Japanisch braucht (fast) kein Subjekt!

Aya Puster
Aya Puster

Aus unserem deutschen Sprachgebrauch kennen wir die vertraute Satzstruktur Subjekt-Prädikat-Objekt. Im Japanischen kann man es sich etwas leichter machen: Auch ohne Subjekt ergibt der Satz immer noch Sinn! Unsere Sprachkolumnistin erläutert.

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Was die europäischen Sprachen häufig miteinander teilen ist der für Deutsche klar strukturierte Satzbau: Subjekt – Prädikat – Objekt. Auch wenn es besonders im Zeichen der Kreativität zu Abweichungen von dieser Regel kommt, ist doch vor allem das Subjekt in einem Satz unentbehrlich. Nicht so für die Japaner! Sie haben in ihrer Sprache einen Weg gefunden, das Subjekt wegzulassen und trotzdem sinnvolle und vollständige Aussagen zu machen. Für viele Japanischlernende ist dabei nicht immer ersichtlich, wer eigentlich über wen spricht und was denn nun von wem getan wird. Es gilt, wie so oft in der japanischen Sprache (und auch Kultur), zwischen den Zeilen zu lesen und sich an anderen Kennzeichen zu orientieren. Ein verwirrendes Unterfangen, an dem sogar schon Profis gescheitert sind.

Sätze ohne Subjekt

Japanisch hat eine besondere Eigenschaft, die es in keiner europäischen Sprache gibt. Im Japanischen kann ein Prädikat ohne Subjekt einen vollständigen Satz bilden:

Atsui. (Es ist) heiß.
Ame da. (Es) regnet.
Ureshii. (Es) freut mich.
Dame! (Es) geht nicht!
Ii yo! (Es ist) in Ordnung!

Deutschsprachige Leser  neigen dazu, unruhig zu werden, wenn sie einen Satz ohne Subjekt sehen. Wenn es auch Ihnen so geht, fügen Sie in solchen Fällen einfach ein „es“ hinzu!

Das “Ich” verschwindet

In Gesprächen, aber auch Essays oder Sachtexten, in welchen der Autor/Sprecher selbst zu Wort kommt, verschwindet das „Ich“ (watashi) in den Sätzen, da es im Japanischen andernfalls zu aufdringlich klingen würde. Wenn ein Japaner seinem Gast Tee serviert, sagte er demnach niemals: „Ich habe den Tee zubereitet“ (Watashi ga ocha o iremashita). Stattdessen sagt er: „Der Tee ist in die Tasse geflossen“ (Ocha ga hairimashita). Japanische Ohren vertragen es eben nicht, wenn in Aussagen ein „Ich“ ertönt.

Sūnen mae Hiroshima ni itta koto ga aru. Atsui hi datta. Heiwa kinen kōen de heiwa o inotta. (Ich) bin vor einigen Jahren einmal in Hiroshima gewesen. (Es) war ein heißer Tag. (Ich) betete im Friedenspark für den Frieden.

Deutschen Muttersprachlern fällt es schwer, das Subjekt „ich“ wegzulassen. Dennoch sollten Sie versuchen, watashi überall da auszusparen, wo aus der Aussage ersichtlich wird, dass der Sprecher oder die Sprecherin (also „ich“) auch der/die Handelnde ist. Meistens entfällt gleichzeitig auch „du“/„Sie“ kimi/anata.

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Bei der Selbstvorstellung einem direkten Gesprächspartner gegenüber: Meyer desu. (Ich bin) Meyer.
Wenn Sie einer alten Frau beim Tragen der Tasche helfen wollen: Mochimashō ka? Soll (ich die Tasche für Sie) tragen.
Zum Freund / zur Freundin: Suki! (Ich) liebe (dich).

Wa – Themenpartikel, ga – Subjektpartikel

Wenn es sich um Drittpersonen handelt, braucht man selbstverständlich ein Subjekt, das zeigt, wer handelt. Dennoch kommt es oft vor, dass manche Sätze gar kein Subjekt aufweisen. Das liegt daran, dass die Partikel wa das Thema zeigt und über das Satzende hinaus die nachfolgenden Sätze beeinflussen kann. Die Phrase mit wa soll daher als „was … betrifft“ übersetzt werden.

  • Wa kann über den betreffenden Satz hinaus auf folgende Sätze wirken.
  • Ga bezieht sich dagegen nur auf das als nächstes folgende Prädikat.

