Florales irezumi: Blumenmotive im japanischen Tattoo

Yasemin Besir
Yasemin Besir

Japanische Tattoos oder irezumi sind eine traditionsreiche Kunst, die sich seit ihrem Ursprung in der Holzschnittkunst vieler mythologischer Symbole bedient. Dort fanden auch dekorative Blumen- und Blütenmotive Anklang. Wir erklären die Symbolik hinter Kirschblüten, Pfingstrosen und anderen typischen Tattoo-Motiven.

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Nicht ganz schmerzfrei, aber am Ende des Leids wartet ein wahres Meisterwerk.
Nicht ganz schmerzfrei, aber am Ende der Qual wartet ein wahres Meisterwerk. ©Mbragion on Pixabay

Die traditionelle irezumi-Kunst aus Japan ist bereits seit Jahrhunderten ein bedeutender Aspekt japanischer Kultur und Bräuche. Besonders die Yakuza wird oft mit Tattoos in Assoziation gebracht, weshalb sie bei der japanischen Bevölkerung stets auf Ablehnung stoßen, auch wenn es immer mehr nicht-kriminelle Jugendliche sind, die sich für eine Tätowierung entscheiden.

Die Motive reichen von stolzen Drachen und Tigern bis hin zu bunt schillernden Fischen und aus Flammen emporsteigenden Phönixen. Die symbolische Bedeutung hinter diesen beliebten irezumi-Motiven haben wir hier bereits aufgedeckt. Doch auch florale Inspiration fließt in die Körperkunst mit ein. Ursprünglich wurden Blüten und Blätter im traditionellen ukiyo-e (Holzschnittkunst) abgebildet, von wo sie bald ihren Weg in die Abbildungen des irezumi fanden. Hier eine kurze Übersicht über die gängigsten Blumenmotive und für welche Werte und Symbole sie stehen.

Kirschblüte (sakura)

Kurzlebigkeit, Sterblichkeit, Schönheit, Japan

Um die Bedeutung der Kirschblüte für die japanische Kultur zu begreifen, braucht es nicht viel. Ihre ephemere Natur und ihre sehr kurze Blütezeit symbolisieren die Flüchtigkeit des Lebens selbst.

Die flüchtige Schönheit der Kirschblüte.Mono no aware: Die sanfte Empfindsamkeit des UnbeständigenDie japanische Mentalität und Philosophie ist eine ganz besondere. In Japan gibt es eine regelrechte Kunst, mit der Flüchtigkeit des Lebens...28.07.2018

Jedes Jahr zu Beginn des Frühlings trifft man sich mit Familie und Freunden zum hanami und würdigt die Schönheit der berühmten, japanischen Kirschblüte – ein Symbol für Japan. Schon bald fallen die Blüten zu Boden und werden von Wind und Regen davongetragen, weshalb es umso wertvoller ist, sie zu betrachten und die Erinnerung an ihre Schönheit und ihre Kurzlebigkeit zu verinnerlichen. Diese Zartheit und Zerbrechlichkeit steht auch für die der menschlichen Existenz und den Pfad im Leben, der uns allmählich in den unvermeidlichen Tod führt.

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Wie viele Blumen in der irezumi-Kunst erscheinen auch Kirschblüten selten allein. Ohnehin ist es in der japanischen Tattoo-Symbolik vor allem die Kombination von mythologischen Wesen und traditionellen Motiven aus der Botanik, die ein vollkommenes Tattoo-Ensemble ausmachen, und nicht die isolierte Darstellung einzelner Bilder. In lebhaften Weiß- oder Rosatönen wird die vergleichsweise kleine Blume oft in ihrer wesentlichsten Form dargestellt: im Wind, der sie mit sich trägt, auf sanften Wellen ruhiger Gewässer und gemeinsam mit anderen Sinnbildern des Frühlings.

Pfingstrose (botan)

Eleganz, Wohlstand

Entgegen ihrer zierlichen Schönheit wird die Pfingstrose in Japan als der König der Blumen bezeichnet und symbolisiert als solcher eine maskuline, sorglose Gesinnung und eine wagemutige Seele. Sie steht jedoch auch für Wohlstand und erhabene Eleganz und wurde dank ihrer grazilen Erscheinung oft als die „Rose ohne Dornen“ bezeichnet. Ihren angesehenen Ruf erlangte sie, als man sie in kaiserlichen Gärten in China pflanzte, bevor sie auf ihrer Reise durch ganz Asien zu einem japanischen Symbol des traditionellen Holzschnittes und später der irezumi-Kunst wurde.

In der japanischen Tattoo-Kunst wird sie vor allem in einem tiefen Rot und in Kombination mit beschützenden Wächterlöwen, aber auch anderen mythologischen Figuren abgebildet. Ihre üppigen, gelappten Blüten und die Vielzahl der Farben machen sie zu einem perfekten Objekt für Tätowier-Kunst.

Chrysantheme (kiku)

Perfektion, Glück, Langlebigkeit, Kaiser

Während die Kirschblüte ein Symbol für den Frühling ist, blüht die Chrysantheme im Herbst. Der Herbst ist eine Zeit der Ruhe und Fülle, die einer reichen Ernte folgen, aber auch des Wandels von Leben zum Tod, wenn die Blätter der Bäume sich färben und allmählich schwinden. Deshalb wird ihr auch die Fähigkeit zugeschrieben, zwischen Leben und Tod, und Himmel und Erde zu stehen. Im chinesischen Taoismus ist die Chrysantheme ein Symbol für Einfachheit und Perfektion. Sie steht außerdem für Langlebigkeit und Glück, weshalb sie auch ein Sinnbild der japanischen Kaiserfamilie ist. Der kaiserliche Thron wird oft als Chrysanthementhron bezeichnet und das Siegel des Kaisers stellt ebenfalls eine Chrysantheme dar. Der Mittelpunkt der Blume repräsentiert den sozialen Status des Kaisers, der ebenfalls als Mitte aller Dinge betrachtet wird. So sind langes Leben und Freude Kennzeichen sowohl der Blume als auch eines würdigen Herrschers. In Japan gibt es sogar das nationale Chrysanthemen-Fest, was auch als das Festival des Glücks bekannt ist.

