Naruto im Beethoven-Fieber

Franziska Neugebauer
Franziska Neugebauer

Die Stadt Naruto in Tokushima ist berühmt für ihre Gezeitenstrudel und ihre Liebe zu Beethovens 9. Sinfonie. Von dort ausgehend pulsiert diese Liebe durch ganz Japan. Warum eigentlich?

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Freilichtaufführung vor dem Deutschen Haus – Gedenkstätte und Ausstellungsraum für die historischen Zeugnisse der deutsch-japanischen Beziehungen in Naruto.
Freilichtaufführung vor dem Deutschen Haus – Gedenkstätte und Ausstellungsraum für die historischen Zeugnisse der deutsch-japanischen Beziehungen in Naruto.

Zum Jahresende kommt man in Japan nicht umhin, der 9. Sinfonie an jeder Ecke zu begegnen. Das berühmte Stück von Ludwig van Beethoven spielt im ganzen Land eine so wichtige Rolle, dass viele Japaner nicht nur die Melodie, sondern auch den deutschen Text kennen. Einheimische Konzerte folgen häufig dem Anspruch, die in Japan als Daiku („Die Neunte“ 第九) liebevoll abgekürzte 9. Sinfonie in Originalsprache aufzuführen. Das führt dazu, dass tausende Japaner den deutschen Text der „Ode an die Freude“ singen können, ohne je die deutsche Sprache erlernt zu haben. Das wohl bekannteste Konzert findet seit 1983 jedes Jahr am ersten Sonntag im Dezember mit 10.000 Sängerinnen und Sängern in Ōsaka statt.

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Übertroffen wird diese japanische Hingabe zur Daiku wohl nur noch in der Stadt Naruto, dem nordöstlichen Eingangstor zur Insel Shikoku. Sie ist berühmt für ihre Gezeitenstrudel. In keiner anderen japanischen Stadt ertönt jeden Tag um Punkt 18 Uhr im gesamten Stadtgebiet aus öffentlichen Lautsprechern die Melodie der Neunten. Nirgendwo sonst werden Besucher an der örtlichen Fernbushaltestelle von der „Ode an die Freude“ in Empfang genommen. Hier lernen bereits Kinder im Kindergarten den deutschen Liedtext auswendig.

Naruto befindet sich im Beethoven-Fieber und das hat seinen Grund. Denn Naruto rühmt sich damit, asienweit die Heimstät­te der Neunten zu sein: Am 1. Juni 1918 führten deutsche Soldaten, die im hiesi­gen Kriegsgefangenenlager Bandō inhaf­tiert waren, die 9. Sinfonie nicht nur in Japan, sondern in ganz Asien zum ersten Mal auf.

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Programmhefte, Postkarten und weitere Materialien aus der Zeit des Ersten Welt­kriegs, die im Deutschen Haus Naruto aufbewahrt werden, zeugen von dieser Geschichte. Ein Ausstellungsbereich er­innert außerdem an den Austausch auf kultureller, wirtschaftlicher und musika­lischer Ebene, der sich zwischen Soldaten und den Anwohnern rund um das damali­ge Lager entwickelte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieser Austausch mit Deutschland wiederbelebt. Er dient der spezifischen Liebe zur 9. Sinfonie in Na­ruto seitdem als Katalysator.

 „Die Neunte” in Naruto

Seit 1982 wird hier in Anlehnung an die asienweite Erstaufführung jedes Jahr am ersten Sonntag im Juni in der Konzert­halle der Stadt die 9. Sinfonie aufgeführt. Rekrutierte sich der Chor für diese Auf­führungen zunächst nur aus Bürgerinnen und Bürgern von Naruto, ziehen die Ver­anstaltungen mittlerweile Chöre aus ganz Japan, den USA, China und der Hanse­stadt Lüneburg an.

Ermöglicht wurde diese Entwicklung durch das beherzte Engagement einer Anwohnerin von Naruto namens Ta­kahashi Harue. Diese entdeckte zufällig beim Brennholzsammeln einen mit Ge­strüpp überwucherten Gedenkstein und übernahm dessen Pflege. Durch regionale Medienberichte darauf aufmerksam ge­worden, besuchte der damalige westdeut­sche Botschafter im Oktober 1960 Na­ruto und legte Blumen am Gedenkstein nieder. Nach 40 Jahren des Stillstands lebten die Beziehungen zwischen Na­ruto und Deutschland wieder auf. Nach und nach trafen Briefe, Dankesschreiben sowie Sach- und Geldspenden von ehe­maligen deutschen Kriegsgefangenen in Naruto ein und Rufe nach einer passen­den Gedenkstätte für diese Geschichte der deutsch-japanischen Beziehungen wurden laut.

Nachfahren der deutschen Kriegsgefangenen trafen vor dem Gedenkstein der deutschen Soldaten in Bandō auf den Sohn von Takahashi Harue.
Nachfahren der deutschen Kriegsgefangenen trafen vor dem Gedenkstein der deutschen Soldaten in Bandō auf den Sohn von Takahashi Harue.

