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Saftige Preiserhöhungen: Was wird teurer in Japan, und was bedeutet das für die Menschen?

Matthias Reich
Matthias Reich

Wie nicht anders zu erwarten, bleibt auch Japan nicht von den weltweit zu beobachtenden Teuerungen verschont. Die Gefahren für eine sich immer weiterdrehende Preisspirale sind real, denn Japan hat nicht nur mit weltweiten Preissteigerungen, sondern gleichzeitig auch mit einem sehr schwachen Yen zu kämpfen.

Gang im japanischen Supermarkt mit Blick auf eine Theke, über der auf Deutsch "Essen" steht
Auch in Japan erschrecken Verbraucher angesichts der neuerdings hohen Lebensmittelpreise.

Ein Gang zum Supermarkt mutete im Frühjahr dieses Jahres fast unheimlich an: Zwiebeln, die einem normalerweise beinahe hinterhergeworfen wurden, kosteten plötzlich umgerechnet weit über einen Euro pro Stück, und ebenso andere Obst- und Gemüsesorten zogen kräftig an. Auch die Spritpreise erhöhten sich deutlich, so wie die Kosten für Gas und Strom. Erste Lebensmittelkonzerne kündigten an, hunderte Produkte demnächst teurer zu machen.

Spätestens seit April geschah somit etwas, was man im preislich über die vergangenen Jahrzehnte sehr stabilen Japan lange nicht gesehen hat. Für 5.000 Yen konnte man 2020 so ziemlich genauso viel kaufen wie im Jahr 1995. Diese Zeiten scheinen vorerst vorbei, denn Japan wird gleich doppelt getroffen, da nicht nur die Preise für Erdöl, Erdgas und Grundnahrungsmittel weltweit kräftig angestiegen sind – der japanische Yen ist auch noch deutlich schwächer als üblich. Lag der Wechselkurs jahrelang bei ca. 110 Yen pro US-Dollar, so muss man jetzt fast 140 Yen bezahlen, und dieser Anstieg macht sich bemerkbar.

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Niedrige Selbstversorgungsrate

Die japanische Wirtschaft – sowie letztendlich die Endverbraucher – sind hier besonders ungeschützt, denn die Selbstversorgungsrate ist seit Jahrzehnten sehr niedrig. Bei Lebensmitteln liegt sie, basierend auf dem Kalorienwert, bei unter 40 %[1]. Dieser Wert allein ist schon erschreckend, bedeutet er doch, dass mehr als die Hälfte der Lebensmittel importiert werden muss. Der wahre Wert ist jedoch noch niedriger und unter 30 % anzusiedeln.

Beispiel: Rund 97 % aller in Japan verzehrten Eier werden in Japan produziert – Eier müssen also so gut wie gar nicht importiert werden, und die Selbstversorgungsrate liegt so bei fast 100 %. Allerdings wird fast das gesamte Hühnerfutter importiert, und wenn man dies in die Rechnung mit einbezieht, liegt die wahre Selbstversorgungsrate bei Eiern bei rund 13 %[2]. Bei Getreide zum Beispiel sieht die Lage noch schlimmer aus – ebenso beim Speiseöl und zahlreichen anderen Grundnahrungsmitteln. Japan hängt sehr stark vom Lebensmittelimport ab, und wenn die globalen Preise ansteigen und der japanische Yen zudem an Wert verliert, wird es spürbar teurer.

Bei der Energie sieht es noch besorgniserregender aus. Bis zur Ausschaltung (fast) aller AKWs nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 lag die Selbstversorgungsrate bei der Energie bei rund 20 % – danach sank sie, und dort ist sie immer noch, auf 10 %[3]. Ein erschreckend niedriger Wert, zumal hier ganz offensichtlich der Wandel hin zu erneuerbaren Energiequellen nicht vehement genug verfolgt wurde. Eigentlich hat Japan genügend erneuerbare Energiequellen – von geothermaler Energie über Gezeitenkraftwerke, Windräder, Solaranlagen, Wasserkraftwerke – vieles ist möglich, aber nicht viel erreicht.

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Grundeinkommen erwünscht, aber nicht in Sicht

Einige Kommunen versuchen, die Schwächsten der Gesellschaft mit Gutscheinen und anderen geldwerten Dingen zu unterstützen, was allerdings nur bedingt hilft. Da ein Ende der Preisanstiege noch nicht in Sicht ist, werden deshalb erste Rufe nach einem Grundeinkommen laut, doch das dürfte angesichts der Tatsache, dass die Liberaldemokraten mit einer satten Mehrheit regieren, kaum umsetzbar sein.

Leider bedeuten die Teuerungen auch, dass zahlreiche, zumeist von Familien betriebene Restaurants ihre Pforten schließen werden. Gerade ältere Gaststättenbetreiber schließen lieber ihren Laden, als dass sie die Preise erhöhen. Da viele von ihnen jedoch bereits ohnehin knapp am Rentabilitätslimit operieren, werden sie keine andere Wahl haben als entweder teurer zu werden oder dicht zu machen.

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