Yosakoi-Festivals in Japan – Wie ein neuer Tanz das Land eroberte

Sabrina Isenberg
Sabrina Isenberg

Wenn die Regenzeit endet und sich die Sommerhitze im August über Japan legt, ist es wieder soweit – der Klang von Musik erfüllt die Straßen während der alljährlich stattfindenden Yosakoi-Festivals. Was hat es mit diesem Tanzstil auf sich?

Yosakoi vor der Kulisse des Heian-Schreins in Kyōto © Kyōen Sodefure! Shibuyō

Auf Reisende, die in Japan ahnungslos in ein Yosakoi-Festival hineingeraten, mag die Szenerie im ersten Moment eine unkontrollierbare Flut an Eindrücken sein – das Klappern von hölzernen Instrumenten verschmilzt mit einer Musik, die eine Brücke zwischen traditionellen und modernen Klängen schlägt. Die Tänzer bewegen sich mit einer schier unermüdlichen Energie in ihren bunten Kostümen, ihre Rufe hallen durch die Straßen und Schirme und Flaggen werden geschwungen. Auf den ersten Blick mag Yosakoi spielerisch leicht aussehen, doch die Vorbereitung ist mit vielen schweißtreibenden Übungsstunden verbunden, denn all das kreieren die einzelnen Teams über mehrere Monate hinweg selbst – von der Musik über das Design der Kostüme bis hin zu der Choreografie.

Die historischen Ursprünge

Was sich bis heute zu einem großen Spektakel mit unzähligen Festivals in ganz Japan ausgebreitet hat, nahm seinen Anfang in der Präfektur Kōchi auf Japans kleinster Hauptinsel Shikoku. Im Jahr 1954 fand hier zum ersten Mal das Kōchi Yosakoi Festival statt. Yosakoi selbst soll sich aus dem traditionellen Tanz Awa Odori, der wiederum in der benachbarten Präfektur Tokushima entstanden ist, entwickelt haben.  

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Die Regeln des Yosakoi-Tanzes

Grundsätzlich folgt Yosakoi drei Regeln. Beim Kōchi Yosakoi Festival sind sie beispielsweise die Voraussetzung zur Teilnahme.

  • Die Teams müssen naruko im Tanz verwenden.
  • Die Musik muss Ausschnitte aus dem Stück „Yosakoi Naruko Dancing“ von Takemasa Eisaku enthalten.
  • Ein Team darf höchstens aus 150 Tänzern bestehen.

Neben diesen Vorgaben bleibt die Gestaltung des Tanzes jedem Team vollkommen selbst überlassen. Gerade deswegen erfreut sich Yosakoi enormer Beliebtheit: Unter der Einhaltung weniger Regeln können die Mitglieder ihre Kreativität ausleben und eine eigene, einzigartige Choreografie entwickeln.

„Sakura YOSAKOI“ in Tomioka (Präfektur Fukushima)
Yosakoi unter den blühenden Kirschbäumen in der Stadt Tomioka. Das Festival findet seit 2001 im Bezirk Yonomori statt, konnte nach der Atomkatastrophe von Fukushima aber erst im Jahr 2017 fortgeführt werden. © さくらYOSAKOI 天花

Naruko, tabi & Co.: Was braucht man zum Tanzen?

Tatsächlich sind auch die oben genannten Regeln abhängig vom Yosakoi-Festival nicht unbedingt verpflichtend. Generell nutzen die meisten Gruppen naruko – hölzerne Instrumente, die beim Tanzen in beiden Händen gehalten werden und vom Klang her an Kastagnetten erinnern. Die Teams eines größeren studentischen Yosakoi-Netzwerkes in Kyōto verwenden hingegen sogenannte yottsutake, die aus vier Bambushölzern bestehen und beim Aufeinanderschlagen ein vergleichbares Geräusch erzeugen.

Naruko
Die traditionelle naruko-Variante in rot, schwarz und gelb. Viele Teams passen die Farben der Instrumente aber ihren Kostümen an.

Daneben ist die richtige Kleidung ein wichtiger Bestandteil der Choreografie, da sie das im Tanz verarbeitete Thema unterstreicht. Viele Tänze erzählen Geschichten, die auf lokalen Sagen, Mythen oder wahren historischen Begebenheiten basieren. Die Kostüme (ishō) sind an traditionelle japanische Kleidungsstücke wie Kimono, Yukata oder Hakama angelehnt. Dazu tragen die Tänzer meist schwarze oder weiße tabi, leichte Schuhe mit Zehentrennung. Viele Teams verwenden zudem Requisiten wie Schirme, Fächer und Flaggen.

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Für einen erfolgreichen Auftritt ist die richtige Abstimmung dieser Komponenten entscheidend, aber noch viel wichtiger ist die besondere Energie, welche die Tänzer an ihr Publikum weitergeben wollen, um einen bleibenden emotionalen Eindruck zu hinterlassen. Für einen eindrucksvollen Effekt kann ein Kostümwechsel (ishōgae) beim Tanzen sorgen. Der ishō besteht in diesem Fall aus mehreren verschiedenfarbigen Schichten, die in einer schnellen Bewegung abgestreift werden können.

Yosakoi-Tanz
Tänzer in einer Yosakoi-Parade mit auffallenden Kostümen und naruko in beiden Händen.

Die Yosakoi-Festivals

Die Festivals sind unumstritten der Höhepunkt des Yosakoi-Tanzes. Jedes Team kreiert in der Regel einen Original-Tanz pro Jahr, der meistens mit Beginn der neuen Festival-Saison im Sommer für die kommenden Monate aufgeführt wird. Viele Teams finden sich an japanischen Universitäten zusammen, doch es gibt auch solche für Erwachsene oder gemischte Altersklassen. Mittlerweile finden größere und kleinere Festivals ganzjährig in nahezu allen Teilen des Landes statt.

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Auf den Festivals gibt es verschiedene Veranstaltungsorte, die über die gesamte Stadt oder ein begrenztes Gelände verteilt sind. Die Tänze werden entweder in einer festen Formation auf der Bühne oder in Paradenform aufgeführt. Viele Festivals sind mit einem Wettbewerb verknüpft, der auf der Hauptbühne ausgetragen wird. Als Hauptpreis winkt der sogenannte taishō, der mit einem Gesamtgewinn des Festivals gleichsetzbar ist.

Sakura Yosakoi in Kyōto
Tänzerinnen bei ihrem Auftritt auf dem Kyōto Sakura Yosakoi im Frühling. © Hideki Ishibashi

Wer bei einer Reise nach Japan die Gelegenheit hat, sollte sich die besondere Atmosphäre der Yosakoi-Festivals vor Ort auf keinen Fall entgehen lassen.

Eine Auswahl an großen Veranstaltungen finden Sie hier:

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