Date Masamune: Der einäugige Drache von Ōshū

Maria-Laura Mitsuoka
Maria-Laura Mitsuoka

Wer sich mit bekannten Samurai der Sengoku-Zeit befasst, wird nicht um eine ganz bestimmte Persönlichkeit herumkommen: Date Masamune! Er zählte nicht nur zu den gefürchtetsten Kriegern Japans, sondern war auch der Gründer der Stadt Sendai und Förderer internationaler Kulturkontakte.

Statue von Date Masamune in Sendai
Die Statue Date Masamunes im Zentrum der Stadt Sendai. ©しげあき (photo-ac)

Der legendäre Date Masamune ist bis heute einer der bekanntesten Samurai der Sengoku-Zeit und wird in Japan wie ein Idol verehrt. Man findet ihn nicht nur in Geschichtsbüchern, sondern auch in Videospielen, Filmen, Manga und sogar Dating-Simulationen. Als Gründer der heutigen Stadt Sendai ist er der größte Stolz Tōhokus. Aber warum erfreut Date Masamune sich so großer Beliebtheit und was unterscheidet ihn von anderen Kriegern der Epoche?

Die Ära der kriegführenden Reiche

Japan bestand in dieser turbulenten Epoche (1467–1603) aus vielen kleinen Staaten, deren Regenten alle danach strebten, das Land unter die eigene Herrschaft zu bringen. Oda Nobunaga legte die ersten Meilensteine für die Vereinigung Japans und trat sein Vermächtnis nach seinem Tod beim Honnō-ji-Tempel in Kyōto im Jahr 1582 an Toyotomi Hideyoshi ab. Gewalttätige Schlachten, Verrat und religiöse Debatten, aber auch Poesie, Kunst und Kulturkontakte zur christlichen Welt dominierten den Alltag der Krieger.

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Von Bontenmaru zum einäugigen Drachen

Der japanische daimyō (大名,  „Feldherr“) Date Masamune wurde am 5. September 1567 in Yonezawa (Präfektur Yamagata) geboren. Ein Mythos besagt, dass seine Mutter einst von einem weißhaarigen Mönch träumte, der versprach, ihr einen belehrten und erfolgreichen Erstgeborenen zu schenken, wenn sie sich mit ihm vermählte. Aus dieser heiligen Verbindung soll Masamune entstanden sein, der aus diesem Grund als Sohn eines Gottes bezeichnet und in Kindertagen Bontenmaru (梵天丸, „Brahma-maru“) genannt wurde. Erst ab dem 15. November 1577 nahm er nach Familientradition den Namen Masamune an.

Mit vier Jahren erkrankte Bontenmaru an einer Pockeninfektion, bei der er sein rechtes Auge verlor. Seit jenem Zeitpunkt verabscheute seine Mutter sein durch Narben entstelltes Gesicht, sah ihn als ungeeignet für die Erbschaft an und begann, seinen jüngeren Bruder zu bevorzugen. Masamune wuchs als ein sehr einsamer und zurückhaltender Junge auf. Mit sechs Jahren holte sein Vater den Mönch Kosai Sōitsu an den Hof, um Masamune in Religion und Literatur unterweisen zu lassen. Date Nerimi und Katakura Kojūrō sollten ihm mit militärischem Wissen zur Seite stehen. Diese Bildung machte Masamune bereits in jungen Jahren zu einem gefürchteten daimyō, der sich nicht davor scheute, umliegende Territorien zu attackieren, um seinen Traum des eigenen Reiches zu erfüllen.

Bis zu seinem Tod litt Masamune sehr stark unter dem Verlust seines rechten Auges und ließ sich auf Portraits und Statuen immer beidäugig darstellen. Die Bezeichnung dokuganryū (独眼竜, „Einäugiger Drache“) wurde ihm erst nach seinen Lebzeiten in der Edo-Zeit angehängt.

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Statue von Date Masamune in Hokkaido
Statue von Date Masamune im Noboribetsu Date Jidai Village in Hokkaidō. © photostock

Date Masamune als Krieger

Der einäugige Drache war ein gefürchteter daimyō, dessen schwarzer Helm mit der Mondsichel besonders viel Bekanntheit erlangte. Bereits mit 14 Jahren machte Masamune 1581 erste Erfahrungen auf dem Schlachtfeld. Ab dem 18. Lebensjahr trat er in die Fußstapfen seines Vaters Terumune und übernahm politische sowie militärische Angelegenheiten. Der Ehrgeiz, Japan unter seine eigene Herrschaft zu bringen, veranlasste ihn sogar dazu, ehemalig verbündete Nachbarstaaten zu attackieren. 1585 entführte der Nihonmatsu-Clan (Vasallen des benachbarten Ashina-Clans) Masamunes Vater, nachdem dieser sich weigerte, seinen Sohn zu zügeln. Beim Rettungsversuch kam Terumune jedoch ums Leben. Um seinen Tod zu rächen, beschloss Masamune, den Ashina-Clan zu attackieren und sich deren Territorium einzuverleiben.

