kazuo ishiguro
(c) Alex Ljungdahl /EXP/TT/TT News Agency/Press Association Images

Literaturnobelpreis für Kazuo Ishiguro – Japan freut sich (ein bisschen)

Matthias Reich

Der Literaturnobelpreis des Jahres 2017 ging an einen gebürtigen Japaner, der vor allem für einen äußerst dystopischen Roman weltweit Bekanntheit erlangte. Die Nachricht wurde in Japan positiv aufgenommen - allerdings war auch etwas Bedrücktheit dabei.

Seit Jahren besteht dieses Procedere: Bekannte und Fans des wohl bekanntesten Gegenwartsautors Japans, Murakami Haruki (bekannt zum Beispiel für den Roman 1Q84) versammeln sich, um gemeinsam der Verkündung des diesjährigen Literaturnobelpreises freudig entgegenzuzittern. Irgendwann muss er doch mal an der Reihe sein, schließlich wurden seine Romane in dutzende Sprachen übersetzt, was ihm zu einem Aushängeschild der japanischen Gegenwartsliteratur werden lässt. Und da der Literaturnobelpreis seit seiner ersten Verleihung 1901 erst zwei Mal an japanische Schriftsteller ging (Kawabata Yasunari, 1968, und Ōe Kenzaburō, 1994), wäre es doch wieder mal an der Zeit, oder?

Und in der Tat – dieses Mal wurde wirklich ein japanischer Name vorgelesen: Kazuo Ishiguro, den man in Japan nicht auf der Rechnung hatte. Die Freude darüber war letztendlich gedämpft, denn zwar ist der 1954 in Nagasaki geborene Ishiguro ein Japaner, aber seine Eltern wanderten mit ihm nach Großbritannien aus, als er gerade mal zarte 5 Jahre alt war. Ishiguro spricht dementsprechend Englisch, denkt Englisch und schreibt natürlich auch – sehr erfolgreich – auf Englisch. Den Murakami-Fans schwant schreckliches – so kurz aufeinander wird bestimmt kein Japaner geehrt, ob nun in Japan aufgewachsen oder nicht.

Obwohl Ishiguro sich kaum an seine Kindheit in Japan erinnern dürfte, so ist er doch ein Kind japanischer Eltern und dadurch mit seiner Heimat eng verbunden. Das machten auch seine ersten Romane “Damals in Nagasaki” (Original: A Pale View of Hills) und “Der Maler der fließenden Welt” (An Artist of the Floating World) deutlich. Letzterer ist dabei ein recht eigenwilliges Werk, das durchaus kontrovers betrachtet wurde: Immerhin ist der Ich-Erzähler des Werkes ein eifriger Unterstützer des militaristischen Japans vor und während des Zweiten Weltkrieges, und dieses Buch ist seine Bühne, in der keiner ihn, ob gut oder schlecht bewertet. Manchen Lesern fehlt dort die Wertung oder zumindest aber die Selbstreflektion, doch man kann davon ausgehen, dass das von Ishiguro bewusst so in Szene gesetzt wurde, um dem Leser die Deutungshoheit zukommen zu lassen.

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In einem ähnlichen historischen Zusammenhang spielt einer seiner bekanntesten Werke – “Was vom Tage übrigblieb” (The remains of the day). Hier wird die Geschichte ebenfalls in der Ich-Form vorgetragen – dieses Mal von einem englischen Butler, wobei hier die (historisch belegbaren) Verbindungen einiger Bereiche der Upper Class zu Hitlerdeutschland zur Sprache kommen. Bekannter noch als dieser Roman ist nur noch “Alles, was wir geben mussten” (Never let me go), erschienen 2005 und unter anderem mit dem bedeutenden Booker-Preis ausgezeichnet. Dieser düstere Science-Fiction-Roman beschäftigt sich mit Klonen, die zwar ganz eindeutig wie alle anderen Menschen denken, handeln und lieben – allein jedoch als Organspender “gezüchtet” werden. Das Buch wurde 2011 verfilmt (der Buchtitel diente auch als Filmtitel) – und zwar recht gelungen, wohlgemerkt.

Ishiguro hat mit seiner einfühlsamen, unaufgeregten, aber doch aufwühlenden Art auf jeden Fall den Preis verdient. Und es macht auch ein bisschen Spaß, zumindest in seinen älteren Büchern, nach den japanischen Elementen zu suchen. In diesem Sinne, Hut ab, Mister Ishiguro!

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