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Von Tōkyō aufs Land: Chance und Abenteuer in Kumano (Teil 1)

Alena Eckelmann
Alena Eckelmann

Wer an Japan denkt, denkt vor allem an Tōkyō, die kosmopolitische Weltmetropole, die vor Wolkenkratzern und Menschenmassen nur so strotzt. Doch immer mehr Menschen zieht es aufs Land: Umso überraschender, wenn es auch Ausländer*innen dorthin verschlägt. Unsere Autorin lebt seit über 10 Jahren im ländlichen Kumano.

Jizo Statue
Diese Jizō-Statue steht am Hyakken-gura Aussichtspunkt, auf dem Weg vom Kumano-Hongū-Schrein zum Kumano-Nachi-Schrein. Jizō ist eine buddhistische Gottheit und der Beschützer der Reisenden. © Alena Eckelmann

Ich bin im Mai 2005 in Tōkyō angekommen und habe im Juli 2011 der japanischen Metropole den Rücken gekehrt. Nein, ich bin nicht zurück nach Deutschland gezogen und auch nicht in ein anderes Land, sondern es hat mich aufs Land verschlagen. Ich bin von Tōkyō nach Fushiogami, ein kleines Dorf im Süden der Kii-Halbinsel in der Präfektur Wakayama, umgezogen. Die Gegend ist auch als Kumano bekannt. Dort befindet sich die Kumano Kodō, ein Netzwerk von Pilgerwegen, die zu den Kumano Sanzan, den drei großen Schreinen von Kumano führen.

Eigentlich ist es schon fast das japanische Hinterland, denn der nächstgelegene Convenience Store und der Bahnhof sind 40 km entfernt. Es ist schwierig, hier Arbeit zu finden (besonders für Ausländer*innen) und ein Maklerbüro für Häuser zur Miete gibt es auch nicht. Jetzt fragen Sie sich sicher, was mich dann in diese entlegene Gegend verschlagen hat?

Hier stand ein Teehaus, wo sich Pilger und Pilgerinnen von den Strapazen der Reise ausruhen und auch Verpflegung bekommen konnten. Heute laden nur ein paar Holzbänke zum Verweilen ein. © Alena Eckelmann
Kumano Nachi Schrein
Der Kumano-Nachi-Schrein, gleich in der Nähe vom mächtigen Nachi-Wasserfall, ist für viele Reisende der Endpunkt der Wanderung entlang der Nakahechi-Route, die wohl die beliebteste Route entlang der Kumano Kodō ist. © Alena Eckelmann

Als Landei in die weite Welt, und dann zurück aufs Land

Ich bin in einem kleinen Dorf in der ehemaligen DDR (heutiges Sachsen-Anhalt) aufgewachsen und habe mich als Kind auf dem Land sehr wohl gefühlt. Ich bin viel in der Natur herumgestrolcht oder habe mir in Hof und Garten die Zeit vertrieben. Vom Gartenzaun aus konnte ich die Autobahn sehen, die damals noch nicht so stark befahren war. Dahinter war eine Stadt. Sie schien immer irgendwie weit weg und hat meine Sehnsucht aufs Reisen geweckt.

Dann kam die Wende und die Welt war plötzlich offen. Die Kurzfassung einer langen Geschichte umfasst einen Studienabbruch in Berlin und ein neues Studium in Bayern, einen DAAD-Aufenthalt in Vietnam und neun Jahre Studium und Arbeit in London, dann Führungskräftetraining in Tōkyō und sechs Jahre Leben und Arbeit in Japans Metropole. Berlin, Hanoi, London und Tōkyō – das waren interessante Städte, die mir viele Erlebnisse und Erfahrungen gebracht haben. Firmenkarriere und Stadtleben waren vorprogrammiert, alles lief gut, wenn da nicht diese schleichende Sehnsucht nach Natur und Landleben gewesen wäre.

