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Der Kōyasan und der Shikoku-Pilgerweg – Das spirituelle Herz Japans | Teil 2 Anzeige

JAPANDIGEST
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88 Tempel warten entlang des berühmten Shikoku-Pilgerweges, meistens beginnt die Reise in der Präfektur Tokushima. Autor Nico Bohnsack, Koordinator für Internationale Beziehungen bei der Präfektur Tokushima, zeigt Ihnen die kulturellen und kulinarischen Highlights!

Pilger auf Shikoku

Der 1.400 km lange Shikoku-Pilgerweg kann grundsätzlich in jeder erdenklichen Reihenfolge und in mehreren Etappen absolviert werden. Viele Pilgernde sind jedoch bestrebt, bei Tempel Nr. 1 zu beginnen und die Stationen der Reihe nach aufzusuchen. Die Reise beginnt daher häufig in der Präfektur Tokushima, die in diesem Text repräsentativ für die eigentlich vier Präfekturen Shikokus stehen soll. Sie beheimatet die Tempel 1 bis 23, sowie 66. Drei der 24 Tempel sollen exemplarisch vorgestellt werden.

Nankai-Fähre
Von der Nankai-Fähre aus können Reisende die beeindruckende Meereslandschaft des Kii-Kanals genießen.

Der Ryōzen-ji, erster Tempel des Pilgerweges, ist heutzutage sehr bequem vom Kōyasan aus zu erreichen. Nach der Fahrt mit dem Nankai-Zug zum Hafen der Stadt Wakayama kann die Nankai-Fähre nach Tokushima, der historischen Provinz Awa, genutzt werden, die einige Male pro Tag zwischen den beiden Häfen pendelt und etwa zwei Stunden benötigt. Vom Hafen Tokushima kann dann schließlich mit Bus und Bahn der in der Stadt Naruto liegende Tempel erreicht werden. An der Pilgerreise Interessierte sollten zunächst einen Blick in das gut ausgestattete Pilgergeschäft des Ryōzen-ji werfen, in dem von Pilgerkleidung über Reiseführer alles, was für eine erfolgreiche Pilgerreise notwendig ist, angeboten wird.

Pilger
Das traditionelle Pilgeroutfit, bestehend aus weißer Pilgerkleidung, Pilgerhut und -stock sowie Pilgerstola u. A., sorgt dafür, dass Pilgernde sofort als solche erkannt werden.

Der Ryōzen-ji, Tempel Nr. 1

Da viele Menschen hier ihre Pilgerreise beginnen, wird der Ryōzen-ji auch der „Tempel des Aufbruchsgebets“ genannt. Nach Betreten der mit Karpfenteich und Bäumen gestalteten Außenanlage durch das schmuckvolle Haupttor erwarten Besucherinnen und Besucher eine alte Pagode mit 600-jähriger Geschichte, sowie Skulpturen der zwölf steinernen Buddhas und des vor einem Flammenhintergrund sitzenden Fudō Myōō, der „unbewegliche Mantrakönig“. Jeder der 88 Tempel verfügt über mindestens eine Haupthalle (Hondō), in der der Hauptgegenstand der Verehrung untergebracht ist, sowie eine Daishi-Halle (Daishidō), die Kōbō Daishi gewidmet ist. Nach dem Besuch beider Hallen können sich Pilgernde dann einen Eintrag in ihr Stempelbuch geben lassen. Der Name des Tempels ist übrigens an den Namen eines Berges in Indien angelehnt, an den sich Kūkai erinnert gefühlt haben soll, als er die Umgebung des Ryōzen-ji sah.

Ryozenji
Das Tor des Ryōzen-ji und die zahlreichen Laternen in der Haupthalle strahlen eine besondere Schönheit aus und sorgen für einen besinnlichen Beginn der Reise.

Dem Ryōzen-ji ist zudem eine (aufgrund der Pandemie vorübergehend geschlossene) Herberge angegliedert. Übernachtungs- und Verpflegungsmöglichkeiten sind auf der Pilgerroute grundsätzlich genügend vorhanden und in der lokalen Bevölkerung herrscht insbesondere gegenüber Pilgernden eine besondere Art von Gastfreundschaft (osettai). Mit etwa 100 Euro pro Tag sollte trotzdem gerechnet werden, um die Reise ohne größere Probleme bewältigen zu können, da kostenlose Übernachtungs- und Verpflegungsangebote vergleichsweise selten anzutreffen sind.

Der Aufenthalt im östlichen Teil der Präfektur lädt außerdem dazu ein, eine der vielen Gaumenfreuden Tokushimas zu kosten: Tokushima Rāmen. Die Nudelsuppe auf Basis von Schweinsknochenbrühe und Sojasoße wird mit geschmortem Schweinerippenfleisch und einem rohen Ei serviert und wärmt wohl jedes Pilgerherz wieder auf, bevor die lange Reise weitergehen kann.

Tokushima Ramen
Neben der braunen Zubereitung auf dem Foto existieren auch eine „weiße“ und eine „gelbe“ Variante.

Der Tairyū-ji, Tempel Nr. 21

Der in etwa 610 Metern Höhe gelegene Tairyū-ji im südlichen Teil Tokushimas wird aufgrund seiner Lage in den Bergen und des damit verbundenen mühsamen Aufstiegs als „schwer zu erreichender Ort“ (nansho) bezeichnet. Die Pilgernden werden auf dem dreistündigen Fußmarsch von Tempel Nr. 20 aus jedoch mit einer wunderschönen Berglandschaft und märchenhaften Atmosphäre belohnt. Wer nicht laufen kann oder mag, kann den Aufstieg auch in etwa 10 Minuten mit der Seilbahn bewältigen.

