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Das etwas andere Setsubun: Gute Dämonen in Yoshinoyama

Alena Eckelmann
Alena Eckelmann

Überall in Japan werden zu Setsubun die Dämonen aus dem Haus vertrieben, nur im Bergdorf Yoshinoyama ist es anders: Dort werden sie in das Haus eingeladen. Sind die Bewohner von diesem Dörfchen einfach japanische Querdenker oder warum haben sie ihre Dämonen so gern?

Yoshinoyama
Eine Gruppe von Dämonen vor dem Kinpusen-ji-Tempel in Yoshinoyama verschafft sich einen Überblick, über die Besucher. © Alena Eckelmann

Was bei uns wohl der Karneval oder Fasching ist, wird in Japan als Setsubun zelebriert. Es ist ein Fest, bei dem man das Ende des Winters und den Beginn des Frühlings feiert. Dabei wird hier wie dort ein Heidenspektakel veranstaltet, um den Winter und die bösen Geister zu vertreiben und den Frühling und das Glück willkommen zu heißen.

Gewöhnlich sieht man zu Setsubun in Japan mit Kostüm und Masken verkleidete Mitmenschen als Dämonen posieren. Während bei uns in Deutschland das ganze närrische Volk mit Verkleidung auftritt, sind es in Japan nur die Dämonen. Außerdem ist man in Japan mit dem Austreiben des Bösen etwas schneller, denn es dauert nur einen Tag und findet meist am 2. oder 3. Februar statt. Dagegen kämpft man in manchen Regionen Deutschlands einen halben Monat von Mitte Februar bis Anfang März gegen die Geister, oder vielleicht feiern wir ja auch nur gern?

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Raus mit den Oni, rein mit dem Glück

In Japan nennt man die Dämonen oni und für gewöhnlich will man diese nicht im Haus haben. Man wünscht sich fuku, oder Glück, für den neuen Jahreszyklus, der mit dem Frühling anfängt. Die Dämonen werden daher auf eine ganz eigene Art bekämpft, man bewirft sie nämlich mit Sojabohnen. Dieses mamemaki (Bohnenverstreuen) soll auf eine alte Geschichte zurückgehen, in der eine Frau mit gerösteten Sojabohnen die Geister erfolgreich in die Flucht geschlagen hatte.

Wenn bei uns das Helau, Alaaf und Ahoi erschallt, ist das Setsubun-Motto in Japan Oni wa soto, fuku wa uchi! (Dämonen raus, Glück rein). Es wird beim Werfen der Bohnen den Dämonen lautstark entgegen geschmettert.  

Yoshinoyama
Die Dämonen haben eine Musikveranstaltung im Sakuramotobō-Tempel in Yoshinoyama gestürmt und machen kräftig Stimmung. © Alena Eckelmann

Die Ausnahme: „Gute Oni“ in der Shugendō-Zentrale

In Yoshinoyama ruft man dagegen Fuku wa uchi, oni mo uchi (Glück rein, Dämonen auch rein), denn die Einheimischen dieses Bergdorfes in der Präfektur Nara nehmen an, dass die Oni nicht böse, sondern gut sind und man heißt sie daher zu Hause, in Restaurants, Herbergen und Tempeln willkommen.

Den Grund für diese verkehrte Welt findet man in der Geschichte von Yoshinoyama. Dazu muss man wissen, dass dieser Ort eine Hochburg des Shugendō ist. Das ist eine spirituelle Tradition, deren Anfänge bis ins 7. Jahrhundert zurückreichen sollen. Der Ur-Vater des Shugendō, ein Mann namens En-no-gyōja, soll in den Bergen um Yoshino aktiv gewesen sein. Er wird als eine Art wandernder Heiliger und Heiler mit übernatürlichen Kräften und magischen Fähigkeiten beschrieben und auch heute noch von den Shugendō-Anhängern verehrt, wovon es in Yoshinoyama viele gibt. 

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En-no-gyōja Statue
En-no-gyōja, mit Zenki und Goki an seiner Seite, am Sakuramotobō-Tempel in Yoshinoyama. © Alena Eckelmann

Es ranken sich viele Legenden um En-no-gyōja. Eine handelt davon, wie er ein in den Bergen lebendes böses Dämonenpaar namens Zenki und Goki gezähmt haben soll. Zenki und Goki entschuldigten sich für ihre Missetaten, wurden „gute Dämonen“ und dienten fortan ihrem Meister. Die Nachfahren der bekehrten Dämonen halfen auch anderen Praktizierenden der Shugendō-Tradition und werden in Bildern und Statuen oft zur Rechten und Linken von En-no-gyōja dargestellt. Zenki trägt eine eiserne Axt und Goki eine Flasche mit Wunderwasser. Sie halfen ihrem Meister bei seinen Pilgerreisen durch die Berge und Wälder der Kii-Halbinsel.

