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Abe vs. Corona: Wie die japanische Regierung mit COVID-19 umgeht

Matthias Reich
Matthias Reich

Seit Januar 2020 hält das neue Corona-Virus Japan in Atem – ohne Ende in Sicht. Gern werden Fallzahlen und die jeweiligen Maßnahmen der Regierungen verglichen. Und wie so oft beschreitet Japan hier Sonderwege. Ein persönlicher Blick auf die gegenwärtige Lage.

Coronamaßnahmen in Japan: Banner zum Thema Mindestabstand einhalten

Es ist schon ein eigenartiges Gefühl. Wenn man in Japan lebt und neben den hiesigen Nachrichten auch die englischen und deutschen Nachrichten verfolgt, so weiß man manchmal nicht, was man von der momentanen Lage wirklich halten soll. Seit Monaten gibt es tagtäglich neue Coronafälle, und seit Monaten ist die Rede davon, dass Japan Ländern wie Italien, Spanien, Deutschland oder den USA nur ein paar Wochen hinterherhinkt – man hat seit Monaten Angst vor dem “overshoot”, der plötzlichen und unkontrollierten Ausbreitung des Virus. Doch genau das ist bisher ausgeblieben. Sicher, während es im Februar und März noch dutzende Fälle pro Tag waren, sind es jetzt hunderte – an einem Tag sogar über 200 allein in Tōkyō. Doch man ist noch weit entfernt von den steilen Kurven, die man in so vielen anderen Ländern gesehen hat. Auch die Anzahl der an COVID-19 Verstorbenen ist vergleichsweise gering.

Maßnahmen basieren auf Freiwilligkeit

Die Zahlen verblüffen um so mehr, wenn man bedenkt, dass kaum eine Maßnahme in Japan rechtlich vorgeschrieben ist. Nahezu alles geschieht auf Basis freiwilliger Selbstbeschränkung, auf Japanisch jishuku. Die Behörden bitten also die Bewohner, nicht rauszugehen, aber mehr auch nicht. Bestimmte Geschäfte, vor allem natürlich Bars, Clubs, Spielhallen, aber auch Restaurants werden gebeten, zu schließen – aber nicht dazu gezwungen. Und immer mehr Japaner leisteten dem Folge. Selbst in der Goldenen Woche, mit fünf freien Tagen am Stück, folgten fast alle dem “Stay Home”-Aufruf. Die üblichen, zur Goldenen Woche völlig überlaufenen Orte, waren menschenleer, und an den belebtesten Orten in Tōkyō sind nunmehr nur rund 20% der üblichen Menschenmengen unterwegs.

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Coronamaßnahmen in Japan: Schutzbestimmungen im Supermarkt
Viele japanische Geschäfte achten streng auf das Einhalten von Schutzmaßnahmen.
Coronamaßnahmen in Japan: Leeres Supermarktregal und Auskunft zur Rationalisierung bestimmter Waren
Schon früh haben Supermärkte versucht, Hamsterkäufen vorzubeugen, indem sie die Anzahl bestimmter Waren pro Haushalt beim Verkauf beschränkten. Trotz allem waren leere Supermarktregale keine Seltenheit.

Kritik am Verhalten der japanischen Regierung

Man könnte also meinen, dass die bisherigen Maßnahmen der Regierung ausreichen, um eine rapide Vermehrung des Virus zu verhindern. Viele Japaner haben jedoch eher den Eindruck, dass es mehr der Disziplin der Japaner zu verdanken ist, gepaart mit kulturellen Besonderheiten (“skinship”, also das Anfassen von Personen, ist in Japan eher unüblich, genauso lautes Sprechen, und das Tragen von Masken ist vielen Japanern nicht neu.), dass die Lage nicht außer Kontrolle gerät. Denn so viel steht fest: Mit Ruhm hat sich die Regierung bislang nicht bekleckert.

1.) Obwohl bereits Anfang Januar Bildmaterial aus Wuhan auftauchte, das auf beängstigende Weise zeigte, wie sehr das Virus dort fortgeschritten war, und obwohl der erste Corona-Fall bereits am 16. Januar in Japan auftauchte, begann man erst am 24. Januar, Reisende aus der Region Wuhan zu testen. Bis zum 13. Februar, also noch einen Monat lang, durften Einwohner aus Wuhan und den umliegenden Provinzen nach Japan einreisen.

2.) Die Handhabung im Falle des Kreuzfahrtschiffes Diamond Princess, das mit einigen Corona-Verdachtsfällen an Bord am 1. Februar in Yokohama vor Anker ging, wurde weltweit kritisiert. Die Isolierung mehrerer tausend Passagiere und Besatzungsmitglieder bewies schnell, dass Kreuzfahrtschiffe wie eine riesige Petrischale wirken – hunderte Passagiere steckten sich an.