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Pilgerstock und -hut sind die Minimalausstattung der Pilger entlang der Kumano Kodō. Beide wurden mir vom Besitzer des Souvenirladens in Takijiri-ōji, wo die Wanderung gewöhnlich beginnt, empfohlen und sie haben sich als Schutz gegen Regen und Sonne und als Stütze gut bewährt. © Alena Eckelmann

„Was hat dich denn nach Kumano verschlagen?“, ist eine Frage, die ich oft zu hören bekomme. Ein paar Jahre vor meinem Umzug dorthin habe ich die Gegend besucht. Es war gerade die „Goldene Woche“ im Mai, ich hatte Urlaub und wollte aus Tōkyō raus. Diese nagende Sehnsucht auf das Reisen und auf Natur hat mich in den Süden der Kii-Halbinsel verschlagen, wo die Kumano Kodō-Pilgerwege 2004 zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt wurden. Von diesen Pilgerwegen hatte ich irgendwo gelesen und war begeistert von der Idee, eine Pilgerwanderung in Japan zu unternehmen. Ich hatte zwar einige Jahre in Bayern gelebt, aber eine Pilgerreise zu den dortigen Pilgerklöstern kam mir damals nicht in den Sinn.

Oyunohara
Angeblich das größte Torii der Welt steht in Hongū. Es ist der Eingang zu Oyunohara, einer Sandbank im Kumano-Fluss, wo einst der Kumano-Hongū-Schrein gestanden hat. Nach einer Flutkatastrophe im Jahr 1889 wurden die verbliebenen Teile des Schreines auf der jetzt höheren Lage wiederaufgebaut. © Alena Eckelmann
Kamikura Schrein
Auf diesen Felsen sollen sich die Kumano-Gottheiten zuerst niedergelassen haben. Daher gilt dieser Ort, jetzt als Kamikura-Schrein bekannt, als ältester heiliger Ort Kumanos. © Alena Eckelmann

Neugierig aufs Pilgern

Damals gab es noch keinen Eintrag im Reiseführer und auch kaum Informationen auf Englisch über diese Gegend, geschweige denn auf Deutsch. Die Belegschaft vom örtlichen Tourismusbüro war beim Buchen von Unterkünften behilflich, denn vor zehn Jahren gab es noch nicht so viele Herbergen entlang des Pilgerweges, wie es heute der Fall ist. Sie steckten mir auch eine neu entwickelte Wanderkarte auf Englisch zu und schon saß ich im Bus Richtung Takijiri, dem Ausgangspunkt der Wanderung. 

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Ich hatte meinen Laptop im Rucksack und die witzige Idee, zwischendurch etwas zu arbeiten. WLAN war meist nicht vorhanden, so habe ich den Laptop umsonst mit mir herumgeschleppt. Nie wieder Wandern mit Laptop, das war mir eine Lehre! Nicht nur der Rucksack war schwer, sondern auch Körper und Kopf, zu sehr war ich mit den Dingen beschäftigt, die ich nach meiner Rückkehr nach Tōkyō erledigen musste und meine Knie schmerzten auch sehr. Vor lauter Grübelei hätte ich fast die wunderschöne Landschaft verpasst. Berge und Wälder, ab und zu ein paar Häuser mit Acker und Garten, und fast menschenleer. Ich ließ mir Zeit und kam jeden Abend etwas zu spät bei den Unterkünften an.

Blick auf das Dorf Fushiogami, wo ich seit 10 Jahren wohne. Fushiogami liegt an der Nakahechi-Route des Kumano-Kodō-Weges, genau in der Mitte zwischen Hosshinmon-ōji und dem Kumano-Hongū-Schrein. Das Dorf ist bekannt für seine Tee-Plantagen. © Alena Eckelmann

Dem Ruf von Kumano gefolgt

Irgendwann habe ich dann eine leise Stimme in meinem Inneren vernommen, die geflüstert hat: Hier möchte ich wohnen. Es hat dann noch einige Jahre gedauert, bis es endlich zum Umzug kam. Aus Wanderlust und Begeisterung für die Pilgerwege wurde mein neuer Beruf als Wander- und Pilgerführerin, denn die Kumano Kodō hat auch nach unzähligen Wanderungen nichts von ihrem Reiz verloren. Im Jahr 2021 habe ich mein 10-jähriges Jubiläum in Kumano gefeiert.  

Die Kumano Kodō hat bis zum Winter 2019/2020 einen starken Aufschwung erlebt, wovon besonders die Einheimischen profitiert haben. In der Region gibt es nicht viele Arbeitsplätze und der Tourismus zählte zu den wichtigsten Einnahmequellen, bis die Corona-Pandemie den Fremdenverkehr zum Stillstand gebracht hat. Ich hoffe, dass ich nun bald wieder internationale Gäste hier begrüßen darf, die mit mir und anderen Einheimischen das 20-jährige Jubiläum als UNESCO-Weltkulturerbe im Jahr 2024 feiern möchten.

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