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Japans mörderischer Sommer und seine Folgen

Matthias Reich
Matthias Reich

Die Ausnahme wird zur Norm: Während früher überaus heiße Sommer und ungeheure Regenmengen in kürzester Zeit relativ selten waren, wird dies in Japan mehr und mehr zur Regel. Das hat Folgen – für die Menschen und die Tierwelt.

Tote asiatische Riesenhornisse
Die immer heißer werdenden Sommer in Japan begünstigen die Vermehrung bestimmter Insektenarten - wie die der asiatischen Riesenhornisse.

Das Jahr 2020 wird, wie auch die vergangenen Jahre, wettertechnisch mal wieder einige Rekorde brechen. Das begann mit einer sehr heftigen Regenzeit, die vor allem auf Kyūshū – mal wieder, muss man leider sagen – dutzende Menschen in den Tod riss und weite Landstriche verwüstete. Auch im Großraum Tōkyō war die Regenzeit ausgeprägter und sie dauerte auch rund 10 Tage länger als üblich. Abgelöst wurde diese für viele psychisch belastende Zeit durch eine große Hitzewelle: Der 23. August war der erste Tag des Monats, an dem die Tageshöchsttemperatur in Tōkyō bei unter 30 Grad lag. Und zwar bei 29.5 Grad. An manchen Tagen wurden an jedem vierten Messpunkt in Japan Temperaturen über 35 Grad gemessen. Und die Hitze fordert immer mehr Opfer: Im August allein starben über 100 Menschen in Tōkyō an den Folgen eines Hitzschlags – die Zahl der Corona-Toten lag im gleichen Zeitraum weit darunter.

Sommer in Japan
Der Sommer in Japan war dieses Jahr besonders heiß.

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Die heißen Tage nehmen zu 

“Dabei gibt es doch überall Klimaanlagen“, wird an diesem Punkt gern eingeworfen, aber die Hitze, vor allem in der Großstadt, ist anders als in Mitteleuropa – die Luftfeuchtigkeit ist wesentlich höher und – das ist der springende Punkt – die Luft kühlt in der Nacht kaum ab. Nachtwerte unter 25 Grad sind sehr selten, eher liegen sie bei 28 Grad. Vor allem ältere Menschen laufen daher Gefahr, einen Hitzschlag zu erleiden. Ganz kann man die Hitze nicht auf die globale Erwärmung schieben – auch zu Edo-Zeiten, also vor Mitte des 19. Jahrhunderts und damit vor der Industrialisierung und Elektrifizierung, waren Tage mit 35 Grad und mehr keine Seltenheit. Die Statistik zeigt jedoch, dass sich die Zahl der sehr heißen Tage seitdem mehr als verdoppelt hat, und die großflächige Versiegelung von Freiräumen sowie Millionen von Klimaanlagen tragen spürbar zum „Wärmeinselphänomen“ bei: Dementsprechend ist es tagsüber im Zentrum ein paar Grad wärmer, und in der Nacht kühlt es kaum noch ab.

Riesenspinne in Japan
Der Anblick solcher Riesenspinnen ist in Japan keine Seltenheit mehr.

Mit dem vielen Regen und der anschließenden Hitze kommen auch die Insekten, und dort hat man schon seit geraumer Zeit mit einigen Problemen zu kämpfen. Das diesjährige Wetter begünstigt dabei unsere gepanzerten, bestachelten und geflügelten Freunde – die üblichen Verdächtigen sind darunter, wie zum Beispiel daumengroße Kakerlaken, Spinnenläufer, Mukaden (sehr aggressive und giftige Hundertfüßler) sowie diverse Wespen- und Hornissenarten. Aber auch neu eingeschleppte Arten finden sich, die aufgrund der allgemeinen Erwärmung und auch aufgrund der Globalisierung immer weiter nach Norden vorrücken.

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Anstieg von eingeschleppten Tierarten

Dabei ist man mit den einheimischen Tieren schon genug bedient – die allergische Reaktion, die auf einen Stich von der japanischen Riesenhornisse folgen kann, kostet jährlich im Schnitt 40 Menschenleben und der Biss einer Mukade ist ebenfalls nicht empfehlenswert. Dazu kommen nun auch noch eingeschleppte Arten wie die Rotrückenspinne, die so kleine wie giftige australische Variante der Schwarzen Witwe, sowie die allseits gefürchteten Feuerameisen, die erstmals im Jahr 2017 in Japan gefunden wurden – an Bord eines Schiffscontainers. Seitdem wird immer wieder von Funden berichtet, hauptsächlich in Hafenanlagen, doch da die weiblichen Exemplare der Feuerameisen zum Teil auch fliegen können, ist eine weitere Ausbreitung nur eine Frage der Zeit.

Herstellern chemischer Keulen und Insektenfallen bescherte dieses Jahr saftige Zuwächse – der Umsatz von Mitteln gegen Fliegen, Mücken und dergleichen stieg im Juni im Vergleich zum Vorjahr um über 30 %, der von Mitteln gegen Kakerlaken sogar um über 60% an.

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