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Die Golden Week und Corona – was ist 2021 anders?

Matthias Reich
Matthias Reich

Die Golden Week, eine Aneinanderreihung mehrerer Feiertage Ende April/Anfang Mai, ist enorm wichtig in Japan – fast das gesamte Land hat frei, und das wird ausgiebig zum Reisen genutzt. Zwar hat die Pandemie auch Japan weiterhin fest im Griff, doch 2021 scheint doch alles anders zu sein als im Jahr...

Straße in Japan während der Golden Week 2021 (Hinweisschild:„Bleiben Sie wegen Corona zu Hause”)
Golden Week 2021: Das Hinweisschild sagt „Bleiben Sie wegen Corona zu Hause”.

2021 war in Sachen Golden Week ein Déjà-vu: Drei Wochen vor der Golden Week 2020 wurde der erste Ausnahmezustand ausgerufen und die Bevölkerung eindringlich gebeten, bitte zu Hause zu bleiben. 2021 wurde eine Woche vor der Golden Week der nunmehr dritte Ausnahmezustand ausgerufen. Dieses Mal zwar aktuell nur für vier Präfekturen – Tōkyō, Ōsaka, Hyōgo und Kyōto –, prinzipiell wurde jedoch erneut die gesamte Bevölkerung dazu aufgerufen, sich an die Devise “Stay home” zu halten.

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Golden Week 2021: Alles ist anders

2020 war die Bedrohung durch das Virus noch sehr neu, es herrschte große Unsicherheit und die sorgte dafür, dass sich die meisten auch an die Appelle seitens der Politik hielten. Was jedoch 2021 zur “goldenen Woche” geschah, könnte man fast schon als kollektiven Ungehorsam bezeichnen. Fast 10 Millionen Japaner begaben sich auf (Inlands)reisen – vor einem Jahr waren es nur 5 Millionen (normal sind rund 25 Millionen). Doch nicht nur das: Waren die Autobahnen während der goldenen Woche 2020 fast wie leergefegt (ein wohlgemerkt sehr seltenes Phänomen), so war das gesamte Autobahnnetz 2021 rund um Tōkyō ein einziger riesiger Stau. Die Menschen ließen sich nicht von Tagesausflügen abhalten, überquerten munter Präfekturgrenzen, gingen shoppen und essen.

Was war nun anders? Die Gefahr rasant steigender Infektionszahlen war 2020 imminent, und sie war es auch in diesem Jahr, hauptsächlich aufgrund der Mutanten des Virus, die zurzeit in Japan vorherrschen. Wie schnell die britische Mutante das Infektionsgeschehen antreiben kann, hatte man ja vorher zur Genüge in Europa betrachten können. Auch in Japan warnen Wissenschaftler und Politiker seit Wochen, dass die Mutationen die Spielregeln geändert haben: Was an Maßnahmen vor einem Jahr noch ausreichte, ist dieses Mal nicht mehr genug. Doch warum trieb es dennoch so viele Menschen nach draußen?

Kein Vertrauen in die Politik

Der Grund ist einfach, aber auch besorgniserregend: Die Politik hat ihre Glaubwürdigkeit in Sachen Corona verspielt. Der Logik, dass man jetzt auf gar keinen Fall vor die Tür gehen solle, da es viel zu gefährlich sei – im Juli aber die Olympischen Spiele stattfinden lassen möchte – können viele Japaner berechtigterweise nicht folgen. Sicher, man hat beschlossen, keine ausländischen Besucher zu den Spielen ins Land zu lassen, doch es werden unvermeidlich zehntausende Sportler:innen und Begleiter:innen aus der ganzen Welt ins Land gelassen, und die Spiele werden große Menschenmassen bewegen. Wie kann es da sein, dass es jetzt ganz gefährlich ist – im Juli dann aber alles sicher sein soll?

Auch die Informationspolitik der Regierung ist mehr als ungenügend, und dazu trägt Wirtschafts- und Finanzminister Nishimura Yasutoshi bei, der beständig fragwürdige Statements abgibt. So sagte er während der Golden Week in einer Pressekonferenz, dass man sich auch im Freien sowie mit einem Mund-Nasen-Schutz mit dem Coronavirus infizieren kann – es hätte schon mehrere solche Fälle gegeben. Unter ganz bestimmten Bedingungen ist dies vielleicht möglich, doch es hagelte umgehend wütende Kommentare in den sozialen Medien. Zu Recht: Wie will dieser Minister den Menschen entgegentreten, die tagtäglich in vollen Zügen zur Arbeit fahren müssen? Und wieso findet dann momentan der olympische Fackellauf quer durch Japan statt?

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Gemischte Gefühle

Die ungenaue und nicht selten widersprüchliche Informationspolitik, gepaart mit einer nicht von der Hand zu weisenden Coronamüdigkeit, sorgt dafür, dass wesentlich mehr Menschen als im vergangenen Jahr die Warnungen und Bitten in den Wind schlugen und sich auf Reisen begaben. Die Betreiber von Geschäften und Restaurants in gut besuchten Gebieten sahen dies natürlich mit gemischten Gefühlen. Einerseits sind viele auf die Einnahmen angewiesen, andererseits will man jedoch keine Besucher aus Hochinzidenzgebieten. So gesehen tun die Beteiligten, was sie können – nach Möglichkeit Abstand halten, Maske tragen und ständiges Desinfizieren. Inwieweit das ausreicht, wird man ein paar Tage nach der Golden Week wissen, denn während der Feiertage wurde kaum getestet. Daher kann man zurzeit nicht genau sagen, wie sehr sich die Massenwanderungen auf das Infektionsgeschehen ausgewirkt haben werden.

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