Nach Japan reisen ist nicht schwer, dort zu leben jedoch…

Matthias Reich
Matthias Reich

... nicht unbedingt schwer, aber natürlich gibt es verschiedene Klippen, und die sehen je nach Nationalität anders aus. Welche Besonderheiten gibt es jedoch für Deutsche zu beachten? Unser Autor berichtet mit einem Augenzwinkern von seinen (Luxus)problemen im japanischen Alltag.

Currywurst im japanischen Konbini
Currywurst im japanischen Kombini (c) Matthias Reich

1. Aufgeschmissen ohne Englisch

Es ist ein Pawlowscher Reflex und man kann es den Leuten natürlich nicht verübeln: Jeder, aber auch jeder Japaner geht davon aus, dass man als Ausländer aus europäischen Gefilden fließend Englisch spricht. Wer kann auch schon einen Deutschen von einem Amerikaner unterscheiden? Soweit, so gut. Anstrengend wird es nur, wenn man im Englischen nicht so bewandert ist, da man in dem Fall definitiv schief angesehen wird.

2. Erwartungshaltungen

In Japan liebt man Stereotypen. Und so wird von Deutschen geradezu erwartet, dass sie eimerweise Bier trinken und meterweise Wurst essen. Täglich, versteht sich. Alles andere lässt Weltbilder zusammenbrechen und erweckt den Eindruck, dass man sich regelrecht rechtfertigen muss.

fleisch in japanAlles Wurst? Zu Besuch beim japanischen MetzgerJapan ist für viele kulinarische Genüsse bekannt - unter anderem für sein zartes, auf der Zunge zergehendes Rindfleisch. Man liebt Fleisch -...26.09.2017

3. Don’t mention the war…

Was spaßeshalber als Devise im Umgang mit Teutonen in England gilt, ist in Japan genau andersrum. Besonders ältere Semester sind regelrecht stolz, Teil der Achse (des Bösen) während des Zweiten Weltkrieges gewesen zu sein. Gern wird dann auch noch ein “Nächstes Mal aber ohne Italien!” hinterhergeschoben. Ist zwar nicht als solche gemeint, aber am besten als Satire auffassen.

4. Klaffende Wissenslücken

Nicht wenige Japaner sind reichlich gut in den Schönen Künsten bewandert, vor allem, wenn es um klassische Musik geht. Wer von klassischer Musik keinen Schimmer hat, kann sich deshalb schnell in einem Gespräch wiederfinden, in dem man erstmal merkt, wie wenig man von der eigenen Kultur versteht. Da hilft nur klug aussehen und nicken.

5. Für den Notfall selbst vorsorgen

Ob es um diverse Dokumente wie beglaubigte Übersetzungen oder um konkrete Hilfe nach Katastrophen (Stichwort Erdbeben) geht – die Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, dass die Deutsche Botschaft, im Vergleich zu Botschaften anderer Länder, keine große Hilfe ist. Wer zum Beispiel eine beglaubigte Identitätskopie benötigt, muss diese selbst irgendwie besorgen. Auch nach der Erdbebenkatastrophe im Jahr 2011 war es mit der Unterstützung nicht gut bestellt (Anmerkung: Das lag und liegt nicht am Botschaftspersonal, sondern hat systemische Gründe – das Auswärtige Amt bestimmt, was die Botschaften tun und nicht tun dürfen). Dass dies viel besser geht, zeigen unter anderem die Schweizer, Österreichische oder Französische Botschaft.

6. Apropos Bier

Bierliebhaber erleben in Japan ihr blaues Wunder: Die meisten Biersorten dürften für den verwöhnten, deutschen Gaumen etwas anders schmecken und werden im Sommer auch noch auf unanständige Temperaturen heruntergekühlt. Zudem sind die Preise saftig. Immerhin: Die Vielfalt ist heutzutage viel, viel besser als früher.

Sapporo BierJapans Wurzeln der Bierbraukunst: Gelebte Geschichte in der Bierstadt SapporoHokkaidōs Hauptstadt Sapporo ist nicht nur für sein Schneefest und die vielen Wintersportangebote bekannt, sondern auch als Wiege der japani...06.04.2018

7. Dinge funktionieren! Und Bedienungen sind auch noch freundlich!

Wer ein Mal Dinge wie den japanischen Dienstleistungssektor oder das Bahnsystem “gekostet” hat, wird beim Besuch in der alten Heimat regelmäßig verzweifeln: Fragen wie “Warum fahren die Züge nicht, wie sie sollen?” oder “Warum arbeitet der Kellner in diesem Beruf, wo er doch ganz offensichtlich keine Lust an der Arbeit hat?” brennen sich unweigerlich ins Gehirn.

8. Kaltwasserwäsche

In Japan wird die Wäsche mit kaltem Wasser gewaschen. Basta. Und die meisten Waschmaschinen sind Toplader. Um die Wäsche dann doch irgendwie sauber zu bekommen, ist das Waschmittel meist reichlich aggressiv. Wahrscheinlich ist das Kalkül, legt man doch in Japan besonders viel Wert auf die neueste Mode – und die wird bei dem waschvorgangsbedingten Verschleiß eben schneller nötig.

9. Mit Ernst bei der Sache

Ob Fußball, Grillen, Heavy Metal und so weiter: Alles wird in Japan mit einem enormen Ernst und Eifer betrieben. Man sagt Deutschen gern eine übermäßige Ernsthaftigkeit zu, aber selbige wird in Japan mitunter bis zu einem Grad betrieben, bei der selbst Deutsche verzweifeln.

10. Dienst ist Schnaps und Schnaps ist Dienst

Das alte Sprichwort “Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps” ist so simpel wie wichtig: Die strikte Trennung von Beruf und Privatleben. In Japan wird genau das Gegenteil praktiziert und so prallen zwei (Arbeits)welten aufeinander, was die Kollegen zur Verzweiflung treibt. Da wird tagsüber in vielen Firmen und Abteilungen prokrastiniert, was das Zeug hält – und die verlorene Zeit bis spät in die Nacht ausgeglichen. Viele, wenn nicht sogar alle Deutsche, die in einer japanischen Firma als Festangestellte arbeiten, haben damit große Probleme, arrangieren sich aber letztendlich… irgendwie.

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