3.) Seit Beginn der Epidemie wird nur äußerst zaghaft getestet. Als Regel gilt fortan, dass man erst einen Test machen kann, wenn man mehr als 4 Tage am Stück Fieber hatte. Anfang Mai wird sich der Gesundheitsminister damit herausreden, dass mit dieser Regel gemeint war, dass sich Leute nach vier Tagen Fieber testen lassen sollen – eine Aussage, die viel Kopfschütteln hervorruft. Fakt ist, dass in kaum einen anderen Land so wenig getestet wird wie in Japan, was konsequenterweise zu Gerüchten führt, dass die Dunkelziffer der Infektionen um ein Vielfaches höher ist.

4.) Erst im April wurde damit begonnen, vor einem Zusammenbruch des Gesundheitswesens zu warnen – dabei hatte Japan viel länger Zeit als zum Beispiel Italien oder Spanien, um sich auf eine drohende rasante Ausbreitung vorzubereiten. Die Folge: Ein sprunghafter Anstieg von Krankenhausinfektionen. Zur mangelnden Vorbereitung zählt auch das Fehlen adäquater Schutzkleidung selbst an vorderster Front, und die Tatsache, dass man mancherorts, obwohl erst am Anfang der Epidemie, bereits an die Grenze der zur Verfügung stehenden intensivmedizinischen Krankenhausbetten steht.

5.) Während andere Staaten bereits ordentliche Hilfspakete geschnürt hatten, konnte sich die japanische Regierung bis Mitte April nur zu einer greifbaren Maßnahme durchringen: dem kostenlosen Verteilen von zwei Stoffmasken pro Haushalt. Die schnell spöttisch “Abenomask” (“Abe’s Maske”) genannten Masken sind aus Stoff, extrem schlicht und nicht dehnbar, und für viele Menschen zu klein. Erste Exemplare, die Ende April verschickt wurden, enthielten teilweise Haare, Insekten und andere Fremdkörper. Hinzu kommt, dass selbst nach einem Monat nur ein Bruchteil der Bevölkerung die Masken erhalten hat. Die Maßnahme gilt als hunderte Millionen Euro teure, völlig sinnlose Verschwendung von Steuergeldern.

6.) Erst wurde beschlossen, dass von der Corona-Epidemie besonders schwer betroffene Haushalte eine einmalige Unterstützung von 300.000 Yen (rund 2.500 Euro) bekommen sollen. Dann wurde entschieden, dass jede in Japan gemeldete Person 100.000 Yen bekommen solle, ob bedürftig oder nicht. Das soll im Mai geschehen, aber soweit ist noch immer nicht ganz klar, wie genau das geschehen werde.

7.) Erst spät hat man erkannt, dass die Fixkosten, vor allem die in Japan oft horrenden Mieten, viele Unternehmer in den Ruin treiben werden. Konkrete Maßnahmen fehlen auf Landesebene völlig, stattdessen versuchen die Kommunen eher schlecht als recht, einer Pleitewelle entgegenzusteuern.

8.) Die Corona-Krise sorgt für eine weitere Verschärfung der Ungleichheit im Bildungswesen. Während teure Privatschulen und jukus (Nachmittags- bzw. Abendschulen zur Prüfungsvorbereitung) oftmals schnell mittels Zoom & Co. Onlinekurse organisierten, haben die Schüler öffentlicher Schulen schlichtweg einfach nur keinerlei Unterricht, es sei denn, ein Elternteil ist permanent zu Hause und in der Lage, dort zu unterrichten.

Das Ergebnis lässt sich an den Umfragewerten ablesen: Die Mehrheit der Japaner ist unzufrieden mit der Arbeit der Regierung. Doch die Krise bringt auch Helden hervor: So gilt der äußerst junge (44 Jahre) Gouverneur von Ōsaka, Yoshimura Hirofumi, als äußerst geschickt im Umgang mit der Epidemie – genauso wie sein Kollege aus Hokkaidō. Weniger glaubhaft wirkt hingegen Koike, die Gouverneurin von Tōkyō, die einfach nur gebetsmühlenartig die gleichen Phrasen wiederholt.

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Erfolg durch Disziplin?

Seit Anfang Mai sind viele Zahlen rückläufig, und der Großteil der Japaner hat während der Goldenen Woche sehr viel Disziplin bewiesen, was Anlass zur Hoffnung gibt. Doch abgerechnet wird zum Schluss. Möglich ist auch, dass Japan mit weniger Blessuren davonkommt als die meisten anderen Länder – was sich die Regierung natürlich sofort ans Revers heften wird. Doch Politik hin oder her: Je weniger Menschen an Corona leiden müssen, desto besser.

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