DIAMIR

Jahresrückblick auf Reiwa 4: Das hat Japan 2022 bewegt und geprägt

Matthias Reich
Matthias Reich

Kaum ist Weihnachten vorüber, da steht es schon wieder völlig überraschend vor der Tür. Eine starke Kältewelle, welche die gesamte Nordhalbkugel im Griff hat, macht jedem klar: Es wird Winter. Und damit Zeit, für den obligatorischen Jahresrückblick. Was hat Japan 2022 bewegt?

2022 und 2023

Zu den japanischen Traditionen, das Jahr allmählich Revue passieren zu lassen, gehört die Wahl des “Schriftzeichens des Jahres”. Während dies 2021 eher positiv war – das Zeichen für Geld bzw. Gold (金, kin oder kane) verwies auf den Medaillenregen der japanischen Teilnehmer*innen bei den verspäteten und umstrittenen Olympischen Spielen in Tōkyō – fiel die Wahl in diesem Jahr auf ein eher unerfreuliches Zeichen: Das sen, ikusa oder tatakau gelesene Zeichen (戦) bedeutet “Kampf”, “Krieg” oder “kämpfen” und bezieht sich auf den Krieg in der Ukraine, den alltäglichen Kampf der japanischen Bevölkerung mit Preissteigerungen, Corona und dergleichen – aber auch auf den “Kampf” der Samurai Blue, der japanischen Fußballnationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Katar.

Corona-Pandemie

Man kommt mit dem Zählen kaum noch hinterher: die achte Welle, die fünfte Impfung, die x-te Variante des Virus. Im Jahr 2022 stieg die Zahl der Infektionen in Japan auf immer neue Rekordwerte, und innerhalb des Jahres wurden nun auch mehr als 50.000 Corona-Tote vermeldet – eine Zahl, die jedoch mit Vorsicht zu betrachten ist, denn sie enthält auch eine Vielzahl von Fällen, bei denen die Patienten nicht an, sondern mit Corona verstarben. Mittlerweile geht man davon aus, dass jeder dritte Japaner mindestens einmal an Corona erkrankt ist, doch gerade im Jahr 2022 erstarkte die Diskussion darüber, ob es überhaupt noch sinnvoll ist, alle Fälle zu erfassen. Doch obwohl Corona de facto wie eine Grippe behandelt wird, gilt das Virus immer noch als sog. “Gruppe 2-Virus” und damit als besonders gefährlich.

Doch immerhin: Seit Juni wurden schrittweise die strikten Einreisebeschränkungen gelockert, und im Oktober wurde das Land endlich wieder für Touristen geöffnet. Wie vor der Pandemie können ausländische Touristen nun wieder unangemeldet und ohne Visum in Japan einreisen. Die Lockerung macht sich seitdem durch die steigende Anzahl an ausländischen Besucher*innen deutlich bemerkbar. Und obwohl Schutzmasken noch immer das Alltagsbild bestimmen, kehrt ein bisschen Normalität zurück.

Smartphone-Schultertasche“Kiew” & “Schwacher Yen”: Das sind die Wörter des Jahres 2022Auch in diesem Jahr gab es ganz bestimmte Begriffe, die in der japanischen Gesellschaft besonders aufgefallen oder prägnant geworden sind. 2...02.12.2022

Ukraine-Krieg

Auch in Japan verfolgt man mit Entsetzen den Ukraine-Krieg, und das nicht nur als ein Ereignis “in weiter Ferne”, sondern als möglichen Präzedenzfall: Denn etwas Ähnliches könnte sich durchaus auch vor der eigenen Haustür abspielen – zwischen der Volksrepublik China und Taiwan zum Beispiel. Das schlägt sich nun auch immer mehr in der japanischen Politik nieder. Im Dezember verkündete Premierminister Kishida Fumio, dass man das Verteidigungsbudget mehr als verdoppeln möchte. Und nicht nur das: Man gedenkt nun auch, unter anderem Marschflugkörper vom Typ Tomahawk anzuschaffen – eine Offensivwaffe. Damit scheint die Abkehr vom Nachkriegspazifismus so gut wie vollzogen zu sein. Der Schritt wurde von den Vereinigten Staaten hochgelobt und von China heftig kritisiert. Angesichts der rapiden Aufstockung des Militärs seitens China wird dabei die Kritik aus China – verständlicherweise – nicht ernstgenommen.

