Anlage des AKW Tsuruga (C)Hirorinmasa

Wie kam die Atomkraft nach Japan?

Hannah Janz

Wie kam Japan, das 1945 als erstes und einziges Land mit Atomwaffen angegriffen wurde, nicht einmal zehn Jahre später dazu, die Atomkraft einzuführen?

Nach der Havarie des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi in Folge von Erdbeben und Tsunami am 11. März 2011 beschäftigte diese Frage nicht nur Japanologen und Politikwissenschaftler – auch die breite japanische Öffentlichkeit wollte eine Antwort auf diese Frage. Hiroshima, Nagasaki und Fukushima verbanden sich auf unheimliche Weise: Wieso hatte das erste atomare Trauma das zweite nicht verhindern können? Angesichts des andauernden Ausnahmezustands in Fukushima Dai-ichi ist diese Frage immer noch relevant.

Trotz einer starken Ablehnung von Atomwaffen durch die japanische Gesellschaft in Folge von Hiroshima und Nagasaki erließ das Parlament 1954 bereits Gesetze, die der Atomkraft den Weg nach Japan ebneten. Viel interessanter als diese Top-Down-Entscheidung ist aber, dass bereits 1957 nur noch 35% und nicht mehr 55% der japanischen Bevölkerung die Atomkraft ablehnten. Warum änderte sich die öffentliche Einstellung?

Zeit- und kulturabhängige Sichtweisen

Hiroshima und Nagasaki sind einzigartige Traumata im kollektiven Gedächtnis Japans. Die Art, wie viele Menschen heute in Japan, Deutschland, global über Atomtechnologien denken, ähnelt sich aber stark. Wir trennen heute strikt in Atomwaffen und Atomenergie. Besonders in Deutschland wird beides oftmals als gleichermaßen schlecht bewertet, während die Atomkraft in Japan bei vielen Menschen bis zum Unglück von Fukushima als sicher und sauber galt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, nach Hiroshima und Nagasaki, war global aber vor allem die Bedrohung durch Atomwaffen präsent. Die Technologie zur Energiegewinnung entwickelte sich gerade erst – und wurde oftmals abgelehnt, da sie auf denselben Mechanismus zurückging wie die Waffentechnologie, die Kernspaltung. Nicht nur Hiroshima und Nagasaki sorgten im Japan der Nachkriegsjahre für eine massive Opposition jeglicher atomarer Technologie gegenüber.

Unglücklicher Drache und Atomthunfische

Am 1. April 1954 wurde beim Kernwaffentest Castle Bravo des US-Militärs auf dem Bikini-Atoll im Pazifik die Besatzung des japanischen Fischkutters Dai-go Fukuryū-maru (Glücklicher Drache V) stark verstrahlt. Ein Crew-Mitglied verstarb innerhalb weniger Monate.

Castle BRAVODer Atompilz des Castle Bravo-Tests über dem Bikini-Atoll. ©Federal government of the United StatesGlücklicher Drache VDer Bug des Fischkutters Glücklicher Drache V wird heute in Tōkyō ausgestellt. ©mysterio500/pixnet
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Da auch Lebensmittel, vor allem Thunfische, kontaminiert worden waren, breitete sich in der japanischen Öffentlichkeit große Angst vor einer dritten japanischen Verstrahlungskatastrophe nach Hiroshima und Nagasaki aus. Initiiert durch eine Kettenbriefaktion von Müttern in der westjapanischen Kansai-Region, die die Sicherheit der Lebensmittel, mit denen sie ihre Familien versorgten, in Fragen stellten, entwickelte sich schnell eine große gesellschaftliche Bewegung. Über 20 Millionen Japaner unterschrieben innerhalb eines Jahres die Petition „No more Hiroshima, no more Nagasaki, no more hibakusha (Verstrahlungsopfer)“.

Atomthuna„Wir verkaufen keine Atom-Thunfische (genshi maguro 原子マグロ)! Unsere Ware ist sicher!“ – Aushang in einem Geschäft nach der Verstrahlung durch den Castle Bravo-Text.

Das japanische Parlament aber stimmte bereits am 02. März 1954 – bevor diese gesellschaftliche Bewegung für politische Entscheidungen hätte relevant werden können – Ausgaben zur Atomkraftforschung zu.

