Ob krank oder ungeschminkt: Der Mundschutz in der japanischen Gesellschaft

Diana Casanova
Diana Casanova

In Deutschland musste erst eine Virus-Pandemie eintreten, um den Mundschutz, oder auch die Mund-Nasen-Maske, salonfähig zu machen. In vielen Ländern Ostasiens, allen voran Japan, China und Korea gehört er jedoch zum normalen Alltagsbild.

Mundschutzmaske

Wer an seine allererste Japanreise zurückdenkt, hatte sicherlich einmal diese Frage im Kopf: Sind denn alle Leute krank oder warum tragen sie eine OP-Maske? Die Frage ist durchaus berechtigt: Egal ob beim Shopping, im öffentlichen Nahverkehr, in der Schule oder bei der Arbeit – unzählige Japaner*innen tragen dabei einen Mundschutz. Dafür muss nicht gerade Grippesaison sein. Der Mundschutz gehört zum Alltag und ist nicht zwangsläufig mit ansteckenden Krankheiten und Gefahr konnotiert. Im Gegenteil: Oft gilt er als Zeichen der Höflichkeit.

Ein einfacher Mundschutz (auf Japanisch masuku, マスク), z.B. in Form von OP-Masken, wie man sie in der Regel auf japanischen Straßen sieht und praktisch in jeder Drogerie und in jedem Supermarkt kaufen kann, dient in erster Linie zum Schutze anderer, denn eigene Ansteckungen verhindern sie bekanntermaßen kaum.

Gerade in Großstädten wie Tōkyō oder Yokohama, wo sich tagtäglich abertausende Menschen in enge Zugabteile und verstopfte Innenstädte drängen, gehört es zum guten Ton, eine Maske zu tragen, wenn man selbst erkältet ist und so andere vor einer Ansteckung schützt. Dabei ist es gerade für Angestellte oder Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen meist keine Option, sich einfach krank zu melden und zu Hause zu bleiben.

Doch der Höflichkeit eines Mundschutzes muss keine Erkältung vorangehen, oft werden sie präventiv getragen. Das Tragen einer Maske gilt demnach als eine soziale Verantwortung des Einzelnen und ein Akt der Solidarität, um sich selbst, aber vor allem um die Gruppe vor Krankheit zu schützen.

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Masken tragende Menschen in Japan
Masken tragende Menschen gehören in Japan zum normalen Straßenbild. © Alessandro Di Ciommo/NurPhoto/PA Images

Historische Entwicklung

In Japan begann der Trend, einen Mundschutz zu tragen, während der verheerenden Welle der Spanischen Grippe 1918 und 1920, die weltweit Millionen Menschen das Leben kostete. So wurde das Tragen von schwarzen Masken von der Regierung empfohlen, um einer Ausbreitung entgegen zu wirken, wie z.B. durch ein Poster aus dem Jahre 1918, auf dem steht: “Fürchten Sie die Erreger der Grippe! Ohne Maske riskieren Sie Ihr Leben!”.

Dem großen Kantō-Erdbeben 1923 folgte ein massives Flammeninferno und viele Menschen trugen Masken, um sich vor der starken Rauchentwicklung und dem Staub in der Luft zu schützen – wie auch in den 1950er-Jahren, als im Zuge der Nachkriegsindustrialisierung zahlreiche Fabriken die Luft verschmutzten.

Poster zur Aufforderung von Masken 1918
© 一般社団法人北多摩薬剤師会 / Kitahama Pharmaceutical Association

Nach dem Krieg wurden weiterhin viele neue Bäume gepflanzt, z.B. Zedernbäume, was einen starken Anstieg des Pollenfluges nach sich zog und Massen-Pollenallergien verursachte.