1972 wurde schließlich ein erstes Deut­sches Haus im Fachwerkstil errichtet, das mit seiner Ausstellung zu Bandō 20 Jahre lang als Basis des deutsch-japanischen Austauschs der Stadt Naruto diente, bis es 1993 von einem größeren Neubau ersetzt wurde. Verbunden über den Salzhandel und eine ähnliche Bevölkerungsstruk­tur gingen Naruto und die Hansestadt Lüneburg 1974 eine Städtepartnerschaft ein. Seither besuchen sich Freundschafts­delegationen aus beiden Städten unun­terbrochen im jährlichen Wechsel – eine intensiv gepflegte Freundschaft, die bei­spiellos im Reigen der deutsch-japani­schen Städtepartnerschaften ist. Sie trägt zur sukzessiven Internationalisierung der Aufführungsreihen der 9. Sinfonie bei. In den Jahren 2001, 2003, 2008 und 2017 wurden drei Ablegerkonzerte in Deutsch­land und eines in China ausgerichtet.

Das 100-jährige Jubiläum

Das Jahr 2018 markierte schließlich das 100-jährige Jubiläum der asienweiten Erstaufführung und wurde in Naruto vom 1. bis zum 3. Juni 2018 mit einer dreitä­gigen Konzertreihe gefeiert: Den Auftakt machte eine Freilichtaufführung auf dem Vorplatz des Deutschen Hauses, bei der in Anlehnung an das historische Vorbild nur Männer im Chor mitsangen. Denn auch die deutschen Kriegsgefangenen hatten zu ihrer Zeit auf Frauenstimmen verzichten müssen.

Das traditionelle Konzert in der Kon­zerthalle wurde aufgrund der großen Nachfrage kurzerhand auf zwei Auffüh­rungen an zwei aufeinanderfolgenden Tagen ausgedehnt, die unter großer in­ternationaler Beteiligung mit insgesamt über 1.200 Mitwirkenden verwirklicht wurden. Getreu dem berühmten Liedvers „Alle Menschen werden Brüder“ kamen bei der Aftershowparty Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konzerte mit den Nachfahren der deutschen Kriegsgefan­genen zusammen, die auf Einladung der Stadt Naruto angereist waren. Eine Ge­schichte, die als Feindschaft im Kriege ihren Anfang genommen hat, wird als Geschichte des Friedens und der Freund­schaft fortgeschrieben.

Über 1.200 Chorsänger und -sängerinnen aus Japan Deutschland, China und den USA versammelten sich für das Jubiläumskonzert in der Kulturhalle Naruto.
Über 1.200 Chorsänger und -sängerinnen aus Japan Deutschland, China und den USA versammelten sich für das Jubiläumskonzert in der Kulturhalle Naruto.

Musikalischer Kulturaustausch

Eine solche Geschichte besitzt eine Kraft, die über die Stadtgrenzen von Na­ruto hinauswirkt. Das besagte Beetho­ven-Fieber beschränkt sich schon längst nicht mehr nur auf Naruto, sondern hat die gesamte Präfektur Tokushima erfasst. Ausgehend von den historischen Wurzeln des Kriegsgefangenenlagers Bandō und der bereits bestehenden Städtepartner­schaft zwischen Naruto und Lüneburg entstand 2007 eine Regionalpartnerschaft zwischen Tokushima und Niedersachsen.Seitdem werden in verschiedenen Berei­chen wie Wissenschaft, Kultur, Sport und Bildung diverse Austauschprojekte vor­angetrieben. Partnerschulen haben sich gefunden und die Beziehungen vertie­fen sich Jahr für Jahr durch gegenseitige Besuche.

Vor diesem Hintergrund war es selbst­verständlich, dass zum großen Jubilä­umskonzert der 9. Sinfonie im Februar 2018 in der Stadt Tokushima auch Ver­treter aus der Partnerregion eingeladen wurden. Neben offiziellen Vertretern der Regierung wurden auch 100 Schüler und Schülerinnen von fünf niedersächsischen Partnerschulen eingeladen, um als Teil des großen Chors mitzusingen. Für die jungen Leute bildete dies nicht nur eine Gelegenheit, die Kultur Japans kennenzu­lernen, sondern auch den Stellenwert von Musik als Teil internationaler Verständi­gung zu erfahren.

100 Schülerinnen und Schüler aus fünf Schulen in der Partnerregion Niedersachsen wurden zum Jubiläumskonzert in Tokushima-Stadt eingeladen.
100 Schülerinnen und Schüler aus fünf Schulen in der Partnerregion Niedersachsen wurden zum Jubiläumskonzert in Tokushima-Stadt eingeladen. © Michiharu Okubo

Der große Chor setzte sich aus Bewer­bern einer japanweiten öffentlichen Aus­schreibung zusammen. Am 12. Februar 2018 sangen über 3.000 Choristinnen und Choristen unter Leitung des Diri­genten Akiyama Kazuyoshi die „Ode an die Freude“ im vierten Satz des Konzerts, dabei eben jene 100 Schüle­rinnen und Schüler aus Niedersachsen sowie fast 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Taiwan. Neben den Gästen aus Deutsch­land beteiligten sich auch viele junge Menschen aus Tokushima an dem Kon­zert. Damit zeigen die Jubiläumskonzerte in Naruto und in Tokushima den hohen Stellenwert der Neunten für die gesamte Region. Ganz im Sinne der Botschaft der 9. Sinfonie werben sie für das Zusammen­treffen von Menschen aus unterschiedli­chen Kulturkreisen und die Weitergabe des musikalischen Erbes an die jüngere Generation.

Dieser Text wurde von Lilli Buschmin und Franziska Neugebauer für die Juli 2018-Ausgabe von JAPANDIGEST verfasst und für die Veröffentlichung auf der Webseite nachbearbeitet.

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