Die wirtschaftlichen Folgen des Ukraine-Krieges sind auch in Japan deutlich zu spüren. Vor allem die Energiepreise zogen kräftig an. Die Regierung deckelt zwar die Preiserhöhungen – zumindest noch – doch da steigende Energiepreise alle Produktions- und Transportlinien betreffen, kommt nun auch Japan nicht um saftige Preissteigerungen herum. Diese werden zudem von einem schwachen Yen befeuert, der alle Importe, einschließlich Energieträger, erheblich verteuert. Dies hat wiederum zur Folge, dass Japan nun auch wieder an die Wiederinbetriebnahme vieler – teils sehr alter – Kernkraftwerke laut nachdenkt. Eigens dafür wurde deshalb bereits vorsorglich die Laufzeit der betroffenen AKW erhöht.

Das Undenkbare: Tödliches Attentat auf Ex-Premierminister Abe

Am 8. Juli wurde Abe Shinzō, der am längsten gediente ehemalige Premierminister, bei einer Wahlkampfveranstaltung in Nara auf offener Straße erschossen. Im sonst als sicher geltenden Japan mit sehr rigiden Waffengesetzen wirkte das Attentat schockierend. Doch dahinter steckte offenbar nicht irgendein geisteskranker Schütze, sondern jemand, der einen persönlichen Groll gegen Abe hegte. Es ging um die Mun-Sekte, auch als Wiedervereinigungskirche bekannt, die man in Europa im besten Fall lediglich wegen ihrer Massenhochzeiten kennt.

In Japan hingegen stellte sich heraus, dass sich die aus Südkorea stammende Sekte seit Jahrzehnten wie ein Geschwür in der Politik ausgebreitet hat. Rund ein Drittel der (untersuchten) regierenden Liberaldemokraten hatte auf die eine oder andere Weise mit der Sekte zu tun – in den meisten Fällen ließ man sich im Wahlkampf von ihr unterstützen. Dem gegenüber stehen die Opfer der Sekte: zum Beispiel die Sektenangehörigen der “zweiten Generation”, deren Eltern das komplette Familienerbe an die Sekte übergaben. Auch der Tausch beziehungsweise Handel von Kindern innerhalb von Sektenfamilien schien üblich.

Japans Premierminister Kishida Fumio neben einer anderen Politikerin im japanischen ParlamentHeißer Politsommer 2022: Ein Attentat, eine Wahl und eine unerwartete WendungAm 10. Juli 2022 waren rund 105 Millionen Japaner dazu aufgerufen, in einem der 46.000 Wahllokale die Hälfte der Oberhausabgeordneten zu wäh...15.08.2022

Die Aufarbeitung dieser unheilvollen Verquickung von Geld, Religion und Politik hält auch ein halbes Jahr nach dem Attentat an. Ein erstes Resultat ist ein neues Gesetz, nach dem unter “Einfluss von Gehirnwäsche getätigte Spenden” annulliert werden können, doch das kann nur ein kleiner, erster Schritt sein.

Und sonst?

Seit April 2022 gelten Japaner*innen schon mit 18 Jahren volljährig – damit hat sich Japan dem internationalen Durchschnitt angenähert. So richtig dann aber doch nicht, denn der Alkohol- und Tabakkonsum bleibt noch immer erst ab 20 Jahren erlaubt. Anders gesagt: Mit 18 Jahren heiraten und wählen geht, einen Cocktail trinken aber nicht.

Im Juni startete die Stadt Tōkyō – in weiser Vorausschau der sich bald öffnenden Landesgrenzen – eine neue Tourismuskampagne, genannt  “TokyoTokyo – Old meets New”, und niemand geringeres als JAPANDIGEST ist in Deutschland für das Gelingen dieser interessanten Kampagne verantwortlich. Ein dankbares Thema, denn schließlich gibt es trotz all der Moderne noch sehr viel Altes in Tōkyō zu entdecken.

Mit diesem sicherlich nicht vollständigen Jahresrückblick verabschiedet sich auch JAPANDIGEST in den Jahresendurlaub und wünscht allen Lesern frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr, dem Jahr des Hasen!

Kommentare

DIAMIR

Diese Woche meistgelesen

Top Stories

Autoren gesucht

Lesen Sie hier, wie Sie Teil unseres Teams werden!