Volksleiden Heuschnupfen – wenn es im Frühjahr eine ganze Nation trifft

Matthias Reich
Matthias Reich

Heuschnupfen, oder wortwörtlich übersetzt, „Blütenstaubsyndrom“, wie er auf Japanisch heißt, ist auch in Japan ein Thema. Ein sehr großes sogar – man schätzt, dass ca. 20 Millionen darunter leiden. Und auch so manche Japanurlauber:innen müssen nach der Ankunft entdecken, dass sie plötzlich gegen diverse Pollen allergisch sind.

Japanische Zeder mit Pollen
Die Japanische Zeder ist der Hauptauslöser für den auch in Japan verbreiteten Heuschnupfen. © ゆるるさん / photo-ac

Frühlingszeit – alles sprießt. Die Pflaumenblüte steht an, und danach die vielgerühmte Kirschblüte. Es wird langsam warmer und grüner, doch nicht jeder freut sich auf das Erwachen der Natur, denn von Februar bis Mai schlagen die Pollen erbarmungslos zu. Das Schnaufen, Husten und Niesen ist unüberhörbar, und nicht wenige gehen nur noch vollmaskiert, inklusive Schutzbrille, auf die Straße.

Angriff der Zedernpollen

Hauptursache Nummer 1 beim japanischen Heuschnupfen ist ein Baum, der kurz unter dem Begriff sugi bekannt ist – ein Zypressengewächs, das im deutschen Sprachraum gern als Japanische Zeder bezeichnet wird. Interessanterweise war Heuschnupfen in Japan bis in die 1970er kein allzu großes Thema, doch das sollte sich ändern. Während des Zweiten Weltkrieges wurden viele Wälder in Japan abgeholzt – man brauchte das Holz für die Kokerei, aber auch als Brennmaterial, denn Rohstoffe waren knapp. Da Japan zu mehr als drei Vierteln aus Bergen besteht, war nach dem Krieg eine relativ einfache und schnelle Lösung erforderlich, um aufzuforsten – mit dem Ziel, Bergrutsche zu verhindern und schnell wachsendes Baumaterial herzustellen, denn die sugi eignet sich hervorragend zum Bauen. Und so wurde vielerorts mit den Japanischen Zedern aufgeforstet.

Nach rund 30 Jahren werden die Bäume geschlechtsreif. Ein Baum kann dann circa 400.000 Pollen pro Jahr produzieren, und diese sind so klein und leicht, dass sie über viele Kilometer hinweg transportiert werden können. Man muss also mitnichten in der Nähe eines Waldes wohnen, um an Heuschnupfen zu leiden. Dabei trifft es bestimmte Gebiete aus topographischen Gründen besonders schwer – vor allem der Großraum Tōkyō, aber auch Nagoya, werden von wahren Zedernpollenwolken zugeweht, die sich als leicht erkennbarer Film über Autos und dergleichen legen.

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Auf der Suche nach Lösungen

Es sind nicht nur die Japanischen Zedern, die Millionen von Menschen Tränen in die Augen treiben. Auch die Hinoki-Scheinzypresse ist bekannt für ihre aggressiven Pollen, und diese Bäume kommen ebenfalls häufig in Japan vor. Zumindest bei den Zedern arbeitet man seit Jahren an einer Lösung, bei der man bevorzugt pollenlose Exemplare pflanzt. Vor über 30 Jahren entdeckte man durch Zufall, dass ein paar in der Präfektur Toyama gepflanzte Zedern keine beziehungsweise so gut wie keine Pollen produzieren. Durch Kreuzung wurden diese Varianten nun benutzt, um neue Sprösslinge zu produzieren – in den vergangenen Jahren wurden so bei Neuanpflanzungen besagte pollenarme Pflanzen benutzt.

Der Austausch mit der Japanischen Zeder 2.0 ist jedoch ein langwieriger Prozess, weshalb die meisten in der Zwischenzeit weiterhin damit beschäftigt sind, die Symptome zu bändigen, und dafür gibt es einen breiten Markt. Schätzungen gehen davon aus, dass allein der Markt für rezeptfreie Heuschnupfenmedikamente bei umgerechnet rund 80 Millionen Euro liegt[1]. Allergenblockende Nasensprays sind besonders beliebt, aber auch ein gewöhnlicher Mund-Nasen-Schutz – einer der Gründe, warum die Akzeptanz solcher Masken schon vor der Corona-Pandemie in Japan sehr hoch und der Anblick selbiger keine Seltenheit war. Eher unter die Art „Kurioses” fallen Sticker, auf denen steht „Ich habe Heuschnupfen – nicht ansteckend!“, quasi als Entschuldigung für mögliches Husten und Niesen in vollbesetzten Zügen.

Für besonders schwere Fälle gibt es zudem rundum schließende Schutzbrillen, Nasenfilter, komplette Kopfmasken mit Ventilation sowie natürlich Luftreiniger, die alle möglichen Partikel aus der Luft in Innenräumen filtern – diese liegen nicht erst seit der Pandemie in Japan sehr hoch im Trend.

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