Doris Dörrie über Dämonen und Japan

Sina Arauner
Sina Arauner

Anfang März kam Doris Dörries jüngster Film „Kirschblüten und Dämonen“ in die Kinos. Mit JAPANDIGEST spricht die Regisseurin über den Protagonisten Karl, die Bedeutung von Geistern und darüber, welche Rolle Japan in ihrem Leben spielt. Hier das vollständige Interview.

Doris Dörrie
© Mathias Bothor

In „Kirschblüten und Dämonen“ knüpft Doris Dörrie an die Geschichte von „Kirschblüten Hanami“ (2008) an. Protagonist Karl (Golo Euler) hat sich nach dem Tod beider Eltern selbst aufgegeben und wird geplagt von den Dämonen seiner Vergangenheit. Von Frau und Tochter getrennt und seinen Geschwistern isoliert, ertränkt er seinen Kummer im Alkohol. Doch plötzlich taucht die junge Japanerin Yu (Irizuki Aya) vor seiner Haustür auf, mit der Karls Vater Rudi die letzten Tage vor seinem Tod in Japan verbracht hatte. Von diesem Besuch angestoßen, beginnt Karl sich mit der Beziehung zu seinen Eltern, den Problemen mit seinen Geschwistern und der Frage nach seiner eigenen Identität auseinanderzusetzen. Und auch Yu scheint ihre eigenen Geister mitzubringen.

Kirschblüten und Dämonen: Doris Dörries Geistergeschichte„Kirschblüten und Dämonen“ von Doris Dörrie ist eine deutsch-japanische Geistergeschichte. Der Film setzt „Kirschblüten – Hanami“ fort und l...26.03.2019

Karl und seine Dämonen

Der erste Teil begleitet Rudi nach dem Tod seiner Frau Trudi auf seine Reise nach Japan. Der zweite fokussiert sich auf das Nesthäkchen der Familie, Karl. Er habe schon im ersten Teil die größten Probleme von allen Kindern gehabt, sagt Dörrie. Er habe sich nicht von seiner Mutter trennen können, sei ihretwegen im ersten Teil nach Tōkyō gegangen – um sich von ihr zu distanzieren, aber auch, um ihren Lebenstraum zu erfüllen. Viel stärker als seine Geschwister scheint Karl mit der Beziehung zu seinen verstorbenen Eltern und seiner Vergangenheit zu kämpfen. Das Thema der Vergangenheitsbewältigung, im familiären wie auch historischen Kontext, verpackt Dörrie in einer Geistergeschichte. Mithilfe von Yu konfrontiert sich Karl mit seinen Dämonen und lernt, mit ihnen umzugehen. „Wir alle werden durch die Vergangenheit definiert, und Geister, die uns nicht in Ruhe lassen, sind eine Metapher dafür. Ob man tatsächlich an sie glaubt, oder sie nur als Metapher begreift, ist letzten Endes nicht entscheidend. Wichtig ist die Erkenntnis, dass die verdrängte, unverarbeitete Vergangenheit große Schatten auf die Gegenwart wirft, wenn man sich ihr nicht stellt“, erklärt Dörrie.

Doris Dörrie mit den Stars aus "Kirschblüten und Dämonen" Golo Euler und Irizuki Aya.
Doris Dörrie mit den Stars aus "Kirschblüten und Dämonen" Golo Euler und Irizuki Aya.

Doch die Dämonen im Film symbolisieren nicht nur die Vergangenheit. Sie verbinden zugleich Japan und Deutschland, genauer gesagt das Allgäu, wo der Film hauptsächlich spielt. Auch andere Details spiegeln den Blick, den Dörrie auf Japan hat, und mit dem sie eine liebevolle und authentische Kulisse für ihre Geschichte schafft. Die Regisseurin erzählt: „Ich wollte das Allgäu fotografieren wie einen Holzschnitt von Hiroshige und so eine ästhetische Brücke schlagen. Darüber hinaus gibt es viele Details wie den roten Teekessel als Hommage an Ozu Yasujirō oder die Berchtesgadener Perchten, die den Winter austreiben und aussehen wie japanische Dämonen.“

Doris Dörrie und Japan

Dass Japan in den Werken Dörries immer wieder eine zentrale Rolle spielt, kommt nicht von ungefähr. Über 30 Mal war Dörrie in Japan und hat jedes Mal eine andere Seite des Landes kennengelernt, so erzählt sie. Ähnlich wie ihre Filmcharaktere Rudi und Karl, habe auch sie immer die Erfahrung gemacht, von Japan beschützt und zärtlich bei der eigenen Identitätssuche begleitet zu werden. Immer gleich geblieben sei bei ihren Besuchen jedoch eins: die „große Aufmerksamkeit den Dingen und Menschen gegenüber, die etwas spezifisch Japanisches ist, das ich mir immer wieder versuche, abzuschauen und mit zurückzubringen.“

Doris Dörrie und Irizuki Aya am Set von "Kirschblüten und Dämonen".

Doch die Erfahrungen bei den Dreharbeiten in Japan waren nicht durchweg positiv. Das Team musste mit einer Hitzewelle, die im Sommer 2018 in Japan wütete, kämpfen. Insbesondere das Drehen in Räumen wurde zu einer Herausforderung, denn die geräuschvollen Klimaanlagen mussten zugunsten der Tonaufnahmen abgestellt werden. Lediglich der japanischen Grande Dame des Schauspiels, Kiki Kirin, die in die Rolle von Yus Großmutter schlüpfte (die letzte vor ihrem Tod im September 2018), schien die Hitze nichts anzuhaben. Dörrie selbst spricht jedoch noch von anderen Herausforderungen beim Dreh, die einen Schatten auf das sonst so positive Japanbild der Regisseurin werfen: „Der große Sexismus und Machismo in Japan stört mich sehr und ich habe immer wieder erlebt, wie Mitarbeiterinnen darunter zu leiden haben. Ich halte auch die Arbeitsethik für veränderungsbedürftig, weil sie nicht effizient ist, sondern sich gegen die Menschen richtet. Ich erlebe Japan immer mehr als ein tief erschöpftes Land.“

Doch nicht mehr nach Japan reisen, das kommt für Dörrie nicht in Frage. Mit jedem Film beschäftige sie sich mit anderen Aspekten, erzählt sie. Doch die durchlässige Weltsicht, die nicht auf Dualität aufgebaut ist, fasziniere sie besonders. Auch gebe es noch einige geografische Seiten an Japan zu entdecken: „Ich war noch nie in Hokkaidō… Ich halte es nicht lange aus, ohne wieder nach Japan zu reisen.“


Doris Dörrie (Männer, Grüße aus Fukushima) zählt zu den erfolgreichsten Filmemacherinnen Deutschlands. Die Regisseurin, Drehbuchautorin und Schriftstellerin verbindet seit Jahren eine enge Beziehung zu Japan, die sie auch filmisch immer wieder umsetzt. An der Hochschule für Film und Fernsehen München ist sie Professorin für Kreatives Schreiben.


Dieser Artikel wurde für die April 2019-Ausgabe des JAPANDIGEST verfasst und für die Veröffentlichung auf der Website nachbearbeitet.

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