Oni-Volksfest in Yoshinoyama

Am Vorabend des Setsubun macht eine oni-Schar das Bergdorf unsicher. Sie treiben sich nicht nur auf der Straße herum, sondern scheuen sich auch nicht davor, in Häuser einzudringen und die dort lebenden Dorfbewohner in Angst und Schrecken zu versetzen. Die Erwachsenen kennen die Nachbarn im Dämonenkostüm und Maske natürlich, aber den Kindern fährt die Angst durch die Glieder. 

Oni machen die Straßen von Yoshinoyama unsicher. © Alena Eckelmann

In den letzten Jahren fand man sich an diesem Abend vor dem Zao-dō, der Haupthalle des Kinpusen-ji-Tempels, ein, um sich ein Taiko-Konzert (japanische Trommel) anzuschauen. Der Kinpusen-ji ist einer der Haupttempel in der Shugendō-Tradition und der größte Tempel in Yoshinoyama. Das gewaltige hölzerne Tempelgebäude des Zao-dō bildet eine fantastische Kulisse für die Aufführung.

Im Februar ist es empfindlich kalt, aber der Taiko-Trommler ist bis auf einen Lendenschurz unbekleidet und die Schweißperlen rinnen ihm wie Bäche herunter, als er die mächtige ōtaiko (große Trommel) mit seinen kräftigen Schlägen zum Dröhnen bringt. Das treibt doch bestimmt jeden bösen Geist aus.

Sie lassen sich auch gern mal von dem Besitzer einer Kneipe mit Bier verwöhnen, drohen aber immer noch. © Alena Eckelmann

Manch einer unter den Erwachsenen hatte sich zuvor in einer „oni-Bar“ mit einem Getränk und Snack gestärkt. Die kulinarische Spezialität von Yoshinoyama ist zwar Kuzu Mochi, eine Süßigkeit hergestellt aus Kuzu (ein japanisches Bohnenkraut), aber an diesem Abend wird wohl doch lieber etwa Deftiges genossen.

Danach tanzen alle Oni vor der großen Zao-dō Tempelhalle einen oni odori (Dämonen-Tanz), der aufmerksam von den Shugendō-Mönchen des Tempels beobachtet wird. Sie wollen sich vergewissern, ob die oni immer noch gute Dämonen sind, und ganz in der Tradition von Zenki und Goki, den Menschen helfen und Glück bringen.

Die einzige Straße durch Yoshinoyama ist heute mit Laternen beleuchtet. So sieht man die Dämonen besser kommen. © Alena Eckelmann

Am nächsten Tag, dem 3. Februar, gibt es eine Feuerzeremonie (goma), die der rituellen Reinigung dient und auch eine Petition an die Shugendō-Gottheiten ist, um die Menschen im neuen Jahr vor Gefahren zu beschützen und ihre Wünsche zu erfüllen.

Den Taiko-Trommlern ist nicht kalt bei ihrer Aufführung vor der Zao-dō-Halle. © Alena Eckelmann
Die Shugendō-Mönche sind bereit für die Austreibung der bösen Geister. Jetzt muss nur noch das große Feuer entzündet werden. © Alena Eckelmann

Bohnendusche und Tombola

Dann findet auch hier endlich das mamemaki, die Bohnenwurfzeremonie, statt. Dabei stehen die örtlichen Prominenten, wie Vertreter vom Rathaus und Geschäftsleute zusammen mit einigen Mönchen, auf einer erhöhten Bühne vor dem Tempel und bewerfen die Menschen mit Sojabohnen, fein säuberlich verpackt in kleine Tütchen, und außerdem einer Unmenge von Süßigkeiten.

Das Ziel dieser Bohnendusche ist auch hier, alles Schlechte zu vertreiben und Gutes willkommen zu heißen. Der eine oder andere findet in den Bohnentütchen einen Zettel mit einer Nummer. Das ist Teil einer Tombola: Wer eine dieser Glückszahlen unter den Bohnen findet, hat einen Preis gewonnen, den er sich in einem Zelt am Tempel abholen kann. Die beliebtesten Preise sind große Sake-Flaschen der örtlichen Brauerei.

Es kehrt wieder Ruhe ein in Yoshinoyama und es schneit. Der Frühling läßt wohl doch noch auf sich warten. Im Hintergrund sieht man die große Zao-dō-Halle des Kimpusen-ji-Tempels. © Alena Eckelmann

Wer nichts gewinnt, kann immer noch die gerösteten Sojabohnen knabbern und sich damit trösten, dass die guten oni von Yoshinoyama bis zum nächsten Jahr zu Setsubun ein wachsames Auge auf die Bewohner und Gäste der Ortschaft haben.

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