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Paradoxes Japan: Wenige konkrete Maßnahmen und trotzdem Erfolg im Kampf gegen Corona?

Matthias Reich
Matthias Reich

Die ausländischen Medien haben in den vergangenen Wochen festgestellt, dass die Lage in Japan in Sachen Corona-Maßnahmen, besonders im internationalen Vergleich, irgendwie anders ist. Aber warum? Und was denkt man in Japan darüber?

Tokyo Metropolitan Government Building
Der "Tōkyō Alert" lässt das Rathaus der Hauptstadt rot erleuchten - eine dringende Erinnerung dessen, dass der Kampf gegen Corona noch nicht beendet ist.

Die Lage ist paradox. Japan liegt sehr nah an China, und hatte aufgrund der großen Besucherströme zwischen Japan und China schnell die ersten eigenen COVID-19-Infektionen im Land. Vor allem am Anfang wurde zudem nahezu alles falsch gemacht, was man hätte falsch machen können. Die Grenzen wurden zu spät geschlossen, man testete kaum, und man “züchtete” hunderte neue Krankheitsfälle an Bord eines in Yokohama vor Anker liegenden Kreuzfahrtschiffes. Und dennoch stiegen die Zahlen nur langsam an, während das Virus bereits kräftig in Italien, später dann Spanien, Großbritannien, den USA und vielen anderen Länder wütete. Es schien nur eine Frage der Zeit, bis auch in Japan eine unkontrollierte Infektionswelle beginnen würde. Spätestens als man Mitte April über 200 Neuinfektionen pro Tag allein in Tōkyō feststellte.

Die Regierung beschloss, erst für die besonders betroffenen Präfekturen, darunter Tōkyō, Ōsaka und Hokkaidō, den Ausnahmezustand zu verhängen. Doch das hatte, aus westlicher Sicht zumindest, einen Haken: Die Regierung hat gar nicht die rechtlichen Mittel, einen kompletten “Lockdown” wie in Deutschland, Frankreich oder anderswo zu bewirken. Man konnte lediglich die Bewohner darum bitten, nach Möglichkeit zu Hause zu arbeiten, Menschenansammlungen zu meiden, nicht zu verreisen und dergleichen – und man konnte Geschäftsinhaber nur darum bitten, ihre Bars und Restaurants nach Möglichkeit geschlossen zu halten.

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Scheinbare Beruhigung der Lage

Ab Mitte Mai schien sich die Lage etwas beruhigt zu haben – die Zahl der Neuinfektionen sank beständig, und so hob man den Ausnahmezustand ein paar Tage vor der anfangs vorgesehenen Frist von Ende Mai auf. Die Reaktion der Bevölkerung war geteilt – nahezu die Hälfte begrüßte den Schritt, die andere Hälfte hielt es für verfrüht. 95 % der Teilnehmer einer aktuellen Umfrage gaben allerdings an, Sorge vor einer zweiten Welle zu haben, und die Sorge scheint berechtigt – plötzlich tauchten wieder neue Fälle im zweistelligen Bereich in Kitakyūshū (Präfektur Fukuoka) auf, wo es zuvor wochenlang keinen einzigen neuen Fall gab. Auch in Tōkyō steigen die Zahlen seit Aufhebung des Ausnahmezustands wieder an – weshalb dort der sogenannte 東京アラート (Tōkyō Alert) ins Leben gerufen wurde. Das Warnsystem tritt in Kraft, wenn es in den vergangenen 7 Tagen:

  1. im Schnitt mehr als 20 Neuinfektionen pro Tag gab
  2. bei mehr als 50 % der Neuinfektionen unmöglich war, die Infektionssquelle zu finden
  3. mehr Neuinfektionen als in der Woche zuvor gab
Tokyo Metropolitan Government Building

Dazu hat man umgehend das 243 m hohe Rathaus von Tōkyō sowie die berühmte Rainbow Bridge in gigantische Ampeln umfunktioniert – eine Idee, die zuvor schon der Governeur von Ōsaka hatte. Beim Inkrafttreten des Tōkyō Alert erstrahlen die Bauwerke in leuchtendem Rot. Und nur wenige Tage nach Beendigung des Ausnahmezustandes kamen die Hauptstädter in den zweifelhaften Genuss der roten Beleuchtung, denn die Bedingungen für den Tōkyō Alert waren schnell erfüllt. Allerdings hat dieser Alarm keinerlei rechtliche Bindung: Die Stadtverwaltung will damit lediglich die Bevölkerung darauf hinweisen, dass man den Ernst der Lage nicht unterschätzen soll, und hofft so auf Selbstdisziplin.

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Kulturelle Besonderheiten im Fokus

Es ist wohl eben dieser Selbstdisziplin sowie verschiedener kultureller Besonderheiten zu verdanken, dass in Japan keine große Infektionswelle heranrollte, sprich, Japan im internationalen Schnitt auch ohne Lockdown erfolgreich zu sein scheint. Es gibt da allerdings nicht den einen Grund, sondern vermutlich viele verschiedene:

  • Enger Körperkontakt (Händeschütteln, Umarmen, Kuss auf die Wange usw.) ist in Japan unüblich
  • Laute Unterhaltungen (Tröpfcheninfektion!) sind unüblich
  • Die Scheu vor Gesichtsmasken gab es in Japan schon vor Corona nicht – selbst vor Corona trugen vor allem im Frühjahr bis zu 30 % freiwillig eine Maske
  • Japaner lieben Desinfektionsmittel und Waschmittel mit desinfizierender Wirkung
  • Prinzipiell zieht man in Japan an der Haustür die Schuhe aus
  • Diabetes, Fettleibigkeit und andere mit dem Lebensstil einhergehende gesundheitliche Probleme sind in Japan weniger häufig zu finden – was die geringe Sterblichkeitsrate erklären könnte
  • Viele ältere Menschen leben allein
  • Die japanische Sprache ist arm an Zischlauten und anderen Lauten, die eine feuchte Aussprache begünstigen
  • Tendenziell folgt man dem, was die Politik, die Vorgesetzten, Lehrer, Verbandsleiter usw. vorgeben, eher als zum Beispiel in westlichen Ländern – eine Eigenart, die oft auch mit dem Begriff “gesellschaftlicher Zwang” konnotiert wird
  • In Japan ist man erfolgreich mit der Taktik, sogenannte “Cluster” aufzuspüren, sprich Infektionsquellen zu entdecken und einzudämmen

Die Regierung in der Kritik

Mit anderen Worten: Es ist weniger die Politik, die sich hier rühmen kann, erfolgreich zu sein, und so denken auch die meisten Japaner: Mehr als die Hälfte ist mit der Arbeit des Kabinetts von Premierminister Abe unzufrieden, da man die Maßnahmen als zu langsam und zu halbherzig betrachtet. Bestätigt fühlt man sich da bei einem Skandal um Hilfsgelder, der am 07. Juni aufgedeckt wurde: Die Opposition fand heraus, dass das Wirtschaftsministerium Hilfsgelder auf dubiosen Wegen an Subunternehmer weiterleitete – ein Prozess, bei dem durchaus erhebliche Summen verschwanden.

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