Shibuya Keiichirō: Schöpfer der Android Opera „Scary Beauty“

Miho Doi
Miho Doi

Im März hatte die außergewöhnliche Android Opera „Scary Beauty“ ihre Europapremiere in Düsseldorf. Zu Angst und Tränen gerührt, entlockten die bisher unbekannten Szenerien den Besuchern eine Fülle an Emotionen. Unsere Autorin hat mit Shibuya Keiichirō, dem Produzenten des Spektakels gesprochen.

Bühnensicht auf Orchester und Alter 3 bei dem Stück "Scary Beauty"
© Justine Emard

Schöne, elektronische Klänge vermischen sich mit denen des Orchesters. Dazu Gesang auf Englisch vom Androiden Alter 3, der auch das Orchester dirigiert. Weiß-bläulich beleuchtet, scheint das Gesicht des Roboters zu lachen und zu trauern. Je näher die Musik ihrem Höhepunkt rückt, desto ungestümer werden die Bewegungen von Alter 3, fast scheint er dadurch seine Freude auszudrücken. Wer die Performance sieht, kann einfach nicht anders, als sich irgendwie auch unwohl dabei zu fühlen.

Kunst darf sich unbehaglich und imperfekt anfühlen

In den letzten Jahren ist Kunst, die sich der Technologie bedient, beliebter geworden Die Menschen genießen, was sie sehen, sie fühlen sich gut dabei. Die Kunst geht dabei fließend in Unterhaltung über. Diese Entwicklung beruht auf der Annahme, dass Technologien im Alltag das Leben der Menschen bequemer machen. Das überträgt sich auch auf die Kunst, was meiner Meinung nach zu einer Anspruchslosigkeit an die Kunst führt. Mir war es wichtig, persönlichere Kunst zu machen, in der die Technologie nicht nur Unterhaltungswert hat. Diese Art von Herausforderung bringt unweigerlich Gefühle des Unwohlseins oder der Imperfektion mit sich.

Bei Konzerten, bei denen die menschlichen Performer sich die Seele aus dem Leib singen, wird das Publikum irgendwann zu einer Masse, die ihren Körper im Takt bewegt. Ich selbst kann dieses aus Sympathie geborene Gefühl nicht leiden (lacht). Bei dieser Oper sitzen Besucher, die den Androiden cool finden neben solchen, denen er Angst macht. Jeder Gast erlebt eine andere Gefühlswelt. Einer meiner Freunde hat bei der Vorstellung weinen müssen, wusste aber nicht warum. Ich schätze der Android lockt Empfindungen hervor, die bisher nur in mir geschlummert haben.

Der Hintergrund dieser Oper ist die Vocaloid Opera „THE END“, die in Zusammenarbeit mit Hatsune Miku*1 entstanden ist. 2013 waren die Vorstellungen im Théâtre du Châtelet in Paris über drei Tage komplett ausverkauft – ein offensichtlicher Erfolg.

Vor meiner Rückkehr nach Japan fragte mich der Leiter des Châtelets, was ich als nächstes vorhätte. Ich war nach den Aufführungen total ausgelaugt und hatte noch über gar nichts nachgedacht. Da hörte ich mich plötzlich sagen „Ich würde gerne eine Android Opera machen.“ Er antwortete, dass das ja toll wäre und bot mir eine Werkstatt dafür an und so kam ich da wirklich nicht mehr raus (lacht). Allerdings kürzte dann die französische Regierung das Budget für kulturelle Projekte und es wurde auf Eis gelegt. Das war 2015 der Stand der Dinge.

