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Japans alternde Gesellschaft: Tele-Altenpflege und Robotertherapie

Marie-Louise Helling
Marie-Louise Helling

Der Pflegenotstand in Seniorenheimen ist nicht zu übersehen, wenn wir einen Blick auf das Land der aufgehenden Sonne werfen. Könnte das Zusammenleben mit Robotern und der Einsatz von ausgeklügelten, technischen Innovationen für die alten Menschen eine hilfreiche Alternative sein?

Kleiner, lächelnder Roboter
Können uns Roboter hilfreich unterstützen? © Unsplash / Possessed Photography

Weltweit ist Japan mit der höchsten Lebenserwartung von 83,8 Jahren an der Spitze der am schnellsten alternden Länder. Aus der chōkōrei shakai (hochgradig alternde Gesellschaft) resultiert ein Pflegenotstand in Seniorenheimen und Krankenhäusern, dem eine abnehmende Zahl an Erwerbstätigen gegenübersteht. Japan setzt zur Bewältigung der pflegerischen Versorgung der älteren Bevölkerung auf den Einsatz von digitalen und zugleich sozialen Erfindungen, die die Lebensqualität verbessern und den Alltag erleichtern sollen.

Roboter-Fiktion: Tele-Altenpflege

Kobayashi Hisato, Professor für Maschinenbau und Robotik an der Hōsei-Universität in Tōkyō, möchte mit seinen visionären Ideen dazu beitragen, dass ein selbstbestimmtes Leben im Alter problemlos möglich wird.

In seinem 1999 veröffentlichten Buch Robotta ha tomodachi da! („Roboter sind unsere Freunde!“) zeigt er mittels prägnanter, einfallsreicher Geschichten seine Vorstellungen in Bezug auf die Gestaltung der zukünftigen japanischen Gesellschaft auf. Diese basieren auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen internationaler Forschergruppen, die sich vorrangig mit den Problemen in der Kommunikation zwischen Menschen und Robotern beschäftigten.

Ein kurzer Einblick in die fiktiven Erzählungen, welche sich um eine 15-köpfige Großfamilie und der von ihr genutzten Robotertechnologie aus Sicht des kleinen Jungen “Tarō” drehen, soll dem Leser die technischen Möglichkeiten derzeitiger und zukünftiger Roboter näherbringen. In der Geschichte sind, aufgrund der hohen Lebenserwartung, neben den Großeltern auch die Urgroßeltern ein Teil der Familie, die unter einem Dach lebt. Humanoide Roboter, die Ähnlichkeiten mit einer bekannten, geliebten Person aufweisen, kümmern sich um die Bedürfnisse der Urgroßeltern und betreuen sie rund um die Uhr. Ein Mensch in einer Schaltzentrale überträgt den Robotern per Funk die Anweisungen, die sie auszuführen haben. Damit wird ebenfalls eine sichere Überwachung der technischen Funktion gewährleistet.

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Ausgestreckte Roboterhand
Können Roboter die Altenpflege übernehmen? © Unsplash / Possessed Photography

Doch die Realität sieht anders aus: Roboter sollten die Pflege zwar unterstützen, dennoch ist es wichtig immer im Auge zu behalten, wie und unter welchen Bedingungen sie zu guter Pflege beitragen können – wobei der einzelne pflegebedürftige Mensch, seine Bedürfnisse und Potenziale im Mittelpunkt stehen sollte.

Pflege braucht Menschlichkeit. Kann das menschliche Gesicht einer Maschine dieser Anforderung überhaupt gerecht werden und kann zu ihr je eine Beziehung aufgebaut werden, die in ihrer Tiefe an eine zwischenmenschliche heranreicht?

Roboter-Realität: Robotertherapie und das Sincere-Kourien-Pflegeheim

In der gegenwärtigen Robotertherapie, die vor allem in Altersheimen Einsatz findet, liegt der wesentliche Fokus auf der Kommunikation und Abwechslung im Alltag. Mithilfe geschulter Tiertherapeuten entwickelten Forscher kuscheltierähnliche Unterhaltungsroboter. Allergie- und Hygieneprobleme werden erfolgreich umgangen, sodass sich alle Senioren uneingeschränkt mit den lustigen Tieren beschäftigen können.

Eines davon ist die putzige Roboterrobbe “Paro”: Weiß und kuschelig reagiert sie auf Berührung sowie Geräusche. Ihr Name ist eine Abkürzung für “Personal Assistant Robot”. Eingesetzt wird sie vorwiegend bei der Betreuung und Unterhaltung von Demenzkranken. Auch hierzulande hat sie schon die Herzen vieler alter Menschen erobert: Mittlerweile ist sie in 40 deutschen Pflegeheimen vorzufinden, wo sie den Alltag der Bewohner bereichert.

Ältere Dame umarmt Pflegerroboter-Robbe Paro
Die kuschelige Pflegeroboter-Robbe Paro reagiert auf Berührungen und Geräusche. © REUTERS-Alamy-Stock-Photo

Roboter sind nicht die einzige Lösung

Neben Robotern gibt es mittlerweile nützliche technische Innovationen, die in die Architektur von Gebäuden integriert werden, um den Bewohnern das Leben zu erleichtern. Dies zeigt sich hervorragend am Beispiel des Sincere-Kourien-Pflegeheims in Ōsaka, welches 2001 vom Elektronikkonzern Matsushita gegründet wurde. Das Pflegeheim bietet Komfort auf höchstem Niveau: Federnde Fußböden senken die Gefahr von Knochenbrüchen bei Stürzen und Gemüsehochbeete auf dem ebenen Hausdach können auch von Bewohnern im Rollstuhl als Hobby bewirtschaftet werden. Menschliches Pflegepersonal sorgt für einen behaglichen Rundumservice.

Je nach Pflegestufe liegt die Miete pro Monat zwischen 120.000 und 260.000 Yen – ungefähr 930 bis 2000 Euro. Ein Luxus, der Diskussionen aufwirft: Nicht alle pflegebedürftige Menschen sind in der Lage die Miete, die neben gesicherter Betreuung auch die neusten technischen Innovationen beinhaltet, zu zahlen. Mittlerweile finanziert die japanische Pflegeversicherung LTCI zwar zum Teil einige Pflegeroboter für Privathaushalte, dennoch wohnt die Mehrheit der alten Menschen allein ohne technische Hilfsmittel.

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Was ist ausgereifter: Vision oder Realität?

Der Fantasie sind bekanntlich keine Grenzen gesetzt. Die technische Entwicklung schreitet immer weiter fort und dennoch überflügeln die Visionen die Realität bei Weitem. Nichtdestotrotz akzeptieren immer mehr Senioren den täglichen Umgang mit Robotern, die einen durchaus positiven Effekt auf den Alltag haben können. Die Zukunft wird sicherlich noch viele spannende Erfindungen, die in der Pflege Einsatz finden, mit sich bringen.

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