Es gibt viele verschiedene Chrysanthemen-Arten auf der Welt, doch die im japanischen irezumi am häufigsten abgebildete ist meist groß mit zahlreichen schmalen, geschwungenen Blüten, die wie Flammen vom Zentrum emporstrahlen. Überhaupt wird sie dank ihrer runden, symmetrischen Form gerne mit der Sonne assoziiert. Abgebildet wird sie vor allem in Kombination mit anderen Motiven wie etwa Drachen, die gemeinsam ein großflächiges, intrikates Tattoo bilden. Im irezumi gilt dieselbe Dichotomie wie in der Natursymbolik: Kirschblüten symbolisieren als ephemere Frühlingsblumen die Flüchtigkeit und leuchtende Schönheit unseres kurzen Lebens. Chrysanthemen sind dagegen Blumen des Herbstes und der Fülle, weshalb sie nicht nur ein langes, sondern ein volles und glückliches Leben repräsentieren.

Lotus (hasu)

Weisheit, Erleuchtung, Lebenszyklus

Der Lotus steht nicht nur in Japan in enger Verbindung mit dem Buddhismus. In vielen anderen Ländern Asiens, wo die buddhistischen Lehren verbreitet wurden, symbolisiert er spirituelle Erweckung und die Anstrengungen, die man im Leben bewältigt. Diese Symbolik hat ihren Ursprung in der botanischen Entwicklung der Blume: Sie beginnt ihr Leben am schlammigen Grund eines trüben Gewässers und steigt allmählich an die Oberfläche, um ihre Blüten entfalten zu können. Kein Wunder also, dass der Lotus in der Bildsprache des irezumi für eine metaphorische Reise durch die gewissermaßen schmutzigen, fordernden Abschnitte des Lebens steht, deren Überwindung mit einer höheren Existenzebene und Erleuchtung belohnt wird.

Die prachtvolle, beinahe mystische Blume wird oft in verschiedenen Farben für jeweils unterschiedliche repräsentative Zwecke und in Kombination mit schillernden Koi-Tattoos abgebildet. Auch in der Natur findet man die Beiden häufig im selben Teich, der ästhetische Einklang auf der Haut ahmt tatsächlich den natürlichen Einklang in der Realität nach. Neben seiner religiösen Wichtigkeit für den beschwerlichen Pfad der Erleuchtung, repräsentiert der Lotus auch Weisheit, Eleganz, Wandel und – dank seiner Fähigkeit, Schmutz von sich zu weisen – Reinheit. Wer seine Augen einer spirituellen Wahrheit und dem Sinn des Lebens öffnen will oder bereits Erleuchtung erfahren hat, kann mit diesem symbolischen Motiv seine geistige und seelische Erkenntnis zum Ausdruck bringen.

Ahorn (momiji)

Zeit, Wechsel, Leben und Tod

Rot leuchtende Ahornblätter sind ein beliebtes Motiv in der irezumi-Kunst und symbolisieren vor allem den Verlauf der Zeit und den Wind. Üblicherweise werden die Blätter als im Wind wehende oder auf dem Wasser treibende Bilder dargestellt, häufig auch als Hintergrundmotive. Die im Wandel der Jahreszeiten wechselnden Farben des Ahorns stehen auch für den Lebenszyklus des Menschen selbst.

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Ahornblätter sind darüber hinaus wirkungsvolle Symbole für Wiedererwachen, angesichts der Tatsache, dass sie die erprobenden Jahreszeiten durchwechseln und ihren Strapazen standhalten, um bald schon mit neuem Leben zurückzukehren. Frühling, Sommer, Herbst und Winter erinnern uns an den Kreislauf allen Lebens und den letztendlichen Tod. Schon Dichter und Maler verloren sich in den Parallelen eines fast kahlen Ahornbaums zu dem sich seinem Ende neigenden Leben des Menschen. Ein sterbender Baum, der im kühlen Herbst sein letztes Blatt verliert, das vom spätjährlichen Wind davongetragen wird. In Japan sind die purpurnen Ahornblätter außerdem ein Symbol für zwei Liebende.


Egal um welche Blume es sich handelt: Blütenmotive im irezumi repräsentieren die Überzeugungen, Sehnsüchte und positiven Charakterzüge des Trägers. Eine offensive, aggressive Persönlichkeit mit Blumen zu bezeichnen ist sehr unüblich. Vielmehr reflektieren sie die lebensbejahenden, positiven Aspekte des Lebens. Nebst den oben genannten Motiven gibt es übrigens noch die weniger häufigen Darstellungen von Rosen, die für Balance, ewige Liebe oder einen Neuanfang stehen und mit deutlich sichtbaren Dornen Verlust, aber auch Verteidigung symbolisieren, Orchideen bedeuten Tapferkeit und Stärke, während der Hibiskus Zärtlichkeit ausdrückt. Im Garten des irezumi wachsen nur zu viele Blumen, die je nach Farbe und Form die verschiedensten Optionen für die schönsten Entwürfe liefern. Unter die Haut gezeichnet blühen sie ein Leben lang und erzählen die Geschichte eines Menschen.

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