Aber als Idee hat es mir trotzdem ganz gut gefallen. In nur einer Zeile habe ich auf den Punkt gebracht, was eine Android-Oper überhaupt ist. Wie schon bei der Vocaloid Opera hatte ich das Gefühl, dass das einfach ein Erfolg werden muss. Während dieser Zeit befreundete ich mich auch mit Ishiguro Hiroshi, der an der Universität Ōsaka Robotik erforscht. Im Palais de Tokyo in Paris stand ich gemeinsam mit einem seiner Androiden auf der Bühne. Aber die Bewegungen des Roboters waren fehlerhaft, es lief nicht gut. Ich bat meinen Freund Ikeda Takashi um Hilfe, ein Forscher zu komplexen Systemen und künstlichem Leben an der Universität Tōkyō. Endlich bewegte sich der Roboter richtig und das Projekt nahm seinen Lauf.


*1 Hatsune Miku ist ein Synthesizer-Programm von Yamaha, das Sprachaufnahmen in künstlichen Gesang (Vocaloid) umwandelt. Es ist außerdem auch der Name der Figur, die die Software verkörpert.


Lebloser Android singt das letzte Lied der Menschlichkeit

So wurde also die Android Opera „Scary Beauty“ geboren. Die Leitung und den Gesang übernahm der Roboter, ein Orchester spielte und Shibuya selbst spielte Klavier und steuerte die musikalische Darbietung des Computers. Die Bühneninszenierung nutzte reichlich LED-Beleuchtung und Projektionen. Aktuell besteht die Vorstellung aus fünf abgeschlossenen Liedern, ist also in ihrer Form keine klassische „Oper“.

Das Bild, das bei der Vorstellung während Gesang und Orchesterleitung vermittelt wird, liegt sehr viel näher bei Frank Sinatra oder Björk als bei klassischen Dirigenten. Den leb- und seelenlosen Androiden die Leitung übernehmen zu lassen ist ein Setting von ursprünglich hohem Schwierigkeitsgrad. Er ist mit künstlicher Intelligenz ausgestattet, er läuft auf verschiedenen Programmen der künstlichen Intelligenz. Außerdem ist noch ein Programm für Musikkomposition mit im Mix. Diese beiden geraten natürlich aneinander, weswegen der Roboter nahezu außer Kontrolle gerät. Die so entstandene Musik ist von Mal zu Mal anders.

Wenn der Android also „The Seven Last Songs of Human“ singen soll, werden auch die im Werk verwendeten Liedtexte sorgfältig ausgewählt. Ich habe den Roboter englische Versionen von Textexzerpten merkwürdiger Schriftsteller und Philosophen, die sich der Frage, was Menschheit ist, annäherten, singen lassen. Der Titel „Scary Beauty“ stammt aus dem Werk „Die Möglichkeit einer Insel“ des französischen Autors Michel Houellebecq, ich habe ein Exzerpt daraus als eine Art Liebeslied verwendet. Ich hatte Houellebecq selbst direkt um Erlaubnis dazu gebeten. Außerdem wählte ich ein postum veröffentlichtes Werk des Philosophen Wittgenstein aus. Ein postumes Werk, soll heißen: Es ist sehr ungeordnet und zerstreut. Diese Art von Schwanken und Instabilität kann künstliche Intelligenz noch nicht kreieren. Es ist sicherlich interessant, wenn der Android solche Lieder singt. Ich habe vor, noch drei weitere Lieder zu produzieren, ich denke dafür werde ich auch postume Werke exzerpieren.

Bühnensicht auf Orchester und Alter 3 bei dem Stück "Scary Beauty"
© Justine Emard

Wenn der Android dirigiert, wendet er sich nicht in Richtung komplexer, moderner Musik, so Shibuya. Die Musik hat eine kühne Schönheit und eine strukturierte Form. Was das Ganze auch interessant macht, sind bebendes Tempo und die Logik, die der Android unter irr wirkenden Bewegungen beisteuert.

