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Selbstbedienungskassen und kontaktloses Bezahlen in Japan: Praktisch, aber nicht unproblematisch

Matthias Reich
Matthias Reich

Spätestens seit Beginn der Corona-Pandemie ist der Siegeszug der Selbstbedienungskassen in Japan nicht mehr zu bremsen. Der kontaktlose Bezahlvorgang wird von immer mehr Menschen bevorzugt, und der Personalmangel in vielen Gegenden beschleunigt die Verbreitung nur. Doch wo Licht ist, gibt es natürlich auch Schatten.

Frau an einer Selbstbedienungskasse in Japan
Selbstbedienungskassen sind auf dem Vormarsch – doch nicht immer funktioniert alles reibungslos. © Marke / photo-ac.com

Es kann so einfach sein: Während an der Kasse rund zehn Rentner:innen stehen, von denen die Hälfte erst dann die Geldbörse sucht, wenn sie an der Reihe sind, geht man einfach zu einem kleinen Automaten in der Ecke, liest die Waren mit dem Scanner ein und bezahlt dann. Fertig. Vor allem in kleineren Supermärkten in den Stadtzentren Japans sind die Selbstbedienungskassen ein Segen. Das hat der Markt auch erkannt – bei einer Umfrage unter 278 japanischen Supermärkten im Sommer 2021[1], etwa ein Drittel davon unabhängig (sprich, keiner Kette angehörend), gab rund ein Viertel an, bereits Selbstbedienungskassen zu unterhalten – 2019 waren es gerade einmal gut 10 %.  Allerdings gaben bei der gleichen Umfrage auch einige Filialleitungen an, die Zahl der installierten Selbstbedienungskassen reduzieren zu wollen – offensichtlich waren die verheißungsvollen Maschinen in manchen Fällen dann doch nicht so hilfreich.

Die Qual der Wahl

Frust gibt es bezüglich der neuen Systeme aus mehreren Gründen. Ein Grund dafür ist die schiere Menge der existierenden Bezahlsysteme und andere technische Hürden, die gerade ältere Mitbürger:innen schnell überfordern. In der Tat – sieht man jemanden, der sich auskennt, an den Kassen bezahlen, denkt man unweigerlich an Scottie von Raumschiff Enterprise: Scannen, auswählen der Punktekarte, einlesen der Punktekarte, Auswahl der Bezahlmöglichkeit, das Gleiche parallel dazu auf dem Mobiltelefon, da viele Japaner:innen Apps zum Punktesammeln und Bezahlen nutzen – eine Menge Schritte und Klicks sind erforderlich, bis man fertig ist.

Es gibt zahlreiche verschiedene Punktekarten und -systeme, und eine mittlerweile unüberschaubare Menge an Bezahlsystemen. Kreditkarten, Smartphones mit RFID-Chips oder QR-Codes – die Kunden haben die Qual der Wahl, und nicht immer funktioniert alles auf Anhieb reibungslos. Das bedeutet, dass das mit der Einsparung von Personalkosten nur bedingt richtig ist, denn man braucht geschulte Angestellte, die schnell in der Lage sind, Kunden weiterzuhelfen, wenn es an der Selbstbedienungskasse mal hakt. Dabei haben Japaner:innen eigentlich einen Vorsprung, denn das kontaktlose Bezahlen mit RFID-Karten ist schon seit Jahrzehnten üblich – vor allem in den öffentlichen Nahverkehrsmitteln.

Übersicht an Zahlungsmethoden an einer Kasse in Japan
Die Menge an möglichen Zahlungsmethoden ist in Japan nur schwer zu durchschauen.

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Technik schützt vor Ladendiebstahl nicht

Eine weitere Quelle des Missmuts einiger Ladenbesitzer:innen ist der Ladendiebstahl – ob gewollt oder ungewollt. Im Wesentlichen gibt es zwei Typen von Selbstbedienungskassen – die vollautomatischen, bei denen Kunden selbst die Waren einscannen, und die halbautomatischen, bei denen man quasi nur am Automaten zahlt. Letztere wurden nun schon in fast allen Konbini-Supermärkten eingeführt.

Doch zwangsläufig kommt es dabei immer wieder zum Ladendiebstahl. Entweder, weil jemand dreist die Tatsache ausnutzt, dass die Selbstbedienungskassen selten bewacht sind. Oder der Kunde vergisst den Bezahlvorgang einfach beziehungsweise merkt nicht, dass die Bezahlung mit Kreditkarte, Telefon oder QR-Code nicht funktionierte. In diesem Fall hat das Geschäft das Nachsehen. Sicher, vielerorts sind zwar Kameras installiert, aber es rechnet sich für die Geschäfte nicht, Schäden von ein paar Tausend Yen bei der Polizei anzuzeigen.  Auch für Kunden ist das ganze riskant: Wird man dabei erwischt, wenn man ohne zu bezahlen mit der Ware das Geschäft verlässt, ist es im Prinzip egal, ob es beabsichtigt oder unbeabsichtigt war – Diebstahl ist Diebstahl, und der wird strafrechtlich verfolgt.

Um den Schaden gering zu halten, scheinen sich halbautomatisierte Systeme mehr durchzusetzen. Damit sinkt nämlich auch die Gefahr, dass sich die Person an der Kasse bei der Herausgabe des Wechselgeldes irrt. Die Wahrscheinlichkeit, dass es bald Supermärkte in Japan gibt, die nur noch automatische Systeme nutzen, ist deshalb gering. Hinzu kommen die vergleichsweisen hohen Kosten der kontaktlosen Bezahlung – einige Bezahlsysteme kassieren bis zu 5 % des Betrages als Gebühr ein, und das ist bei dem hohen Konkurrenzdruck in den japanischen Innenstädten ein Grund dafür, dass so mancher Einzelhandel Anreize schafft, damit Kunden weiterhin mit Bargeld bezahlen. Doch der Wille, bargeldlos zu bezahlen, ist durchaus da – eine Umfrage aus dem Jahre 2020 ergab, dass 60 % der Japaner:innen diese Zahlungsmethode bevorzugen. Bei der gleichen Umfrage war es in Deutschland nur knapp die Hälfte der Befragten[2].

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