Shin Godyilla
Filmplakat zu Shin Godzilla: "Godzilla VS. Japan" (Nippon tai Gojira ニッポン対ゴジラ) © Tōhō K.K.

Shin Godzilla: Die göttliche Bestie ist zurück

Hannah Janz

Ende Juli 2016 startete in den japanischen Kinos der neue Godzilla-Film: Shin Godzilla. Er wurde in Japan gelobt und zum erfolgreichsten Film des Jahres. Im Ausland erhielt er gemischte Kritiken.

Die 17. Nippon Connection in Frankfurt zeigt den Film zwischen dem 23. bis 28. Mai 2017.

Das 18. Japan-Filmfest Hamburg zeigt den Film am 03. Juni 2017 im Metropolis-Kino.

Shin Godzilla (Shin Gojira シン・ゴジラ) ist der erste Film des Godzilla-Franchises seit 12 Jahren. Regie führte Anno Hideaki. Der Filmemacher gelangte Ende der 1990er mit der Anime-Serie Neon Genesis Evangelion auch über Japan hinaus zu großer Bekanntheit. Annos Handschrift zeigt sich nicht nur in den unerwarteten Schnitten – mal verzögert, mal extrasystolisch– sondern auch im wiederkehrenden Topos der vom Menschen selbst ausgelösten Apokalypse.

Mensch VS. Gott

Neon Genesis Evangelion und Godzilla erzählen vom möglichen Ende der Menschheit. In beiden wird die Zivilisation von der Evolution überholt. In NGE greifen „Engel“ die Erde an. Ihre Gene stimmen zu 99,89% mit denen der Menschen überein, ausgestattet sind sie aber mit göttlicher Macht.

Auch in Shin Godzilla fusioniert Evolutionsbiologie mit religiöser Aufladung. Godzilla entwickelt sich durch den Einfluss verklappten Atommülls. Er taucht zum ersten Mal in der Bucht vor dem Flughafen von Haneda auf und pflügt sich danach feuerspeiend durch Tōkyō. Dabei durchläuft er mehrere Evolutionsstufen und wird „göttlich“. Dies wird nicht nur im Film diagnostiziert, sondern auch im Titel sichtbar. Der ist nur in Katakana-Lautschrift wiedergegeben, und so kann mit Shin „neu“ 新 gemeint sein, „Neuer Godzilla“, aber auch „Gottheit“ 神, also „göttlicher Godzilla“.

Anno GodzillaShin Godzilla-Premiere in Tōkyō, Anno Hideaki (links, untere Reihe) mit Schauspielern und Teilen der Crew. © Dick Thomas Johnson

Technologie VS. Evolution

In beiden Filmen liegt der einzige Schutz der Menschheit vor der göttlichen Strafe in der Technologie. In einem finalen Endkampf bietet sie ihr Waffenarsenal gegen die vermeintlichen Bestien auf. Bekämpft werden die „Engel“ in Neon Genesis von gigantischen Waffensystemen, die an Roboter erinnern, aber humanoid sind – den Evangelions. In Shin Godzilla dürfen die Selbstverteidigungsstreitkräfte zu ihrem ersten Einsatz gegen eine feindliche Macht auf japanischem Boden ausrücken.

Die menschlichen Anteile der Technologie-Beherrschung hingegen sind korrumpiert. Annos Bilder der geschmeidig tanzenden Panzer und der federleicht fliegenden schweren Geschosse wirken liebevoller als die Darstellungen der Charaktere. Die Befehlskette von den Bürokraten bis zum Premierminister ist schwerfällig und machtverliebt. Bis entschieden ist, ob Godzilla im Stadtgebiet beschossen wird, vergehen Stunden. Die Experten, die Godzilla untersuchen, sind hochintelligente Soziopathen. Ihr Antrieb ist wissenschaftliche Neugier – und nicht die Bewahrung einer Gesellschaft, der sie nur am Rande angehören.

Antwort auf die Atomkatastrophe von Fukushima

Bezogen sich die vorherigen Filme der Reihe auf die Verstrahlung durch die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki oder durch Atomtests während des Kalten Krieges, gab es nach der Havarie des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi im Jahr 2011 noch keinen Godzilla-Streifen.

Auch in Shin Godzilla fehlt der Widerstreit zwischen „gutem Atom“ und „bösem Atom“ nicht. Godzilla konnte erst durch die menschengemachte Umweltverschmutzung mit Atommüll entstehen. Gleichzeitig wird ein Atomschlag als die einzig wirksame Option gegen die Bestie diskutiert – auch wenn Tōkyō dafür fällt.

Überhaupt sind die Städte, die Godzilla verwüsten darf, die heimlichen Stars der Filme. Sie stehen für die menschliche Zivilisation. Dabei oszillieren sie zwischen lächerlich schwachen Spielzeugstädten und dem Kerngedanken dessen, was an menschlichem Zusammenleben vor der Bedrohung beschützt werden muss.

Auch Anno inszeniert Tōkyōs Zerstörung in Shin Godzilla als Fanservice. Der Atomsaurier legt sämtliche Landmarks der Metropole in Schutt und Asche, während sich das Publikum freut, die Hochhäuser des Stadtteils Shinagawa zu erkennen.

Am Ende des Films bleibt nur eine Frage: Welche göttliche Evolution der Menschheit wird aus den Trümmern Tōkyōs ersteigen, wenn die Bestie erst einmal besiegt ist?

 

Die 17. Nippon Connection in Frankfurt zeigt den Film zwischen dem 23. bis 28. Mai 2017.

Das 18. Japan-Filmfest Hamburg zeigt den Film am 03. Juni 2017 im Metropolis-Kino.

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