Als Raucher unterwegs in Japan

Yasemin Besir
Yasemin Besir

Oft wird von Japan als dem Raucherparadies berichtet. Doch wer auf den Straßen von Tōkyō unterwegs ist und nach einer entspannten Zigarette zwischendurch lechzt, der hat es nicht immer leicht.

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Der Raucherbereich in Shibuya
Der Raucherbereich in Shibuya (c) すしぱく / pakutaso

In Deutschland hat es in den vergangenen 15 Jahren eine nicht zu leugnende Wende und Stigmatisierung in der Raucherkultur gegeben. Raucher tragen heutzutage ein regelrechtes Schandmal und werden auch bei Minustemperaturen hinaus in die Eiseskälte verdonnert, zur großen Erleichterung der Nichtraucher, die sich bewusst für ihre Gesundheit und gegen den Genuss entschieden haben. Mit zitternden Fingern krallen sich die Süchtigen bis zum allerletzten Zug an den Glimmstängel und nehmen den drohenden Kältetod in Kauf. Das Rauchen in Kneipen und Restaurants ist schon längst nicht mehr als eine bittersüße Erinnerung an alte Zeiten, in denen sogar der Sachbearbeiter beim Amt einen Aschenbecher auf dem Pult stehen hatte. Als man noch für ein Fünf-Mark-Stück eine große Packung aus dem Zigarettenautomaten ziehen konnte, als die Eltern noch im Restaurant eine rauchen konnten und nicht erst bis zum Heimweg warten mussten. Nicht falsch verstehen: Ich trauere diesen Zeiten nicht nach, ich erinnere mich lediglich an meine Kindheit und die Freiheit, die damals noch herrschte. Aber wie steht es eigentlich um Raucher in Japan?

Feuer Frei

Laut einer Erhebung von Japan Tobacco waren es 2016 noch ca. 30 Prozent der Männer und ca. 10 Prozent aller Frauen in Japan, die rauchten. Verglichen mit Europa eigentlich gar nicht so viele. Und doch wird oft von Japan als dem Raucherparadies berichtet. Manch einem Deutschen könnte der Ausflug nach Japan wie eine kleine Zeitreise in die Vergangenheit vorgekommen sein. Die Zigaretten sind unverschämt günstig und die Akzeptanz der Gesellschaft überraschend hoch. Beim Betreten von Restaurants wird man gleich gefragt, ob man Raucher oder Nichtraucher ist, damit man im richtigen Bereich landet und genüsslich vor, nach und bei Bedarf auch während des Essens und Trinkens rauchen kann. Der dichte Rauchnebel ist aus den vielen Izakayas gar nicht wegzudenken. Nach einer langen Feier im Club kommt man nach einem Aschenbecher duftend nach Hause und stinkt sich in den Schlaf. Ein kleiner Beigeschmack von Tabak gehört einfach zum Nachtleben Japans dazu. Und draußen?

Asche auf mein Haupt

Wer gerade auf den Straßen von Tōkyō unterwegs ist und nach einer entspannten Zigarette zwischendurch lechzt, der hat es nicht immer leicht. Das Rauchen in Parks und Gehwegen ist weitestgehend verboten. Da diese Verbote häufig auch durch niedliche Schilder mit pinken Kätzchen gekennzeichnet sind, kann es durchaus passieren, dass man sie auf den ersten Blick häufig nicht als solche wahrnimmt. Tatsächlich habe ich mich schon des Öfteren in ebendiese Nichtraucherzonen gestellt und nichtsahnend eine gepieft. Zu meiner Verteidigung möchte ich gerne erwähnen, dass ich stets einen portablen Aschenbecher bei mir hatte und meine Zigarettenstummel niemals auf den Boden geworfen habe. Das mag ich in Deutschland nicht und das habe ich auch in Japan nicht gemocht. Erst als mir eine höfliche Ordnungsbeamte beinahe beschämt zu verstehen gab, dass ich hier nicht rauchen darf, habe ich die Verbotsschilder wahrgenommen und mich völlig verlegen entschuldigt.

Dafür gibt es nämlich die Smoking Areas – Raucherzonen, die in der gesamten Stadt verteilt sind. Aus den Augen eines Süchtigen jedoch sehr spartanisch. An großen Bahnhöfen gibt es sie, zum Beispiel direkt bei der Hachiko-Statue in Shibuya. Auf dem Campus gab es einige, viele Kombinis stellen einen Ascher vor die Tür, sogar in meinem Wohnheim hatten wir einen separaten Raucherraum. Aber wehe, wenn sich diese lebensrettenden Glaskästen vor einem verstecken. Ganze zwei Stunden bin ich einmal durch die Straßen gerannt – gereizt, ungeduldig und bereit, meinen eigenen Kopf anzuzünden, um als lebende Fackel und qualmender Märtyrer wenigstens anderen Rauchern und Mitleidenden als symbolische Raucherzone zu dienen. Oft habe ich vergessen, was ich denn ursprünglich vorhatte und habe erst einmal die Lage nach naheliegenden Smoking Areas überprüft. In Deutschland sind sich Raucher gar nicht über den Luxus bewusst, einfach durch die Straßen zu laufen und zu rauchen, wann immer ihnen der Sinn danach steht.

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Das Olympische Feuer

Inzwischen habe ich das Rauchen größtenteils aufgegeben. Nicht nur, weil ich wieder in Deutschland lebe und die Tabakpreise hier außerirdische Höhen erreicht haben, sondern aus gesundheitlicher Überzeugung. Aber eines kann ich nicht leugnen: Obwohl mich diese ewige Suche nach Raucherzonen in Japan so gereizt hat, bin ich nicht einmal auf die Idee gekommen, dieses Prinzip zu hinterfragen. Und nachdem das Nikotin seinen Weg von meinen Lungen in mein Gehirn gefunden und sich an meine Rezeptoren gehaftet hatte, genügend Dopamin freigesetzt wurde und ich wieder klar denken konnte, war ich auch damals schon überzeugt von dieser Regelung gewesen. Ich habe während des gesamten Jahres, was ich dort verbracht habe, nicht einen Zigarettenstummel auf dem Boden gesehen. Die Straßen sind unwahrscheinlich sauber und Passanten müssen nicht den Rauch einatmen, den andere sich zu Gemüte führen wollen.

Angesichts der anstehenden Olympischen Spiele in Tōkyō 2020 sollen noch weitere Änderungen am Raucherparadies vorgenommen werden. Die Smoking Area bei Hachiko wurde bereits an eine andere Stelle bewegt. Bleibt abzuwarten, was der Sommer des Sports noch mit nach Tōkyō und in die so raucherfreundliche Gesellschaft Japans bringt.

P.S.: Vielleicht ist es nur so ein Gefühl, aber während meines kurzen Besuchs in Ōsaka habe ich bemerkt, dass die Menschen es dort gar nicht so streng nehmen mit dem Rauchen auf der Straße. Sie sind eben doch nicht alle gleich, die Japaner.

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