Beispiel:

Auch in Sachtexten stehen manchmal am Satzende zusätzlich Phrasen wie … to omou (ich glaube, dass …),  … to iwarete iru (es wird gesagt, dass …),  … to iu (man sagt, dass …) usw. Dies sind nur rhetorische Wendungen, um direkte bzw. klare Aussagen zu mildern, wie es die japanischen Sitten und Bräuche verlangen, und können beim normalen Lesen im Alltag ignoriert werden. (Jedoch natürlich nicht bei Japanischklausuren!)

Probetext aus einem Japanisch-Lehrbuch

Nicht nur in Essays, sondern  auch im Tagebuch wird watashi weggelassen.
Der folgende Übungstext des Lehrbuches „Genki“, ein Tagebucheintrag einer jungen Frau aus Ōsaka, treibt manche Japanischlernende zur Verzweiflung.

Beispiel:

Kyō wa Ken’ichi ga Ōsaka ni kite, yūgata osake o nomi ni itta. Ken’ichi no dōryō no Kuroki-san ga kanojo o sagashite iru to kiita. Tōkyō ni itta toki, Ken’ichi ni shōkai shite moratta kedo, sugoku omoshirokute ii hito da.

Wer kam nach Ōsaka? Wer ging Sake trinken? Wer sucht eine Freundin? Wer hat etwas gehört? Wer hat wem wen vorgestellt?

Hier ist die Lösung:

Heute kam Ken’ichi nach Ōsaka, sodass (wir) abends Sake trinken gingen. (Ich) habe gehört, dass sein Kollege Herr Kuroki eine Freundin sucht.  Als (ich) nach Tōkyō ging, stellte Ken’ichi ihn (mir) vor, eine ganz nette, angenehme Person.

Wenn kein Subjekt zu finden ist, kann man übrigens auch an Ausdrücken wie … te morau (erhalten) /… te kureru (geben) sehen, wer die handelnde Instanz des Satzes ist.

Irren ist menschlich – auch bei Profis

Dennoch braucht kein Japanischlernender entmutigt zu sein, wenn er wieder mal kein Subjekt in einem Satz findet oder etwas verwechselt, da selbst professionelle Übersetzer in dem Bereich auch Fehler machen.

Hier ist ein Vergleich des japanischen Originals und der deutschen Übersetzung einer Passage aus dem Roman Saigo no shōgun (1966, „Der letzte Shōgun“, hier aus der Übersetzung von 1998 im edition q Verlag)

Original Übersetzung
(Shichirōmaro wa) omotemuki no on’nadomo ni wa sukarenu shōnen deatta. Ani no Gorōmaro wa, otonashii. Jochū o aite ni hina ningyō o kazatte, asobu no ga suki deatta. Sono heya e totsujo Shichirōmaro ga haitte kite, “Gorōsama wa mendōna koto o nasaru” to ii, ikinari hinadan no ue no ningyō o tsukande kotogotoku kowashite shimatta. Gorozuke no jochū wa,“Shichirōgimi wa, shoji yoroshikarazu” to sasayakiatte, nikunda. Er (Shichirōmaro) erfreute sich bei den Frauen des Hauses auch keiner allzu großen Beliebtheit. Sein älterer Bruder Gorōmaro hingegen war sanftmütig und folgsam. Er liebte es, gemeinsam mit einer Dienerin die Miniaturpüppchen für das Puppenfest hübsch aufzustellen und damit zu spielen. Als er gerade wieder einmal die Püppchen auf dem Podest aufreihte, stürzte Shichirōmaro ins Zimmer und rief:“ Ach Gorō, was mühst du dich so sinnlos ab!“, riss alle Puppen der obersten Reihe des Puppenaltars herunter und schlug sie kurz und klein. Der Dienerin blieb die Stimme weg. Aufgebracht flüsterte sie: „Shichirō! Nichts als Dummheiten hast du im Kopf!“

Aus dem japanischen Text geht deutlich hervor, dass hier von mehreren Dienerinnen die Rede ist. Die abschätzige Bezeichnung on’nadomo (domo als Pluralzeichen) deutet klar auf Dienerinnen hin, aber auf keinen Fall auf Damen des Hauses. Demnach ist die folgende Bezeichnung jochū im Plural zu verstehen. Es geht also um die Dienerinnen, die eine Abneigung gegen Shichirō hegen und untereinander schlecht über diesen sprechen. Dass eine Dienerin Shichirō etwas zugeflüstert hätte, ist schlichtweg falsch. Ob der Fehler in der Übersetzung von der Ähnlichkeit der beiden Wörter sasayaku (jemandem etwas zuflüstern) und sasayakiau (sich untereinander etwas über andere zuflüstern) herrührt, oder aber der Bedeutungsunterschied dem/der Übersetzer/in nicht bekannt war, sei dahin gestellt.

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