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„NIEMALS JAPAN“ von Matthias Reich nimmt die schrägen Seiten des Inselreiches aufs Korn

Constanze Thede
Constanze Thede

JAPANDIGEST-Autor Matthias Reich wirft in seinem neu aufgelegten Buch „Was Sie dachten, NIEMALS über JAPAN wissen zu wollen“ einen satirischen Blick auf das ostasiatische Land und deckt so einige schöne und unschöne Seiten auf.

Stadtszene in Akihabara, Tokyo
Matthias Reich wirft in "NIEMALS JAPAN" einen Blick auf die schrägen Seiten des Landes. © Jezael Melgoza / unsplash.com

Der CONBOOK-Verlag bringt in seiner Buchreihe „NIEMALS“ satirische Länderporträts heraus, die vor allem darauf ausgerichtet sind, überraschende Aspekte des jeweiligen Landes zu präsentieren, die man im üblichen Reiseführer nicht findet.

Matthias Reich widmet sich innerhalb dieser Reihe mit „Was Sie dachten, NIEMALS über JAPAN wissen zu wollen“ (kurz: „NIEMALS JAPAN“), das 2022 neu aufgelegt wurde, den kuriosen Seiten des Inselreiches. JAPANDIGEST-Leser:innen ist der in Japan lebende Autor sicherlich schon durch seine Artikel zu gesellschaftlichen Themen bekannt. Auch „NIEMALS JAPAN“ geht von einem gesellschaftskritischen Ansatz aus und beleuchtet in 55 kurzen Kapiteln Japans schräge Seiten.

Der Autor schöpft dabei aus seinem eigenen Erfahrungsschatz, den er sich durch Japanaufenthalte während seiner Studienzeit und seiner inzwischen über 15-jährigen dauerhaften Niederlassung in Japan aneignen konnte. Dort leitet er eine IT-Firma und lebt mit seiner Familie in Kawasaki. Die einzelnen Kapitel enthalten entsprechend viele Anekdoten aus dem persönlichen Alltag des Autors.

Kurzweilig, aber mit Vorsicht zu genießen

Das Buch liest sich zwar recht kurzweilig und man hat durch den lockeren Schreibstil sofort das Gefühl, in die Geschichte mit einbezogen zu werden, dennoch kommen  japanaffine Leser:innen sicherlich an einigen Stellen ins Stutzen. So neigt der Autor zu Pauschalurteilen wie beispielsweise „Die Reinkarnation eines Paschas lebt in Japan – bartlos und kaum zu etwas zu gebrauchen. Das Land hat die höchste Dichte an frauenfeindlichen Softies“ (S. 16). Würde man das gänzlich für bare Münze nehmen, bekäme man doch ein ziemlich eingeschränktes Bild japanischer Männer.

Entscheidend ist die verlagseigene Bezeichnung des Werkes als „augenzwinkerndes Porträt“. Genauso sollte man es auch lesen: Wer sämtliche Betrachtungen bitterernst nimmt, wird wenig Freude daran haben. Mir persönlich hat sehr gut gefallen, dass der Autor im Vorwort betont, dass er über Deutschland ebenso im Handumdrehen 55 schräge Aspekte aufzählen könnte. Zwar wird hier unerbittlich über Japan hergezogen, dies jedoch nie böswillig verletzend, sondern immer auf humorvolle Weise.

Wer allerdings noch wenig Berührung mit dem ostasiatischen Land hatte, sollte das Buch mit Vorsicht genießen, denn einige Aussagen des Autors sind aufgrund der Tatsache, dass sie auf den Erfahrungen aus seiner Studienzeit beruhen, tatsächlich veraltet. Um nur ein Beispiel zu nennen, bezeichnet heute kaum noch jemand japanische Frauen, die jenseits der 25 noch unverheiratet sind, als „Christmas Cake“, der nach Weihnachten nicht mehr schmeckt (Kapitel 39) – dieser Begriff stammt noch aus der Zeit der Bubble Economy und wird inzwischen als nicht mehr zeitgemäß angesehen. Heutzutage herrscht in Japan eher die Tendenz vor, eine Heirat hinauszuzögern, bis man über 30 ist, allerdings wird dies tatsächlich nach wie vor kritisch beäugt.

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Strenger, aber liebevoller Blick auf ein schräges Land

Dass Japan viele kuriose und mitunter durchaus extrem schräge Seite hat, kann wohl niemand bestreiten, der schon einmal dort gewesen ist. Matthias Reich haut hier ordentlich auf die Pauke und trifft die empfindlichsten Stellen des Inselvolkes. Mitunter hält man beim Lesen den Atem an und fragt sich, warum man ein solches Land überhaupt bereisen soll – bis man auf den Mittelteil stößt, der die Wogen wieder glättet: Hier werden 55 liebenswerte Aspekte Japans aufgezählt, die von sprachlichen Eigenheiten über die japanische Esskultur bis hin zu religiöser Aufgeschlossenheit reichen. Dies hilft vielleicht ein bisschen, den Schock abzudämpfen, den Leser:innen, die bisher ein romantisch-verklärtes Bild von Japan hatten, nach der Lektüre der ersten Hälfte des Buches erlitten haben müssten. Danach folgen zwar noch einige Paukenschläge, aber allmählich hat man sich wohl an den schwarzen Humor des Autors gewöhnt. Dieser wirft mitunter sehr unterhaltsame Blüten, wie beispielsweise in Form eines Dialoges zwischen einem in Bezug auf Deutschland bis zur Taktlosigkeit ahnungslosen Japaner und einem perplexen Deutschen, der sich wie ein Auszug aus einem Loriot-Sketch liest (hätte Loriot jemals Japan bereist, hätte er sicherlich viel Material gefunden).

Längst überfällige Satire

Ohne Zweifel gibt es im Westen die Tendenz, Japan durch eine allzu rosarot gefärbte Brille zu betrachten – Reichs Buch bildet ein schlagkräftiges Gegenstück dazu, das einige Fehleinschätzungen geraderückt und hierzulande eher unbekannte Wahrheiten aufdeckt. Insofern war ein Werk wie dieses längst überfällig. Leider schafft Reich aber durch manche Pauschalurteile und veraltete Betrachtungen wieder neue Vorurteile. Daher sollte das Buch auf keinen Fall als Nachschlagewerk betrachtet werden – hier gibt es andere, in neutralerem Ton gehaltene und rein informative Ratgeber über Japan. Wer das Land von einer neuen Seite kennenlernen und einfach mal herzhaft lachen will, sollte das Buch aber auf keinen Fall verpassen. Als unterhaltsame Satire ist es unbedingt zu empfehlen.

Buchcover "Niemals Japan" von Matthias Reich

Was Sie dachten, NIEMALS über JAPAN wissen zu wollen

von Matthias Reich

Erschienen: September 2022 (3. Auflage)

Taschenbuch mit zweifarbigem Innenteil, 256 Seiten

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