Anfangs haben Android und Orchester kaum zueinander gepasst. Wenn der Dirigent den Takt zählt, ist diese Bewegung bei Menschen einfach geschmeidiger und leichter zu verstehen. Doch ganz zufällig verfügt der Android auch über ein Bewegungsschema, das dem Heben und Senken der Schultern gleicht. Mit einem Mal hieß es im Orchester „Wenn das so ist, können wir es gemeinsam schaffen.“ Soll heißen, die Bewegungen des Androiden muteten wie Atmung an. Wenn man zum Beispiel mit jemandem spricht, wenn man mit jemandem verbunden ist, dann sieht man dessen Atmung. Auch das ist Kommunikation. Bis dahin hatte ich nur darüber nachgedacht, wie simpel es ist zu zählen und habe dabei vergessen, was für Menschen natürlich ist. Deshalb finde ich einen Androiden als Medium auch sehr wirksam, um Menschen zu verstehen.


Mit originellen Ideen die westliche Musik herausfordern

Die Aufführung in Düsseldorf war die Europapremiere und zugleich Teil des zeitgleich stattfindenden Festivals „Hi, Robot!“. Im August 2018 wurde das Stück im Tōkyōter Miraikan (nat. Museum für Zukunftsforschung und Innovation) uraufgeführt. Der Unterschied zur Show in Düsseldorf ist, dass dort ein neues Modell des Androiden, Alter 3, auftrat.

Im Vergleich zu Alter 2 sind die motorischen und musikalischen Fähigkeiten stark verbessert, wegen der vielen Auftritte ist er oft kaputt gegangen. Direkt bevor wir nach Deutschland kamen, ist im Zwei-Tages-Rhythmus irgendwas kaputt gegangen, die Konstruktion hat geklappert. Außerdem war Alter 2 so gebaut, dass man ihn mit seinen über 200 kg nicht demontieren konnte. Alter 3 haben wir auseinandergebaut und die Einzelteile im Gepäck der Mitarbeiter nach Deutschland gebracht.

Tatsächlich kamen Vorstellungs-Anfragen aus aller Welt, aber die Wahl fiel auf Düsseldorf, weil die Direktorin des Festivals mich als erste darauf ansprach. Sie hatte schon in Tōkyō mein Konzert gesehen. Dieses Jahr möchte ich noch irgendwo in Europa auftreten und anschließend habe ich eine Welttournee geplant.

Es entspricht Shibuyas Lebensstil, zu machen, worauf er Lust hat. Doch dass er ausgerechnet eine Oper als Gattung auswählte, liegt an seiner Wahrnehmung des Westens.

Ganz egal wie viel Rock und Hip Hop japanische Künstler machen, sie können nicht mit dem Westen mithalten. Ich fand es interessant, ein Werk der ursprünglich westlichen Gattungen, wie der Oper, zu schaffen, dass selbst Europäer nicht in den Sinn gekommen wäre. Mein Wunsch war es, dass Gefühle wie Liebe und Menschlichkeit auch bei einem Nicht-Menschen gültig wären. Ich hatte das Gefühl, dass es weltweit sehr wenige Menschen gibt, die diese Meinung teilen. Deshalb habe ich mich bei diesem Stück auch auf die Reaktionen in Europa gefreut.

Frontansicht auf den Androiden Alter 3 vom Kopf bis zur Brust

Die Technologie, die die Menschheit erschüttert

Shibuyas Eintritt in die Welt der elektronischen Musik wurde ebenfalls durch die Entwicklung der Technologie begünstigt. In den 1990er Jahren brachte Apple das PowerBook G3 auf den Markt und überraschte mit der vielseitigen Einsetzbarkeit von der Komposition über die Tonerzeugung bis hin zur Büroarbeit. Alles was davor gemacht wurde, konnte entsorgt werden.

Das war wirklich ein großer Wendepunkt. Die damals entstandene elektronische Musik war so aufregend, sie oblag keinen gängigen Regeln der Musik. Es war möglich, wirklich frische Musik zu machen, deren Art noch nie jemand zuvor gehört hatte. Aber schon relativ bald wurde sie vom Mainstream eingeholt. In Zukunft möchte ich, dass die Technologie mit ihrer Wildheit noch mehr Unsicherheit verbreitet, dass sie die Werte und das Bewusstsein der Menschen erschüttert. Darauf lege ich schon immer Wert.

