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Anime-Filmkritik: „Suzume“ von Shinkai Makoto

Manuel Piwko
Manuel Piwko

Der neue Film des Erfolgsregisseurs von „Your Name“ und „Weathering with you“, Shinkai Makoto, ist am 13.4. in den deutschen Kinos gestartet. Wir haben uns den Film angesehen und verraten, ob er in die großen Fußstapfen der Vorgänger treten kann.

Als „Your Name“ (Originaltitel: Kimi no na wa) im Jahr 2016 in Japan erschien, brach der Animefilm jegliche Besucherrekorde und avancierte zum absoluten Überraschungshit. Er entthronte sogar „Chihiros Reise ins Zauberland“ als erfolgreichsten Animefilm. Zwei Jahre später konnte man sich auch hierzulande davon überzeugen, dass Shinkai dem Anime-Großmeister Miyazaki Hayao aus dem Hause Ghibli gerecht werden kann.

Der Erfolg sprach für sich und auch der Nachfolger „Weathering with you“ (2019) kam beim Publikum gut an. Nun kommt mit „Suzume“ das neueste und mittlerweile dreizehnte Werk des Regisseurs, mit dem dieser sich einem traumatischen Ereignis der jüngeren japanischen Geschichte widmet.

Ein fantasievoller Roadtrip

In „Suzume“ folgt man dem 17-jährigen namensgebenden Waisenmädchen auf einem fantasievollen Roadtrip. Sie lebt in einer Kleinstadt auf der südjapanischen Hauptinsel Kyūshū und trifft auf dem Weg zur Schule auf den jungen, mysteriösen Mann Sōta. Dieser stellt ihr die ungewöhnliche Frage nach einer Tür an einem verlassenen Ort. Suzume weist ihm den Weg zu den Ruinen eines ehemaligen Dorfes. Sie packt die Neugierde und entschließt sich kurzerhand, ihm zu folgen. Bei den Ruinen angekommen, entdeckt sie die Tür, die Sōta zuvor gesucht hatte. Wie sich herausstellt, ist diese magisch und als Suzume hindurchschreitet, löst sie einen Stein und entfernt damit unwissentlich ein Schutzsiegel. Ein aus dieser Zwischenwelt stammender gigantischer Wurm droht in Suzumes Welt einzudringen und die Stadt durch ein verheerendes Erdbeben zu zerstören. In letzter Sekunde können Sōta und Suzume die Tür schließen, doch in ganz Japan befinden sich solche Türen, durch die das Wesen treten und Unheil verbreiten kann. Eine Reise quer durch das Land beginnt, um die Gefahr zu bannen – und gleichzeitig auch eine Verarbeitung der schrecklichen Ereignisse des Tōhoku-Erdbebens von 2011.

Erdbebenland Japan

Am 11. März 2011 erschütterte das stärkste Erdbeben seit Beginn der Aufzeichnungen die Region Tōhoku und löste eine Tsunami-Flutwelle aus, die unter anderem das an der Küste errichtete Kernkraftwerk Fukushima Daiichi beschädigte und dazu führte, dass große Mengen Radioaktivität austraten. Alle Ereignisse an diesem Tag werden zusammengefasst auch als „Dreifachkatastrophe“ bezeichnet. Die Tragödie sitzt tief in den Erinnerungen vieler Menschen weltweit, allen voran dem japanischen Volk. Die Unsicherheit und Angst vor Erdbeben gehört zum Alltag der Japaner und Japanerinnen. 

kobe erdbebenIm Fall der Fälle: Erdbeben in JapanSchon im japanischen Kindergarten stehen Katastrophenübungen auf dem Plan. Auch Sie können sich auf den Ernstfall vorbereiten. Vor allem wic...16.09.2016

„Suzume“ thematisiert diese alltägliche Angst und arbeitet die Ereignisse der Dreifachkatastrophe auf, indem es diese in Form der wurmartigen Kreatur mystifiziert und mit japanischer Folklore verknüpft. Die Idee, dass ein Wurm für die verheerenden Erdbeben verantwortlich ist, entnahm Shinkai der Kurzgeschichte „Frosch rettet Tōkyō“ von Murakami Haruki, welche sich auf das Kōbe-Erdbeben im Jahr 1995 bezieht. Auch „Kafka am Strand“ (2002) war eine Quelle der Inspiration, denn in diesem Roman Murakamis hatten besondere Steine und sprechende Katzen eine tragende Rolle – genauso wie in „Suzume“.

Die Shinkai-Formel

Das Abenteuer von Suzume folgt dabei einem bekannten Ablauf – man könnte es schon fast die „Shinkai Makoto-Erfolgsformel“ nennen: Eine schicksalhafte Liebesgeschichte, über der das Geheimnisvolle schwebt und erst am Ende ergibt alles einen Sinn und erklärt sich. Der Aufbau der Geschichte ist wenig überraschend, die Charakterzeichnung von Suzume ist vielleicht noch der größte Schwachpunkt des Films. Vor allem der pubertäre Blick auf die Liebe und die Motivation der Protagonistin, für einen eigentlich fremden Mann alles stehen und liegen zu lassen, wirkt unrealistisch und kaum nachvollziehbar.

Fans der vorherigen Filme werden diese Strukturen erkennen und trotzdem lieben. Denn was Shinkai macht, um dieses Gerüst auszuschmücken, ist nichts weniger als spektakulär. Die Zeichnungen sind atemberaubend – man könnte den Film zu jeder Zeit anhalten und erhält ein wunderschönes Bild. Die gelegentlichen Kamerafahrten fügen eine realistische Dynamik hinzu. Visuell ist „Suzume“ beeindruckend und wird unterstrichen durch einen stimmungsvollen, bombastischen Soundtrack. Abgerundet wird der sehr gute Gesamteindruck durch eine gelungene deutsche Vertonung der Charaktere und einer Übersetzung, die sich nah am japanischen Original orientiert.

Fazit

„Suzume“ ist ein fantastisches Spektakel für Fans des japanischen Kinos – und des Regisseurs Shinkai Makoto. Wer Gefallen an dessen vorherigen Werken gefunden hat, wird auch hier nicht enttäuscht. Durch gekonnten Einsatz von magischem Realismus nach einer Idee von Murakami Haruki, ist der Film auch für alle Fans des berühmten Autors interessant. Der Realitätsbezug zur tragischen Erdbebenkatastrophe von 2011 macht den Film zu einer modernen Form des Zeitzeugnisses. Er begeistert mit seiner Bildgewalt, hat trotz der schweren Thematik die richtige Portion auflockernden Humors und einen wuchtigen Soundtrack. „Suzume“ ist modernstes Animekino und sollte am besten auf der großen Leinwand gesehen werden. 

Filmposter Anime Suzume
© 2022SNTFP

Originaltitel: すずめの戸締まり (Suzume no Tojimari)

Ab 13. April 2023 im Kino

Laufzeit: 121 Minuten

Regie und Drehbuch: Makoto Shinkai

Besetzung (deutsche Synchronfassung): Emilia Raschewski, Oscar Räuker

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