Währenddessen veröffentlichte Toyotomi Hideyoshi ein Sicherheitsdekret, mit dem er alle Feldherren dazu verpflichtete, keine weiteren Kriege ohne seine Erlaubnis zu führen. Masamune ignorierte dieses Gesetz, sodass Hideyoshi sich dazu gezwungen sah, den jungen Feldherren von seinem Vorhaben abzubringen. Beeindruckt von der Überzeugung Masamunes, die Identität seines Clans nicht aufgeben zu wollen, verschonte er sein Leben.

Kurz vor dem Angriff auf die Burg Odawara (Präfektur Kanagawa) 1590 entschied Masamune sich nach dem Versprechen, im Falle eines Sieges sein Territorium auf die Ashina-Domäne erweitern zu dürfen, als Vasall in den Dienst Hideyoshis einzutreten. In der Schlacht von Sekigahara 1600 und in der Schlacht von Ōsaka 1614-1615 kämpfte er an der Seite des Tokugawa-Clans.

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Replik von Date Masamunes Helm mit der Mondsichel.
Replik aus einer privaten Sammlung. Der Helm mit der Mondsichel ist bis heute Masamunes Markenzeichen. © Fururun (photo-ac)

Date Masamune als Gründer von Sendai

Ein Jahr nach der Schlacht von Sekigahara ließ Masamune mit Erlaubnis des Tokugawa-Clans die Burg Aoba (Sendai, Präfektur Miyagi) errichten, die von dem spanischen Missionaren Vizcaíno 1611 nach seinem Besuch als eine der besten und solidesten Anlagen in ganz Japan gepriesen wurde.
Den Grundriss der Burgstadt Sendai entwarf Masamune selbst. Er baute die Straße Ōshū-Kaidō (奥州街道) aus und bildete ein Verkehrsnetz, das bis nach Edo und weitere Teile Japans reichte. Bei der Organisation der Vasallen rekrutierte er aktiv ehemalige daimyō und platzierte sie in die 48 Residenzen des Sendai-Gebietes, um sie im Falle innen- und außenpolitischer Konflikte einsetzen zu können.

Ruinen von Schloss Aoba in Sendai
Ruine der Burg Aoba in Sendai. © D850 (photo-ac)

Zudem förderte er die landwirtschaftliche Entwicklung und machte seine Region zu einem der größten Reisexporteure des Landes, indem er bekannte Ingenieure rufen ließ, um die Infrastruktur und Flusswege zu verbessern. Der dort angebaute Reis wurde in das gesamte Land verschifft und gegen hochwertige, künstlerische Güter ausgetauscht, die Sendai zu einem kulturellen Mittelpunkt machten.

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Date Masamune und das Ausland

Für Masamune war sein Clan ein vom Shogunat unabhängiger Staat, weswegen er sich in der westlichen Welt als “König von Ōshū” vorstellte. Zwar scheiterten seine Handelsversuche zwischen Japan und Neu-Spanien größtenteils, doch sein Interesse an dem Ausland und sein offenes Weltbild unterschieden sich stark von den christenfeindlichen Einstellungen anderer daimyō.  Um internationale Beziehungen zu vertiefen, ließ er sogar das Schiff Date-maru (伊達丸)  bauen und schickte die erste japanische Delegation nach Europa. Zudem bemühte er sich um eine freundschaftliche Beziehung zum Papst, machte ihm Geschenke und tauschte Briefe mit ihm aus. 
Er erlaubte christlichen Missionaren und Händlern freien Zugang in seine Provinzen und rettete den spanischen Prediger Luis Sotelo aus den Fängen des Tokugawa-Clans.

Masamunes Kampfgeist, seine Willensstärke und sein Interesse am Ausland machten ihn zu einem einzigartigen daimyō, dessen Einflüsse die japanische Kultur bis heute geprägt haben. Durch seine kriegerische Unterstützung ermöglichte er die Vereinigung Japans unter dem Tokugawa-Clan und verdiente sich die Erlaubnis, Sendai zum Zentrum Nordjapans zu ernennen. Wäre er nicht gewesen, so hätten wichtige Handelsrouten zwischen Tōhoku und Edo, so wie kulturelle Kontakte zum Ausland nicht existiert. Diese Errungenschaften krönen Masamune zu einem der wichtigsten Vertreter seiner Epoche.

Brief an den Papst 1613
Masamunes Brief an den Papst aus dem Jahr 1613 © Wikipedia

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