Alte Atemschutzmasken aus JApan
So sahen Atemschutzmasken im frühen 20. Jahrhundert in Japan aus. © 一般社団法人北多摩薬剤師会 / Kitahama Pharmaceutical Association

Vermeintlich einmalige oder zeitlich begrenzte Ereignisse wie Grippewellen, Pollenflug oder Luftverschmutzung fanden so häufig und hintereinander statt, dass das Tragen einer Maske das ganze Jahr über sinnvoll geworden war. In asiatischen Nachbarländern, wo Feinstaub und Smog ein großes Problem sind, haben sich die Mundschutzmasken längst durchgesetzt. Die SARS-Pandemie 2002/03 war vor allem in China, Taiwan und Hong Kong ein gefährlicher Weckruf hin zum Maskentrend, der letztlich eine Form der gesellschaftlichen Etikette wurde.

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Die Maske als soziale Barriere und Fashion-Statement

Doch nicht nur zur Prävention von Krankheiten werden Schutzmasken getragen: Gerade die junge Generation nutzt sie auch als willkommene Möglichkeit, ihr Gesicht zu verstecken, z.B. wegen Hautunreinheiten, Müdigkeit, unliebsamen Gesichtszügen oder aus Scham. Gerade wenn es am Morgen schnell gehen muss und man sich nicht schminken oder rasieren kann/will, schafft eine Maske Abhilfe. Sie ist schnell aufgesetzt und erspart  Zeit, die man sonst im Badezimmer verbringen würde. Im Winter hält sie das Gesicht auch angenehm warm.

Eine Maske eignet sich zudem gut dafür, seinen Mitmenschen zu signalisieren, dass man in Ruhe gelassen werden möchte, denn mit ihr unterhält es sich bekanntermaßen schwierig. In der Großstadt verstecken Masken das Gesicht genug, um unerkannt in den Massen zu verschwinden, wenn man dies möchte. Der Mundschutz kann also eine soziale Barriere sein, die es einem ermöglicht, sich von seiner Umgebung abzuschotten und anonym zu bleiben.

Darüber hinaus können Masken auch ein simples Fashion-Statement sein. Durch die gesellschaftliche Akzeptanz des Mundschutzes kann man ihn in unzähligen Mustern und Farben erwerben, mit lustigen Bildern oder mit von Popkultur und kawaii inspirierten Designs. Männer wie Frauen werten damit ihre Outfits auf oder tragen sie in zur Kleidung passenden Farben.

Selbstgemacht Masken in verschiedenen Designs

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Die gängigen Mund-Nasen-Masken in Japan sind weiß, bestehen aus einfachen Materialien wie Baumwolle und können je nach Produkt einmalig oder mehrfach verwendet werden. Manche sind sogar parfümiert oder haben eine wärmende Funktion. Pro Jahr wandern Milliarden Mundschutzmasken über die japanischen Ladentische.

In Japan normal, warum nicht bei uns?

Feinstaub, Grippewellen, Krankheiten – diese Ereignisse gibt es eigentlich überall auf der Welt, doch warum hat sich das Tragen von Masken scheinbar nur in Ostasien als gesellschaftlich akzeptiert und sogar erwünscht hervorgetan und nicht in westlichen Ländern, wie etwa in Deutschland? Ein Grund könnte der folgende sein: Ein Mund-Nasen-Schutz verdeckt, wie der Name schon sagt, den Großteil des Gesichtes, was es dem Gegenüber schwer macht, die Mimik des anderen zu sehen und zu deuten. Da der Großteil unserer Alltagskommunikation über das Gesicht läuft, gilt ein solches Verstecken des Gesichtes als unhöflich.

Darüber hinaus erweckt man nicht gerade einen “vertrauenserweckenden” Eindruck, wenn man eine Atemschutzmaske trägt. In Zeiten von Corona ist diese gesellschaftliche Etikette natürlich hinfällig geworden und es bleibt abzuwarten, ob sich der Mundschutz auch in Zukunft in unserem Alltag durchsetzen wird. In Japan jedenfalls werden Sie nicht schief angeschaut, wenn Sie ihn tragen.

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