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Irezumi: Die traditionelle japanische Tattoo-Kunst

Diana Casanova
Diana Casanova

Japanische Motive erobern seit Jahren die internationale Tattoo-Branche. Traditionelle Tätowierungen gibt es in Japan bereits seit Jahrhunderten – doch sie und ihre Träger:innen sind dort mit vielen Vorurteilen belastet. Wir erklären die Irezumi-Kunst kurz und knapp.

Ein tätowierter Japaner um 1880 (Foto von Kusakabe Kimbei).
Ein tätowierter Japaner um 1880 (Foto von Kusakabe Kimbei). © J Marshall - Tribaleye Images / Alamy Stock Photo

Tätowierungen haben in Japan eine lange Tradition, die ältesten Nachweise reichen tausende Jahre zurück. So tätowierten sich schon Mädchen und junge Frauen des indigenen Ainu-Volkes im hohen Norden Hokkaidōs in rituellen Zeremonien Arme, Gesichter und Münder mit breiten Linien oder Punkten mit einer Lösung aus Wasser und Birkenrinde.

Die „moderne“ japanische Tattoo-Kunst hat ihren Ursprung jedoch in der Holzschnittkunst, vermutlich im 14. Jahrhundert mit dem Erscheinen des chinesischen Romanklassikers „Suikoden“. Als Holzschnitte gefertigte Illustrationen der Heldengeschichte oder von mythischen Tieren dienten als Vorlage für die ersten sogenannten irezumi-Tattoos. Irezumi bedeutet wörtlich „Tinte einbringen“: Holzschnittkünstler übertrugen ihre Motive mit angespitzten Bambusstäben, später auch mit Metall- oder Elfenbeinnadeln, sowie Kohlefarbe in die Haut. Einst trug die japanische Elite irezumi-Tattoos als Statussymbol, Feuerwehrleute sahen in ihnen Glücksbringer und spirituelle Unterstützung bei ihrer gefährlichen Arbeit.

Ainu-Frau mit Tätowierungen 1962
1962 auf Hokkaidō: Eine ältere Ainu-Frau zeigt ihre traditionellen Tätowierungen an Arm und Mund. © Michele and Tom Grimm / Alamy Stock Photo

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Tattoos als Brandmarkung

Zu Beginn der Edo-Zeit (1603-1868) waren sie besonders bei einfachen Arbeitern und Prostituierten beliebt, aber sie dienten auch zur Brandmarkung von Verbrechern. So entstand erstmals die Verbindung von Tattoos mit Kriminalität – sie wurden zu etwas, das „anständige“ Bürgerinnen und Bürger vermeiden sollten. Aus dieser Gruppe Krimineller würden sich im Übrigen die Yakuza herausbilden, jene kriminelle Organisationen, die großflächige Tätowierungen als stolzen Ausdruck ihrer Gruppenzugehörigkeit tragen.

Im Bestreben das Bild Japans gegenüber dem Westen zu verbessern, verbot die Regierung in den 1870ern die irezumi-Kunst, was erst 1948 durch die amerikanischen Besatzungskräfte wieder aufgehoben wurde – das negative Image von Tätowierungen sowie ihre Assoziation mit den Yakuza in der Gesellschaft hält sich jedoch hartnäckig. So ist z. B. bis heute der Eintritt tätowierter Personen in vielen öffentlichen Bädern Japans verboten.

Ein tätowierter Japaner um 1880 (Foto von Kusakabe Kimbei).
Ein tätowierter Japaner um 1880 (Foto von Kusakabe Kimbei). © J Marshall - Tribaleye Images / Alamy Stock Photo

Aufbrechen von Vorurteilen

Allerdings ist allmählich eine Veränderung mit dem Umgang von Tattoos und deren Vorurteilen zu beobachten, nicht zuletzt aufgrund der steigenden Zahl ausländischer tätowierter Touristen, der Globalisierung traditioneller irezumi-Motive sowie der größer werdenden Beliebtheit von Tattoos als Kunst- und Ausdrucksform in der japanischen Jugend.

Beim irezumi sind vor allem Figuren aus der Ukiyo-e-Kunst und Heldensagen, aber auch religiöse Motive gängig. Auch beliebt sind Tiere der japanischen Mythologie, denen eine positive Eigenschaft zugesprochen wird, wie etwa Drachen, Tiger oder Koi-Karpfen. Ebenso sind oni-Dämonen und florale Muster wie die Kirschblüte wiederkehrende Motive.

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Dieser Artikel erschien in gekürzter Form in der JAPANDIGEST April 2023-Printausgabe und wurde für die Veröffentlichung auf der Website nachbearbeitet.

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