In letzter Zeit gibt es jede Menge Lärm darum, dass künstliche Intelligenz den Menschen die Arbeit wegnehmen würde, aber ich denke nicht, dass das passieren wird. Wobei es schon Momente gibt, in denen man das Gefühlt hat, von der Technologie kontrolliert zu werden. Zum Beispiel schauen manche Leute während einer Unterhaltung ständig auf ihr Smartphone oder checken nach der Arbeit die sozialen Netzwerke. In den letzten Jahren hat sich in dieser Hinsicht viel geändert, aber der menschliche Körper hat in derselben Zeit auf den ersten Blick keine Veränderung durchlebt. Weil man unbewusst exzessiv Energie dafür aufwendet, dringt die Technologie in den Menschen ein und kontrolliert ihn.

Während er sich mit der sich täglich entwickelnden Technologie auseinandersetzt, arbeitet Shibuya auch daran, weiterhin kreativ zu schaffen. Welche Vision hat er für die Zukunft?

Das eine Genre, bei dem ich wohl für den Rest meines Lebens bleiben werde, ist Bühnen- bzw. Theatermusik wie bei „THE END“ und „Scary Beauty“. Bei Bühnenmusik kommen so viele Leute aus ursprünglich verschiedenen Genres zusammen, um gemeinsam ein Stück zu kreieren. Das ist eine sehr lebhafte Erfahrung und das Gefühl, bei so etwas dabei zu sein, ist unfassbar interessant. Und momentan gibt es auch kaum andere Leute, die unter diesen Umständen so etwas Übertriebenes auf die Beine stellen, deshalb möchte ich unbedingt dran bleiben.

„Scary Beauty“ ist ein Werk, dass aus originellen Ideen und der Beherrschung von Technologie geboren wurde. Unter den Besuchern führt es zu bisher unbekannten Emotionen und Erfahrungen. In der Rheinischen Post wird über die Vorstellung berichtet, sie rege zum Nachdenken über das Wesen des Menschen und die Erfahrung, dass Kunst nicht von „künstlich“ komme, an. Das Werk Shibuyas mag vielleicht heute schon als eine Technologie bezeichnet werden, die an den Werten der Menschen rüttelt.


Eine andere unserer Autorinnen war vor Ort und hat „Scary Beauty” hautnah zu spüren bekommen. Den Erfahrungen Shibuyas, die Aufführung würde bisher unbekannte Emotionen hervorlocken, kann sie nur zustimmen. Die Erwartungshaltung, harmonische Klänge in einem futuristisch anmutenden Setting zu erfahren, wurde zwar enttäuscht. Dennoch tat die Musik das, was sie am besten tut: Sie bewegte ihr Gemüt, mit überwältigenden, überraschenden aber wohl auch schönen Szenen. Während die Autorin selbst eher den musikalischen und unterhaltenden Aspekten des Abends folgte, war ihre Begleitung – mit zugegebenermaßen mehr Vorwissen in der Robotik – skeptisch ob der tatsächlichen künstlichen Intelligenz des Androiden. Denn wie viel (durch Menschen) Vorprogrammiertes und wie viel durch das Orchester Improvisiertes tatsächlich in der Show steckte, war zumindest für den Laienbetrachter unerkenntlich.


Profil Shibuya Keiichirō

1973 geboren. Abschluss der Fakultät für Komposition von der Tōkyō Geijutsu Daigaku. Gründete 2002 das Musiklabel ATAK, das sowohl in Japan als auch international modernste elektronische Musik veröffentlicht. Neben seinen Tätigkeiten in der Filmmusik kündigte er 2012 die Vocaloid-Oper „THE END“ mit dem virtuellen Star Hatsune Miku an, die weltweit aufgeführt wurde.
http://atak.jp

Profilfoto von Shibuya Keiichirō
© Ronald Stoops

Dieser Artikel wurde zuerst auf Japanisch für Doitsu News Digest verfasst und von JAPANDIGEST übersetzt und nachbearbeitet.

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