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Buddhistische Begriffe im japanischen Alltag

Aya Puster
Aya Puster

Am 8. April feiert man in Ostasien das Hanamatsuri, den Geburtstag des Buddhas. Dieser Tag ist eine gute Gelegenheit, sich Gedanken über die Wörter im Alltag zu machen, die ihre Wurzeln im Buddhismus haben.

Buddhastatue

Man staunt nicht schlecht, wie viele Wörter, die man im Grundstudium des Japanischen erlernt, einen buddhistischen Ursprung haben:

BegriffDeutsche ÜbersetzungUrsprünglicher Sinn im Buddhismus
anshin (安心) Ruhe, Erleichterung, beruhigt seinDas Wort besteht aus an (Ruhe) + shin (Herz). Der Hintergrund des Wortes: Man gelangt zur Einsicht, dass sein Schicksal in den Händen Buddhas liegt, man gewinnt dadurch Seelenruhe und kann sich von alltäglichen Sorgen und Ängsten befreien.
hiniku (皮肉) IronieHi und niku bedeuten „Haut“ und „Fleisch“. Der hohe Mönch Daruma (Bodhidahrma) soll seine Schüler bei mangelhaften Leistungen mit dem Wort ermahnt haben, dass sie nur „Haut und Fleisch“ der buddhistischen Lehre, also nur Oberflächliches, gelernt hätten, jedoch nicht bis zur kotsuzui („Knochen“ und „Knochenmark“), zur Essenz der Lehre, gelangen konnten. Seitdem kritisiert man die Fehler der anderen mit hiniku – Ironie.
rakugo (落語) Traditionelle Kunst des GeschichtenerzählensIm Mittelalter benutzte ein bekannter Prediger der buddhistischen Jōdō-Sekte in seinen Predigten lustige Volksmärchen, um dem einfachen Volk den Buddhismus näher zu bringen. Seine Geschichten hatten stets eine Pointe, welche auf Japanisch ochi heißt und mit dem Schriftzeichen raku (落) geschrieben wird. Seitdem werden „lustige Geschichten mit Pointen“ rakugo genannt.
rieki (利益) Gewinn, ErtragIm buddhistischen Kontext liest man dieses Kanji auch als riyaku. Es bedeutet das Glück im Jenseits, welches man sich durch gute Taten im Diesseits erarbeiten kann.
seken/shusse/shukke* (世間/出世/出家) Welt, Allgemeinheit/Karriere/ Eintritt ins KlosterSe (世) steht für die Welt der Menschen. Seken bedeutet dementsprechend „das Leben unter den Menschen“. Shusse bedeutete ursprünglich „das Leben unter den Menschen verlassen und ins Kloster eintreten“. Heutzutage wird dies jedoch shukke genannt, während shusse eine neue Bedeutung, nämlich „Karriere“, bekommen hat. Das entstammt aus der mittelalterlichen Gewohnheit, dass jene Adeligen, die ins Kloster eintraten, mit großzügigen Spenden viel schneller höhere Priesterränge erreichen konnten als die normalen Priester.

Moderner Sprachwandel auch im religiösen Kontext

Interessanter ist jedoch dieser neuartige Trend im japanischen Buddhismus: Seit einigen Jahren kursiert ein neues Adjektiv namens namui unter den jungen Buddhisten in Japan. Es stammt ursprünglich aus dem Gebetsspruch der Jōdō-Sekte namuamidabutsu, ein Dank für die Erlösung durch Amidanyorai (Amitabha), und wurde 2016 bei einem buddhistischen Fest im Chion-in-Tempel in Kyōto von einer buddhistischen Mädchen-Band namens terapalms kreiert, die sich mittlerweile wieder aufgelöst hat. Namui soll ein positives Gefühl im Alltagsleben ausdrücken. Es ähnelt einem veralteten Modewort der 1980er, naui, welches sich vom englischen „now“ ableitete und „modern“ bedeutete. Namui wird mit gleichem Akzent wie naui ausgesprochen und konnte wohl daher leicht adaptiert werden.

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Ein anderer neuer Begriff entstand 2016 ebenfalls innerhalb der Jōdō-Sekte: tekunohōyō – tekuno (Techno-Musik) + hōyō (buddhistischer Gedenkgottesdienst). Der Hauptpriester des Shōonji-Tempels in der Präfektur Fukui arbeitete als junger Mann als DJ und Beleuchtungstechniker in Live-Musik-Klubs in Kyōto und fand heraus, dass der Techno-Sound eine unerwartete Ähnlichkeit mit dem buddhistischen Ritualgesang shōmyō hat und dass die modernen künstlerischen Lichtspiele doch der buddhistischen Vorstellung vom gokurakujōdo, das reine Land der Glückseligkeit, verblüffend ähnelten. Er gestaltete daraufhin die erste tekunohōyō-Gedenkfeier mit Lichtspielen, Projektionen und Remix des buddhistischen Ritualgesangs zu Techno-Sounds.

Jugend und Social Media

Bukkyō puranetarium, das „buddhistische Planetarium“, ist auch ein Missionsprojekt des Shōganji-Tempels in Tōkyō. Dessen Hauptpriester war schon als Kind von Astronomie begeistert und gründete in seinem Tempel einen der zu den Top-10 gehörenden Privat-Planetarien namens Gingaza. Neben buddhistischen Themen wie dem Leben des Buddhas werden natürlich auch Astronomie bzw. naturwissenschaftsbezogene Themen, Konzerte mit Sternenhimmel und letztes Jahr sogar auch ein Vortrag über die Corona-Pandemie im Planetarium gezeigt.

Nicht zuletzt sei noch der karēbōzu, „Curry-Bonze“, zu erwähnen. Ein junger Priester des Chōanji-Tempels in Nagasaki wunderte sich, warum so viele nicht-christliche Japaner Weihnachten mit sog. kurisumasukēki (Weihnachtstorten) groß feiern, während der Buddhismus kein solches Pendant kannte. So rief er auf Twitter dazu auf, dass das Essen von Curry-Reis, einer Speise aus Indien (der Heimat des Buddhismus), eine neue buddhistische Tradition am Hanamatsuri werden soll, und erhielt im Nu über 50.000 Likes.

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