Die US-Regierung unter Präsident Eisenhower offerierte 1955 im Rahmen ihres zwei Jahre zuvor gestarteten „Atoms for Peace“-Programms der japanischen Regierung Atomkraft-Technologie und spaltbares Material. Dass im August 1957 trotz der gesellschaftlichen Ablehnung der Forschungsreaktor JRR-1 in Betrieb genommen wurde und so den Grundstein für eine atomare Zukunft der japanischen Energiepolitik legte, hatte mehrere Gründe.

Warum blieb die gesellschaftliche Opposition unwirksam?

In Japan konnte sich kein Vetospieler etablieren, der die Interessen der Bevölkerung gegenüber der politischen Führung vertreten hätte. Die Antiatomwaffen-Bewegung in Folge von Castle Bravo fand 1955 und 1956 landesweit immer mehr Zustimmung, blieb aber unorganisiert.

Die durch die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki Geschädigten hibakusha hatten zwar Verbände gebildet, allerdings nur lokal. Erst 1956 gingen zwei Verbände, die zuvor um die Führerschaft der nationalen und globalen Bewegung gegen Atomwaffen konkurriert hatten, in der Nihon Hidankyō (Japanische Konföderation der Atom- und Wasserstoffbomben-Opfer) auf. Der Kampf der hibakusha um eigene Interessen, nämlich die Anerkennung ihres Status und Entschädigung durch den Staat, nahm die Verbände stark ein. So hatten diese kaum Kapazitäten, um sich politisch und zentral gegen Atomwaffen im Allgemeinen stark zu machen und die gesellschaftliche Bewegung in Japan anzuführen.

Nihon HidankyoDer Verband Nihon Hidankyō tritt nachwievor für die Belange von hibakusha ein. Heute lautet ihr Slogan "No more hibakusha". ©Nihon Hidankyo

Außenpolitische Interessen der USA

Japan und die USA hatten 1951 den Friedensvertrag von San Francisco unterzeichnet, die US-Besatzung endete 1952. Japan war damit wieder souverän – die USA blieben aber nachwievor wichtigster Bündnispartner und Sicherheitsgarant.

US-Präsident Eisenhower hatte im Zuge des Kalten Krieges die „New Look“-Strategie formuliert, die auf nukleare Aufrüstung setzte. Dennoch hatte Eisenhower Bedenken, dass dies bei den Verbündeten zu Vertrauensverlusten führen könne. Auch fürchtete er einen Propagandasieg Russlands, denn das Land importierte die Technologie zur zivilen Nutzung der Atomkraft bereits in andere Länder der UdSSR und betonte deren friedlichen Charakter.

Außerdem übten die US-amerikanischen Energieunternehmen Druck auf ihre Regierung aus, da ihnen bis zu diesem Zeitpunkt der Export von Atomenergie-Technologien untersagt war, dieser Markt aber hohe Gewinne versprach. Aus diesen drei Gründen wandte sich die US-Regierung an verbündete und befreundete Nationen und bot diesen Kooperationen zur Atomkraft an.

Atom ist nicht gleich Atom

Als PR-Maßnahme gegen den eigenen Ruf als Atomwaffen-Nation startete die US-Regierung zudem die  „Atoms for Peace“-Ausstellung. Sie trug denselben Namen wie die Rede Eisenhowers vor den Vereinten Nationen, in der er am 8. Dezember 1953 zur zivilen Nutzung der Atomkraft aufrief.

Gestaltet wurde die Ausstellung durch die United States Information Agency (USIA) ab 1955 in Zusammenarbeit mit lokalen Medien, Politikern und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens auf allen Kontinenten. In Japan wurde sie unter dem Namen „Atoms for Peace – Genshiryoku heiwa riyō hakurankai“ (Atoms for Peace – Ausstellung zur friedlichen Nutzung der Atomkraft) zwischen Mai 1955 und 1957 in 8 verschiedenen Städten gezeigt.

Wie der Name der Ausstellung zeigt, sollte sie ein Gegengewicht zum „bösen, kriegerischen Atom“, dem Atom des Militärs und der Waffen, herstellen. So gab es ein Modell eines Forschungsreaktors in Originalgröße, der die Funktionsweise der Atomkraft erklärte. Zusätzlich wurden zahlreiche Modelle und Bilder präsentiert, die den Nutzen der Atomkraft in der Zukunft darstellten: Futuristisch geformte Autos, Flugzeuge, Raketen, aber auch ganze Städte, die durch die Kraft der Atome mit unerschöpflicher Energie versorgt wurden. Diese Ausstellungsstücke verknüpften inhaltlich wie auch ästhetisch Wissenschaftlichkeit, Fortschritt, Zukunftsutopien und Emotionen miteinander.