Oben angelangt wartet eine atemberaubende Tempelanlage inmitten von uralten japanischen Zedern und Zypressen, kombiniert mit einem grandiosen Ausblick auf die umliegende Berg- und Meereslandschaft. Der Tairyū-ji wird zudem oft als „Kōyasan des Westens“ (nishi no kōya) bezeichnet. Diesen Titel verschaffte ihm insbesondere die Bergatmosphäre, die teilweise ähnliche Struktur der Tempelanlage und der Umstand, dass viele Menschen aus Shikoku den Tairyū-ji als Ersatz für den Kōyasan besuchten. Kūkai soll mit 19 Jahren an diesen Ort gekommen sein, um auf einem Felsen in der Nähe des Tempels (Shashingatake) eine Methode der Kokūzō Gumonji-Lehre durchzuführen. Diese sah es vor, eine Million Mal dasselbe Mantra zu rezitieren. Er erhoffte sich dadurch ein besseres Gedächtnis.

Tairyuji
Verschiedene Wetterphänomene haben einen Einfluss auf die Atmosphäre am Tairyū-ji.

Der Tempel wurde daraufhin auf Wunsch von Kaiser Kammu errichtet, wobei Kūkai eine Skulptur des Kokūzō Bosatsu, der Bodhisattva des Raumes, angefertigt haben soll. Jener Bodhisattva wurde so zum Hauptgegenstand der Verehrung des Tairyū-ji und befindet sich in der Haupthalle. Der Fels, auf dem Kūkai seine Übung vollzogen haben soll und der bereits seit 1.200 Jahren auch heute noch von nachfolgenden Mönchen für dieselbe Übung genutzt wird, kann in etwa 15 Minuten Fußmarsch vom Tempel aus erreicht werden. Auf dem Fels befindet sich eine große Statue von Kūkai, die, zusammen mit einem überwältigenden Blick auf die umliegende Landschaft, auch von der Seilbahn aus zu sehen ist.

Tairyuji
Pilgerreisende im traditionellen Pilgeroutfit am Tairyū-ji.

Pilgernde, die vom Tairyū-ji zu den nächsten beiden Tempeln aufbrechen, machen zudem oft für eine besonders schmackhafte japanische Süßigkeit mit dem amüsanten Namen Hangoroshi („halb getötet“) in der Gemeinde Naka Halt. Der Reis der Mochi-Spezialität mit Sojabohnenmehl und Azuki-Bohnenfüllung wird dabei nur halb und nicht ganz durchgestampft, woher sich der Name ableitet. Die milde Süße der lokalen Köstlichkeit sorgt dafür, dass Pilgernde auch nach einem langen Fußmarsch wieder genügend Kraft tanken können.

Hangoroshi
Tee bietet die beste Ergänzung zu der köstlichen Süßigkeit.

Der Yakuō-ji, Tempel Nr. 23

Der in der Nähe der Küste gelegene Yakuō-ji ist der letzte Tempel in der Präfektur Tokushima vor der Grenze zur Präfektur Kōchi. Errichtet im Jahr 726 auf Wunsch von Kaiser Shōmu, soll Kūkai den Tempel mit 42 Jahren besucht haben, um dort für die Abwehr des Unheils von der Menschheit zu beten. Er soll darauf eine Skulptur von Yakushi Nyorai, dem Buddha der Heilung, angefertigt haben, welche bis heute Hauptgegenstand der Verehrung ist.

Der Legende nach soll die Skulptur aufgrund eines Feuers in der Kamakura-Zeit (1185–1333) eigenständig davongeflogen sein und sich, nachdem bereits eine neu angefertigte Skulptur aufgestellt wurde, nach der Heimkehr rücklings hinter diese gesetzt haben. Der Yakuō-ji besitzt daher eine unter Verschluss gehaltene Buddhastatue (hibutsu), die selbst Angehörigen des Tempels in der Regel nicht zugänglich ist. Auf der Hinterseite der Haupthalle befindet sich eine verschlossene Tür, hinter der jene Skulptur, die auch „Rückwärtsgerichteter Buddha“ (ushiromuki nyorai) genannt wird, in Sitzposition verweilt. Da der Tempel Unheil abwehren soll, und aufgrund der wunderschönen Lage an der Küste, die Teil des Muroto-Anan-Kaigan-Quasinationalparks ist, ist der Tempel nicht nur bei Pilgernden, sondern auch bei Ausflüglern ein beliebtes Ziel.

Yakuoji
Die Tempelanlage mit der charakteristischen roten Pagode strahlt zur Kirschblütenzeit einen besonderen Reiz aus und wartet aufgrund der Hanglage mit vielen steilen Treppen auf.

Ob die Pilgerreise durch die bezaubernde Natur des ländlichen Shikokus nun aus religiösen oder anderen Motiven erfolgt: Einzigartige Erlebnisse und Begegnungen sind vorprogrammiert! Da zudem der tiefe Glaube herrscht, dass Kōbō Daishi zum Schutz immer an der Seite der Pilgernden mitläuft (dōgyō ninin), sind selbst Menschen, die den Gang allein absolvieren, zumindest im Geiste nie wirklich allein, wenn die Reise beginnt.


Informationen zu Anfahrt und weiteren Sehenswürdigkeiten der Präfektur Tokushima finden Sie auf der Seite des offiziellen Reiseführers “Discover Tokushima” (Englisch)!

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