: Nachtparade der 100 DämonenGnome, Geister, Gruselwesen: Die yōkai der japanischen FolkloreYōkai, übernatürliche, mythologische Wesen, spielen in der traditionellen wie populären Kultur Japans eine große Rolle. Richtig übersetzen l...09.10.2019

Kaguyahime no monogatari

Kaguyahime no monogatari („Die Geschichte der Prinzessin Kaguya“) gilt als eins der ältesten Märchen Japans (entstanden etwa um das Jahr 900) und ist auch unter dem Titel Taketori monogatari („Die Geschichte des Bambussammlers“) bekannt. In dieser Erzählung entdeckt ein Bambussammler im Wald eines Tages eine winzige Mondprinzessin namens Kaguya. Er nimmt sie mit nach Hause und fortan kümmern sich er und seine Frau gut um sie, bis sie schließlich zu einer hinreißend schönen Frau herangewachsen ist. Bald hat Kaguya viele Verehrer, die um ihre Hand anhalten. Jedem stellt sie jedoch eine äußerst schwierige Aufgabe und da keiner von ihnen in der Lage ist, diese zu lösen, kehrt die Prinzessin zum Mond zurück, der schließlich ihre wahre Heimat ist. Das Märchen diente sogar als Inspiration für den vom Studio Ghibli im Jahr 2013 produzierten gleichnamigen Animationsfilm. 

Kaguyahime (Illustration: みけしさん / ac-illust.)

Urashima Tarō

Das Märchen Urashima Tarō, dessen Ursprünge sich bis in die Nara-Zeit zurückverfolgen lassen, handelt von einem mutigen und gütigen Fischer gleichen Namens, der eines Tages beobachtet, wie eine Gruppe Kinder am Strand eine Schildkröte quält. Urashima Tarō rettet sie und setzt sie zurück ins Meer. Als er einige Zeit später in Seenot gerät, rettet ihm die Schildkröte das Leben, indem sie ihn auf ihren Rücken klettern lässt. Sie nimmt ihn mit in den Palast des Drachenkönigs Ryūjin, wo ihn die schöne Prinzessin Otohime darum bittet, für immer bei ihr zu bleiben. Dafür verspricht sie ihm ewige Jugend. Urashima Tarō aber bekommt nach einer Weile Sehnsucht nach seinen Eltern und als er in seine Heimat zurückkehrt, um sie zu besuchen, bemerkt er entsetzt, dass in seiner Abwesenheit 300 Jahre vergangen sind. Die Prinzessin hatte ihm ein Kästchen mitgegeben, ihn jedoch gewarnt, dass er nur zu ihr zurückkehren könne, wenn es immer verschlossen bliebe. In seiner Verzweiflung öffnet er das Kästchen und wird im Handumdrehen zum Greis, der bald daraufhin verstirbt.

Urashima Tarō (Illustration: ニッキーさん / ac-illust.)

Kachi kachi yama

Im Volksmärchen Kachi kachi yama (dt. Titel: „Der Hase und der tanuki“) fängt ein alter Bauer im Wald einen aufmüpfigen tanuki und hängt ihn zu Hause an einem Strick auf. Als er jedoch weggeht, um Feuerholz zu holen, umschmeichelt der listige tanuki dessen Frau so lange, bis diese ihn losbindet. Daraufhin zerstampft das Tier die arme Frau im Reismörser und kocht sie zum Mittagessen. Um den Bauern zu täuschen, nimmt er die Gestalt seiner Frau an und serviert diesem deren Überreste. Erst als der Bauer diese verspeist hat, offenbart er sich und macht sich lachend von dannen. Der Bauer jedoch ist gut Freund mit einem Hasen, der dem tanuki beim Holzsammeln einen bösen Streich spielt. Der Hase zündet die Zweige, die sich der tanuki auf den Rücken geschnürt hat, heimlich an und behauptet, das knisterne Geräusch komme von den Steinen, die den Berg herunterrollen, daher der japanische Titel Kachi kachi yama („Knisternder Berg“). Die Zweige verbrennen dem tanuki den Rücken, doch schließlich töten der Bauer und der Hase das Tier, um für immer Ruhe vor ihm haben.

TanukiTanuki – Geschichte und Bedeutung der FabelfigurWer eine Reise nach Japan antritt, der wird schnell auf einen seiner bekanntesten Einwohner treffen: den quirligen "tanuki". Doch was hat es...17.05.2021

Kasa jizō

Kasa jizō („Die behüteten jizō-Statuen“) ist ein beliebtes Volksmärchen. In dieser Geschichte lebt ein altes Ehepaar in so bitterer Armut, dass es sich eines Silvesterabends keine mochi (Süßigkeit aus Reismehl) leisten kann. Der alte Mann macht sich auf, seine kasa (kegelförmige Hüte) im Dorf zu verkaufen, doch niemand kauft ihm etwas ab. Da ein Schneesturm aufzieht, macht er sich auf den Nachhauseweg. Unterwegs kommt er an einer Reihe jizō-Statuen (buddhistische Schutzgötter) vorbei und überlässt diesen seine Hüte, um sie vor dem Schnee zu schützen. Da er einen Hut zu wenig hat, bindet er der letzten Statue ein Tuch um. So kehrt er mit leeren Händen nach Hause zurück. In der Nacht klopft es plötzlich laut und als sie nachschauen, wer da ist, finden sie einen Stapel voll guter Gaben, nämlich mochi und andere Nahrungsmittel sowie Goldmünzen. Die jizō-Statuen haben ihnen diese als Dankeschön gebracht und das alte Paar feiert glücklich das neue Jahr. 

Die jizō-Statuen im Schnee (Illustration: たけのこさん / ac-illust.)

Dieser Artikel erschien in gekürzter Form in der April-Ausgabe des JAPANDIGEST 2021. Er wurde für die Veröffentlichung auf der Website nachbearbeitet.

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