San, sama und Co.: Die korrekte Anrede in Japan

Nikolaus Mach-Hour
Nikolaus Mach-Hour

Die korrekte Anrede ist auch in Japan ausschlaggebend für den ersten Eindruck. In dieser Kolumne erklärt Experte Nikolaus Mach-Hour, wie man kulturelle Missverständnisse vermeidet, um effektiv mit japanischen Partnern und Kollegen zusammenzuarbeiten.

Erhobener Zeigefinger eines Mannes mit Fragezeichen-Illustration
Erhobener Zeigefinger eines Mannes mit Fragezeichen-Illustration

Dieses Mal werden wir uns nach einigen eher abstrakten kulturellen Themen wieder der Kommunikation widmen. Es geht um die Frage, wie man japanische Geschäftspartner/innen oder Kollegen/innen korrekt anredet. Alle Tipps gelten natürlich gleichermaßen für den Schriftverkehr wie auch für Gespräche.   

„Herr“ oder „Frau“ wird zu „san“

Grundsätzlich ist es so, dass im japanischen Geschäftsleben stets der Nachname mit dem Suffix san (in etwa: sehr geehrte/r Herr/Frau) benutzt werden. Es gibt natürlich noch viele weitere Optionen wie sama (höchstverehrte/r Kund/in oder auch Firmenchef/in) oder sensei (sehr geehrte/r Dr. oder auch Professor/in). Diese spielen aber im Falle einer Kommunikation auf Deutsch keine große Rolle. Von Ausländern wird hier nicht zu viel Detailkenntnis erwartet und ein angehängtes san ist somit immer ausreichend.

Das san wird oft direkt an den Namen (z.B. Takadasan) angehängt. Es wird aber auch, groß oder klein geschrieben, mit oder ohne Bindestrich benutzt (Takada-San, Takada-san, bzw. Takada san, Takada San). Da es sich um eine Umschrift aus dem japanischen Alphabet handelt, gibt es keine klare Regelung. Im Zweifel ahmen Sie einfach nach, was Ihr Gegenüber in der Mail als Anrede wählt.

Auf Deutsch ist die Formulierung „Sehr geehrte/r…san“ nicht nötig, da das „Sehr geehrte/r“ bereits in der Bedeutung von san enthalten ist, aber in manchen Emails wird es trotzdem benutzt. Eine Kombination mit „Sehr geehrter Hr. …san“ macht aber keinen Sinn, da die Anrede dann analog zu „Sehr geehrter Hr. Hr. …“ verdoppelt würde.

Verwechslungsgefahr: Was ist der Vor- und was ist der Nachname?

Sehr oft schreiben Japaner in fremdsprachigen Mails am Ende den eigenen Familiennamen groß und den Vornamen klein: „Beste Grüße, TAKADA Kenichi“. Das ist sehr hilfreich, da auf Japanisch der Nachname immer zuerst steht und es so nicht zu Verwechslungen kommen kann. Falls nicht ersichtlich ist, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt, kann man sich durch ein san aus der Affäre ziehen, da dies in beiden Fällen korrekt ist. In diesem Fall sollte allerdings auch auf „Sehr geehrte/r“ verzichtet werden.

Es empfiehlt sich auch beim eigenen Namen in der Signatur „MEIER, Heinrich (Hr.)“ zu benutzen, da manche der hiesigen Namen für Japaner hinsichtlich des Geschlechtes nicht einfach zu deuten sind.

Eine weitere Komplikation entsteht dadurch, dass aus japanischer Sicht oft ganz Europa und die USA/Kanada als eine Gruppe angesehen werden, in der die gleichen Regeln gelten. Das Wort dafür heißt Ōbei 欧米 (Europa-Amerika), doch dafür gibt es im Deutschen keinen entsprechenden Ausdruck.

Durch diese Gleichsetzung werden Regeln aus dem angloamerikanischen Raum eins zu eins auch für andere Länder angewendet, da man nichts falsch machen möchte.
Viele japanische Mitarbeiter, die in den USA waren, haben sich zudem Spitznamen wie „Bill, Tom oder Allen“ gegeben, um es den Kollegen dort einfacher zu machen, sie anzusprechen. Diese Anpassung gilt auch für die angloamerikanische Sitte, andere sofort mit dem Vornamen zu adressieren. Hierdurch bemühen sich die Japaner, es uns „EuropAmerikanern“ recht zu machen, obwohl diese Sitte in Deutschland oder auch Frankreich gar nicht üblich ist.

Dadurch entstehen Situationen, bei denen man hierzulande selbst sofort mit „Liebe Sabine“ angeschrieben wird, es aber nicht klar ersichtlich ist, ob man dann den neuen japanischen Geschäftsführer auch mit Vornamen („Lieber Yoshi“ etc.) anreden soll/darf oder ob das respektlos wäre. Noch schwieriger wird es, wenn die Kommunikation auf Englisch stattfindet, denn das englische „Dear“  kann sowohl formell als auch informell eingesetzt werden. Im Deutschen lassen zumindest Begrüßungsformeln wie „Liebe/r“ oder „Sehr geehrte/r“ die erwartete Distanz erahnen.

Bevor uns zu sehr über die Verallgemeinerung im Sinne eines „EuropAmerika“ wundern, sollten wir uns in Erinnerung rufen, dass bei uns sehr oft „Asien“ als homogene Einheit angesehen wird. Dadurch fallen Japan, Myanmar, Thailand und Indonesien in eine Gruppe, obwohl die Länder sich in fast allem unterscheiden. Es gibt also Verallgemeinerungen in allen Kulturen…

Tipps für den richtigen Umgang mit Anreden

  • Es empfiehlt sich, im Umgang mit Japanern immer zuerst möglich höflich/förmlich zu beginnen und erst dann lockerer/casual zu agieren, wenn man das Gegenüber besser einschätzen kann.
  • Wenn man sich wie in den USA von Beginn an eher salopp geriert, kann das beizeiten nach hinten losgehen. Wenn das japanische Gegenüber sich respektlos behandelt fühlt, ist es teils sehr schwer, wieder zu einem normalen Umgang zu finden.
  • Anders herum kann man durch ein zu höfliches Auftreten Japaner hingegen in aller Regel nicht beleidigen.

Hier noch eine Quizfrage zum Schluss:
In welcher Situation sollte man auch auf Deutsch san nicht benutzen?

 


Lösung: Wenn man über sich selbst spricht, sich also zum Beispiel vorstellt, sollte man KEIN san anhängen. Also nicht: „Hallo, mein Name ist Maria san!“ Das würde wohl einen eher komischen Eindruck machen.

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