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Japanische Kanji in Corona-Zeiten

Aya Puster
Aya Puster

Auch Kanji, die chinesischen Schriftzeichen, sind einem steten Sprachwandel und den Einflüssen gesellschaftlicher Ereignisse ausgesetzt. In der Corona-Pandemie stechen diese Zeichen und Begriffe als Schlagwörter der Krise in Japan besonders hervor.

Kanji des Jahres
Ein Priester schreibt Mitte Dezember 2020 das "Kanji des Jahres": "mitsu".© POOL/JIJI PRESS/PA IMAGES

Seit 1995 wählt zum Jahresende die Nihon Kanji Nōryokukentei Kyōkai (The Japan Kanji Aptitude Testing Foundation) das „Kanji des Jahres“, welches das abgeschlossene Jahr – ähnlich dem „Wort des Jahres“ hierzulande – besonders symbolisiert. Das gewählte Zeichen wird anschließend von einem Priester auf dem Gelände des Kiyomizu-Tempels in Kyōto mit einem Pinsel als Kalligrafie-Zeichnung öffentlich vorgestellt.

Die „3 mitsu“

Für das Corona-Jahr 2020 wurde dementsprechend das Zeichen 密 (mitsu) ausgewählt.  Das japanische Ministerium für Wohlfahrt und Arbeit sowie auch das Büro des Premierministers appellierten bereits im März 2020 an das Volk , die sog. „3 mitsu“ zu vermeiden, um die Pandemie zu bekämpfen.

Die „3 mitsu“ sind mippei (密閉, „dicht abgeschlossener Raum), misshū (密集, „dichtes Gedränge) und missetsu (密接, „enger Kontakt). Wo sich die Kreise (siehe untenstehende Grafik) überschneiden, könnte  ein sogenanntes Cluster von Infektionen entstehen, klärten sie das Volk anschaulich auf.

Kritik gab es dennoch daran: Manche Japaner fragten sich nämlich, warum ausgerechnet überfüllte S-Bahnen im Großraum Tōkyō keine Cluster entstehen lassen sollten.

Die 3 mitsu
Die "3 mitsu": Dort, wo sich diese überschneiden, besteht die Gefahr eines Infektionsclusters.

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Unterschiedliche Formen der Verneinung

Das andere Schlagwort der Pandemie ist 不要不急 (fuyōfukyū) und meint in diesem Kontext das Aufschieben von nicht notwendigen und aufschiebbaren Angelegenheiten. Das Zeichen 不 (fu) verneint in der Regel eine Tätigkeit. Manche Japanisch-Lerner würden hier gleich zurückfragen, warum nicht 非 (hi), 否 (hi) oder 無 (mu) hierfür benutzt wurde. Auch wenn alle Kanji eine Verneinung ausdrücken, so liegen die Unterschiede im Detail:

不 – fuFu verneint meistens eine Tätigkeit, z.B.  fuyō (不要 , nicht nötig haben) oder fukyū (不急 , nicht eilen), aber auch Eigenschaften wie funinki (不人気 , nicht populär).
非 – hiHi zeigt das Gegenteil einer Eigenschaft wie hijō (非常, abnormal). Demnach bedeutet hijōguchi (非常口) „Ausgang im Notfall“.
否 – hiDieses hi verleugnet oder dementiert die darauffolgende Tätigkeit wie hinin (否認, nicht anerkennen/zugeben).
無 – muMu deutet auf die Nichtexistenz von etwas hin und bedeutet „XY-frei“, z.B.  mukin (無菌) = keimfrei.
未 – miMi bedeutet „noch nicht“. Bsp.: 未成年 (miseinen, minderjährig); 未来 (mirai, Zukunft)

Selbsthilfe vor staatlicher Hilfe

Das etwas problematischere Wort der Corona-Pandemie lautet 自粛 (jishuku) – Selbsteinschränkung. Das funktioniert in Japan relativ gut, weil sich jeder Bürger seiner Pflicht der Gesellschaft gegenüber bewusst ist und z.B. freiwillig einen Mundschutz trägt und auf Reise- und Gourmetvergnügen verzichtet, ohne große Unzufriedenheit zum Ausdruck zu bringen. Dies wird leider oft von der Regierung ausgenutzt. Sie verordnet beispielsweise keine Corona-bedingten Schließungen der Geschäfte, sondern verlangt nur die persönliche Selbsteinschränkung. Somit entzieht sie sich ihrer Pflicht, allen Corona-geschädigten Erwerbstätigen staatliche finanzielle Hilfe zu bieten.

Zumal der neue Premierminister Suga Yoshihide im September 2020 自助 (jijo, Selbsthilfe), 共助 (kyōjo, gemeinschaftliche Hilfe) und erst dann 公助 (kōjo, staatliche Hilfe) – in dieser Reihenfolge – als das Ideal präsentierte. 助 (jo) bedeutet „Hilfe“, was während einer Pandemie besonders wichtig  ist, während die Zeichen 自 (ji) sich selbst und 共 (kyō) die Gemeinschaft darstellen. Und die staatliche Hilfe? Diese kommt in Japan als letztes.

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„God helps those who help themselves” (Hilf dir selbst, so hilft dir der Himmel) haben wir alle einmal im Englisch-Unterricht gelernt. Es klingt plausibel, dass nur derjenige Anspruch auf staatliche Hilfe hat, der zuerst selbst alles Mögliche versucht hat und sich dennoch nicht weiterhelfen konnte.

Aber während der Corona-Pandemie,  in der Geschäfte, Gastronomie, Veranstaltungen oder Künstler ohne staatliche Unterstützung ihre Arbeit „selbst“ einstellen sollen und über 30.000 an COVID-19 erkrankte Menschen (Stand Januar 2021) in Japan zu Hause und ohne medizinische Hilfe auf ein freies Bett in Krankenhäusern warten müssen, klingt eine solche Aussage durchaus zynisch.

Lehnwörter aus dem Englischen für klare Definitionen

Übrigens lautet das Wort „Impfstoff“ auf Japanisch wakuchin, was vom englischen Wort „vaccine“ abgeleitet wurde. Es gibt zwar auch ein rein-japanisches Äquivalent (痘苗, tōbyō), welches wörtlich „Infektionskrankheit, die Spuren auf der Haut hinterlässt“ ( wie Pocken, Windpocken u.a.) +„Impfstoff“ bedeutet, doch dies passt nicht wirklich für COVID-19, das keine Pockennarben hinterlässt. Hier trifft wohl eher das chinesische Wort 疫苗 (yi miao), also „(allgemeine) Epidemie“ + „Impfstoff“, besser zu.

Nicht zuletzt muss noch ein wichtiges japanisches Wort erwähnt werden: 不織布マスク (fusenfu masuku, OP-Maske), erwähnt werden. Hier sehen Sie wieder das Kanji 不 (fu) , welches das Wort 織 (sen, weben/gewoben) verneint, sowie masuku, was vom englischen „mask“  kommt. Für „Maske“ existiert zwar das Kanji-Wort 覆面 (fukumen), welches eigentlich „Vermummung“ bedeutet, aber die Japaner unterscheiden lieber zwischen der gesundheitsschützenden Maske und der allgemeinen Vermummung, indem sie sie als masuku bezeichnen .          

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