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Bungo: Japanisch vor über 1.000 Jahren

Aya Puster
Aya Puster

Wir tauchen ein in das Japanisch von vor über 1.000 Jahren: Bungo, jene Schriftsprache, die vor allem in offiziellen Texten bis Mitte des 20. Jahrhunderts verwendet wurde, heute aber selbst für Muttersprachler:innen schwer zu verstehen ist. Was sind die Unterschiede zwischen dem alten und dem modernen Japanischen?

Spielkarten des Kartenspiels "Hyakunin isshu" auf roter Oberfläche
Beim traditionellen Kartenspiel "Hyakunin isshu" sind altjapanische Gedichte auf den Karten abgedruckt. © Photo AC / Rei-pac

Vor mehr als 1.000 Jahren haben Japaner:innen noch deutlich anders gesprochen als heutzutage. Das Altjapanisch von damals ist jedoch in Form der alten Schriftsprache bungo bis in die Gegenwart erhalten geblieben. Auch wenn bungo als „Schriftsprache“ übersetzt wird, ist es eigentlich eine Transkription des im 11. Jahrhundert gesprochenen Japanisch, denn zu dieser Zeit gab es noch keine wirkliche Unterscheidung zwischen dem Schriftlichen und Mündlichen. Als die Silbenschrift Hiragana, abgeleitet von der Kursivschrift chinesischer Schriftzeichen, erfunden wurde, eigneten sich diese vor allem Hofdamen und Menschen aus der Mittelschicht an, mit der sie nun klassische literarische Werke mühelos lesen konnten.

Für den offiziellen Schriftverkehr wurde kanbun, eine teils japanisierte altchinesische Sprache, verwendet. Wer studieren wollte, musste erst kanbun meistern. Wenn kanbun eine ähnliche Rolle wie Latein in Europa spielte, könnte bungo mit dem Mittelhochdeutsch vergleichbar sein. Bungo ist dem modernen Japanisch also durchaus ähnlich – jedoch manchmal so komplett unterschiedlich, dass man ohne Wörterbuch nichts versteht. Wie unterscheidet sich bungo also vom modernen Japanisch?

1. Bungo bietet vielseitigere Ausdrucksmöglichkeiten

Während das moderne Japanisch nur eine Vergangenheitsform (in Form der Verbendungen –mashita bzw. –deshita) kennt, konnte man sich im bungo mehrerer Ausdrucksweisen bedienen, um Vergangenes auszudrücken. Zwar sind –ki (Präteritum), –keri (Perfekt) und –tsu (Plusquamperfekt) für heutige Muttersprachler:innen und Japanisch-Lernende noch durchaus nachvollziehbar. Doch sprengen –nu (beschreibt ein Ereignis, das gerade eben zu Ende ging), –tari (beschreibt die Auswirkung einer abgeschlossenen Handlung bis in die Gegenwart), –kemu (beschreibt eine Vermutung über ein Ereignis/eine Handlung in der Vergangenheit) oder –ri (beschreibt die Wahrnehmung einer vergangenen Handlung/eines Ereignisses) den modernen grammatischen Rahmen völlig.

Die Nuancen des bungo gingen im kōgo (die moderne „Umgangssprache“) verloren, das im 19. Jahrhundert im Zuge staatlicher Bemühungen zur Vereinheitlichung der gesprochenen und geschriebenen Sprache eingeführt wurde. Solche sprachlichen Feinheiten können heutzutage nur durch Umschreibungen, Hilfswörter oder Ergänzungen (z. B. –te shimau / –ta tokoro da / datta koto darō) ausgedrückt werden.

Beispielsätze

BungoModernes JapanischÜbersetzung
Kyōto wo kudari ki.Kyōto wo demashita.Ich verließ Kyōto.
Kyōto wo kudari keri.Kyōto wo demashita.Ich habe Kyōto verlassen (und bin immer noch woanders).
Hi sudeni wagaya ni utsure ri.Hi ga wagaya ni utsutte shimatte
moeteiru no desu.
(Ich habe gemerkt, dass) das Feuer auf mein Haus übergegriffen
hat und brennt.
Murasaki dachitari kumo.Murasaki iro ni natte,
ima mo murasaki iro de iru kumo.
Die Wolken, die sich violett färbten, sind immer noch violett.
Kyō ya sumiukari kemu.Kyōto wa suminikukatta no deshō.Kyōto war vermutlich ein unbequemer Ort zum Leben.

2. Bungo ist rhythmischer und bündiger

Der große Erfolg des Mangas „Chihayafuru“ von Suetsugu Yuki zeigte, dass das Kartenspiel Karuta, welches durch das Vorlesen der hundert klassischen Gedichte Hyakunin Isshu in bungo gespielt wird, noch bei vielen Menschen in Japan, selbst bei Jugendlichen, sehr beliebt ist. Das moderne Japanisch hat vergleichsweise eintönige Endungen wie -desu/-masu und -deshita/-mashita, die es fast unmöglich machen, klassische japanische Haiku– oder Waka-Gedichte in Reimen zu verfassen.

Auch die Haiku-Dichter:innen des 20. Jahrhunderts bedienten sich des klassischen bungo. So schrieb der japanische Dichter Nakamura Kusatao 1931, als er seine alte Grundschule besuchte:

降る雪や   明治は遠く  なりにけり

Furu yuki ya meiji wa tōku nari ni keri.

„Der Schnee fällt, die Meiji-Zeit ist so lange her.“

Derselbe Inhalt würde im modernen Japanisch lauten:

降ってくる雪を見ていると、
明治時代がもう遠い時代になってしまったな。

Futtekuru yuki wo miteiru to,
meiji-jidai ga mō tōi jidai ni natte shimatta na.

„Wenn ich den fallenden Schnee sehe, merke ich,
dass die Meiji-Zeit schon so lange her ist.“

In der modernen Version klingt das Gedicht längst nicht so rhythmisch und wirkt geradezu langweilig. Was denken Sie?

3. Bungo ist für Überraschungen gut

Yamaguchi Nakami, Autorin eines 600-seitigen Lexikons der japanischen Onomatopöie, analysierte Lautmalereien aus dem 11. bis 13. Jahrhundert und stellte fest, dass etwa 47 % davon verloren gegangen sind. Hundebellen ist ein Beispiel dafür: Laut Yamaguchi kommt die Lautmalerei wan wan, die heutzutage das Bellen von Haushunden imitieren soll, erst seit dem 17. Jahrhundert in der japanischen Literatur vor. Der Grund dafür ist, dass Hunde in Japan bis vor 500 Jahren nicht als Haustiere gehalten wurden, sondern früher hauptsächlich als gefährliche Streuner aufgefallen waren. In der bungo-Version heißt es nicht wan wan, sondern byō byō – das beschreibt nämlich das Heulen wilder Hunde.

"Byo Byo" jaulender Hund
Auch Lautmalereien klangen früher anders als heute, wie beispielsweise Hundebellen, das heutzutage eher mit niedlichen Haustieren in Verbindung gebracht wird als mit Wildhunden.

Dieser Artikel erschien in gekürzter Form in der JAPANDIGEST April 2023-Printausgabe und wurde für die Veröffentlichung auf der Website nachbearbeitet.

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