Im Falle Japans kam der medizinischen Nutzung der Kernspaltung große Aufmerksamkeit zu. Die USIA legte großen Wert darauf, dass beispielsweise Krebs – unter dem die hibakusha gehäuft litten – mit Strahlentherapie behandelt werden könne.

Atom for PeaceLinks ist der Eingangsbereich zu sehen, rechts ein beliebtes Exponat: Die eigentlich zur Handhabung von strahlendem Material gedachte Greifvorrichtung wurde hier verwendet, um Kalligraphie zu schreiben. ©Hiroshima Daigaku Heiwa Kagaku Kenkyū Sentā PurojekutoAtoms for PeaceDie Ausstellung bot nicht nur interessante Exponate, sondern auch ein modernes Design, wie hier in den USA. ©Nuclear Regulatory Commission / Flickr

Die japanischen Besucher gingen zwar kritisch in die Ausstellung – der dargestellte Nutzen der Atomkraft überzeugte sie aber durchaus von den Vorteilen dieser Form der Energiegewinnung. Auf diese Weise gelang es der Ausstellung, das Image der zivilen Nutzung von Kernspaltung von der militärischen abzukoppeln. Obwohl beide Einsatzmöglichkeiten hibakusha hervorbringen können, wurden zivile und militärische Nutzung der Atomkraft in Japan nun als zwei völlig verschiedene, gar entgegengesetzte Phänomene betrachtet.

Die Antiatomwaffenbewegung blieb zwar auch nach den Ausstellungen noch stark, konnte aber nicht mehr von einer Ablehnung der Atomkraft vereinnahmt werden. Sogar die hibakusha-Dachorganisation Nihon Hidankyō begrüßte im Anschluss an die Ausstellung die Einführung der Atomkraft und bezeichnete sie im Kontrast zur vernichtenden Energie der Atombomben sogar als „Lebensenergie“.

Erfolg der Atoms for Peace-Ausstellung

Die USIA ließ die Ausstellungen größtenteils von Gebern innerhalb ihrer lokalen Netzwerke finanzieren. In Japan leistete beispielsweise der Medienunternehmer Matsutarō Shōriki, dem zu diesem Zeitpunkt die auflagenstärkste Zeitung Japans, die Yomiuri Shinbun, gehörte, mit Zeitungs- und Radioberichten einen großen Beitrag zum Erfolg der Ausstellungen. In Hiroshima wiederum wurden Stadt und Präfektur von hibakusha-Verbänden kritisiert, die Ausstellung anstatt der Atombombenopfer zu unterstützen.

Die „Atoms for Peace“-Ausstellung verzeichnete in Japan mit insgesamt über zwei Millionen Besuchern großen Zulauf. In Hiroshima eröffnete die Ausstellung am 27. Mai 1956 auf dem Gelände des Friedensmuseums und registrierte über 100.000 Besucher in zwei Monaten.

Um die Arbeit der USIA in Japan bewerten zu können, ließ die US-Regierung durch die Botschaft in Tōkyō Umfragen durchführen. Im Januar 1956 waren 55% der Befragten für eine totale Abschaffung von Atomwaffen und lehnten verwandte Atomtechnologien gleichermaßen ab. Ein Jahr später, nach dem großen öffentlichen Zuspruch zur Ausstellung, war die Ablehnung unter den befragten Japanern auf 35% gesunken.

JRR-1 JapanSteuerungseinheit des Forschungsreaktors JRR-1.

Einführung der Atomkraft in Japan

Diese Veränderung der Stimmung in Japan konnten die USA nutzen, um mit der japanischen Regierung in Sachen Atomkraft zu kooperieren. Die japanische Regierung ließ den Forschungsreaktor JRR-1 aus den USA einführen, der im Juni 1957 fertiggestellt wurde und am 27. August 1957 zum ersten Mal in einen kritischen Zustand überging. Auch die Gründung verschiedener Organisationen wie des Japanischen Atomenergie-Forschungsinstituts (Nihon Genshiryoku Kenkyūjo) im Juni 1956 trug zur weiteren Etablierung der Atomkraft in Japan bei, die ohne den US-amerikanischen Einfluss in dieser Form nicht möglich gewesen wäre.

Briefmarke zum Forschungsreaktor JRR-1. ©Japanische Post
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Spezialkolumne

Wenn Männer und Frauen Freunde sind

Persönlich und interkulturell: Unsere Autorinnen berichten über Männer-Frauen-Freundschaften in Japan und Deutschland.

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